Tübingen: Promi-Geburtstag vom 11. Februar 2017: Inge Jens

Tübingen : Promi-Geburtstag vom 11. Februar 2017: Inge Jens

Theodor Fontane, Thomas Mann und Heinrich Heine - Bilder drei Literaten hängen über einem Sideboard im Wohnzimmer der Literaturwissenschaftlerin Inge Jens. „Das waren die drei Hausheiligen meines Mannes”, sagt sie.

Nach der langen Demenzerkrankung und dem Tod von Walter Jens, einem seinerzeit großen Intellektuellen der Bundesrepublik, sind die drei Schwarzweiß-Zeichnungen und -Drucke mit Inge Jens in eine Tübinger Dreizimmerwohnung gezogen.

Thomas Mann blickt ihr so beim Gespräch über die Schulter - der Mann, dessen Tagebücher die Literaturwissenschaftlerin Inge Jens editiert hat. Als Mann-Kennerin genießt sie bis heute literarisches Ansehen. Zudem hat sie mit Ihrem Mann Bücher zur Tübinger Stadt- und Universitätsgeschichte veröffentlicht. Zuletzt hat Inge Jens Briefe aus der Krankheitszeit ihres Mannes unter dem Titel „Langsames Entschwinden” publiziert. Es sei ihr „vorerst letztes Buch” hat sie einmal gesagt. „Das wird es auch bleiben. Mir fällt nichts mehr ein”, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur kurz vor ihrem 90. Geburtstag an diesem Samstag (11. Februar).

Was sie sich wünscht? „Möglichst gesund und klar zu bleiben im Kopf, um möglichst lange am Leben teilzunehmen.” Am Leben teilnehmen, das heißt für sie zum Beispiel - wenn es das Wetter zulässt - in die Tübinger Stiftskirche zur Motette zu gehen. Ihren Geburtstag feiert Inge Jens bei Gastwirten, bei denen sie seit Jahrzehnten alle großen Feste gefeiert hat, mit einem Geigenquartett und 40 Gästen, darunter ihre beiden Söhne Tilman (62) und Christoph (51). Der Theologe Karl-Josef Kuschel, ein Freund der Familie Jens, soll einen Vortrag über Tübingen in den Augen von Inge Jens halten.

„Es gab in Tübingen nur wenige, die das Kaliber der Jensens hatten”, sagt Kuschel der Deutschen Presse-Agentur. Und kaum jemand habe so viel über Tübingen recherchiert und publiziert wie das Ehepaar Jens. Zu ihrer gemeinsam geschriebenen Biografie der Universität, herausgegeben 1977, kam die Betrachtung „Kleine große Stadt” von 1981. Inge Jens recherchierte dafür monatelang in der Universitätsbibliothek.

Das Besondere an den Werken sei die Perspektive, sagt Kuschel. Inge Jens und ihr Mann hätten zwar das geistige Tübingen gewürdigt, aber auch gezeigt, was es hinter der glänzenden Fassade gab: eine vergessene, dunkle, sozial schwache Stadt. „Der Blick von unten auf die von der herrschenden Geschichtsschreibung Übergangenen und Unbeachteten ist der Jenssche Blick auf Tübingen”, sagt Kuschel. Dadurch hätten sie gerade den Schwachen, Vergessenen Gerechtigkeit widerfahren lassen.

Inge Jens (Mädchenname: Puttfarcken) stammt zwar aus Hamburg, sagt aber über sich: „Ich bin Tübingerin”. Als junge Frau ist sie zum Studium in die Universitätsstadt gekommen, wo im selben Haus wie sie der etwas ältere Walter Jens in einer Dachkammer wohnte. Sie nahm Griechischunterricht bei ihm und heiratete ihn wenige Jahre später, 1951. Gemeinsame Entspannung vom Wissenschaftsbetrieb fanden sie bei Sonntagsausflügen. „Die optisch augenfälligen Kulturleistungen in Baden-Württemberg sind größer als anderswo”, sagt Inge Jens. Sie habe es genossen, etwa den oberschwäbischen Barock so nah vor der Tür zu haben, und sei mit dem Rad die Gegend abgefahren - „bis zum Bodensee runter”.

Und doch war sie im Mai 1989 froh, als ihr Mann nach seiner Emeritierung zum Präsident an der Akademie der Künste in Berlin gewählt wurde und sie Tübingen für gewisse Zeit verlassen konnten. Die Kinder waren aus dem Haus, Inge und Walter Jens genossen das Leben in der Hauptstadt - noch heute eine besondere Erinnerung für sie: „Das hat uns zehn wundervolle Jahre beschert.” Die Theater rissen sich demnach darum, Walter Jens und seine Frau in der Aufführung zu wissen. „Dass es mit dem Fall der Mauer zusammenfiel, war das Tüpfelchen auf dem i.”

Im Alter hat sie mit ihrem Mann weiterhin Bücher geschrieben - etwa die Biografien der Katharina Pringsheim („Frau Thomas Mann”, 2003) und ihrer Mutter Hedwig Pringsheim („Katias Mutter”, 2005). 2009 erschien ihre Autobiografie „Unvollständige Erinnerungen”.

Zum wissenschaftlichen und publizistischen Engagement von Inge Jens kommt das zivilgesellschaftliche. Gemeinsam mit ihrem Mann Walter wurde Inge Jens in den 80er Jahren zu einer Galionsfigur der Friedensbewegung. 1984 beteiligte sie sich an Sitzblockaden vor dem Atomwaffendepot Mutlangen (Ostalbkreis), während des Golfkriegs 1990 versteckte das Paar desertierte US-Soldaten in seinem Haus und kam dafür wegen Beihilfe zur Fahnenflucht vor Gericht.

„Zu Mutlangen würde ich auch heute noch stehen”, sagt Inge Jens. Sie würde sogar heute wieder blockieren - „wenn mich jemand mit dem Auto mitnimmt”.

(dpa)