Nideggen: Präventionsarbeit: Wenn Eltern Kindern die Rippen brechen

Nideggen : Präventionsarbeit: Wenn Eltern Kindern die Rippen brechen

Heile Welt? Behütetes Erwachsenwerden? Für viele Kinder nur ein Traum. Stattdessen gab und gibt es immer wieder Kinder, denen beispielsweise von den eigenen Eltern sechs Rippen gebrochen, heißes Essen ins Gesicht gedrückt oder die seelisch gefoltert werden.

Professor Dr. Roland Brake wusste, wovon er in Nideggen in der Mehrzweckhalle sprach, hat er derartige Qualen doch am eigenen Leib und bei seinen drei Geschwistern in der Kindheit selber erlebt. Brake: „Mein Opa war Bergmann, mein Vater ebenfalls, meine Mutter Putzfrau. Wir waren mit vier Kindern in einem kleinen Haus im Ruhrgebiet, das Klo war auf dem Hof.“

 Ein sehr berührendes, da mit persönlichen Erfahrungen gespicktes Referat hielt Professor Dr. Roland Brake aus Stolberg.
Ein sehr berührendes, da mit persönlichen Erfahrungen gespicktes Referat hielt Professor Dr. Roland Brake aus Stolberg. Foto: Klinkhammer

Grundlos gab es immer wieder Schläge mit allen möglichen Gegenständen. Brake: „Meine Eltern vermittelten die Botschaft: Wir machen mit Dir, was wir wollen. Ich lernte, ich bin nichts wert.“ Einen Bruder prügelten die Eltern in den Wahnsinn, sie drückten ihm heißes Essen ins Gesicht, die Folgeschäden sind geblieben. Er lebt heute in der Psychatrie.

Ebenso die Mangelschäden bei einem weiteren Bruder, der heute ebenfalls in einer betreuten Einrichtung lebt. Brake: „Wir waren der Brutalität hilflos ausgeliefert.“

Das zunächst sehr persönlich gehaltene Referat, das der Fachmann zur lokalen Präventions- und Bildungskonferenz „Gut aufwachsen in Nideggen“ in Fortführung des Landesprojekts „Kein Kind zurücklassen“ hielt, berührte wohl jeden der rund 100 Anwesenden im Raum.

Brake fand, im Gegensatz zu seinen Brüdern, den Weg aus der kindlichen Hölle heraus. Seit 40 Jahren wirkt er in der sozialen Arbeit, seit mehr als 20 Jahren lehrt er, berät Kliniken, Ministerien und führt eine Praxis für Psychotherapie. Ziel des landesweiten Projekts, das 2011 auf den Weg gebracht wurde, ist, die Negativbeispiele auszulöschen. Brake: „Die Frage lautet: Wie kann man eine gesunde Kindheit erleben?“

Die Antwort klingt simpel: Es muss ein liebevolles und gewaltfreies Umfeld geschaffen werden, Zuneigung, Respekt und Vertrauen sollten darin oberste Priorität genießen. Die Zahlen jedoch belegen das Gegenteil. So sind die Fälle der bekannt gewordenen Misshandlungen zwischen 2003 und 2013 um 70 Prozent gestiegen. Die Folgekosten sind enorm. „Vorbeugen ist besser als heilen und nachsorgen“, lautet daher die Devise, der das Land nun nachgeht.

Multiplikatoren sind unter anderem die Landräte. Wolfgang Spelthahn (CDU) erinnerte sich an den Tag, als er 2011 auf Einladung der Landesregierung in Richtung Staatskanzlei unterwegs war. Spelthahn: „Ich war skeptisch, dachte nur: Schon wieder so ein Landesprogramm.“ Doch die Überlegungen überzeugten ihn schnell und er grübelte: „Wie kann man dieses wertvolle Programm in eine Kreisregion mit 15 Kommunen transportieren?“

In Kreuzau als Referenzkommune testeten die Mitarbeiter des Kreises Düren, darunter Doris Peitz, zunächst die Wirkung. Zwar sei Kreuzau, ebenso wie Nideggen, „glänzend aufgestellt“, was etwa Kindergärten und Schulen angehe, erklärte Spelthahn. Doch gebe es nichts, was nicht noch verbessert werden könne. Die Vernetzung beispielsweise könne optimiert werden, Übergänge vom Kindergarten zur Schule und von der Schule in den Beruf können behüteter gestaltet werden.

Rutscht ein Elternteil einmal in Arbeitslosigkeit oder Sucht und die Kinder werden auffällig, dann, weiß der Landrat, kämen direkt eine Vielzahl von Behördenvertretern ins Haus und manche Anträge müssten gleich fünf Mal ausgefüllt werden. Spelthahn: „Viele Familien machen in diesen Momenten komplett dicht.“ Anstrebenswerter sei es, eine Vertrauensperson auszuschauen, die in diesen Lagen die Familie begleite.

Die Leiter diverser Bildungseinrichtungen, Politiker und Bürger in Nideggen bilden nun den Grundstock für die Präventions- und Bildungsarbeit für die Kinder von „- 9 bis 15 +“. Spelthahn: „Wir sind als Gesellschaft verpflichtet, den Kindern ein Schutznetz zu spannen.“ Aufgeteilt in fünf Arbeitsgruppen verbrachten die Anwesenden den zweiten Teil des Abends. In den kommenden Monaten soll die Präventions- und Bildungsarbeit in Nideggen auf noch breitere und vor allem kontinuierliche Füße gesetzt werden.

Was den Nachwuchs angeht, da geht übrigens Nideggens Bürgermeister Marco Schmunkamp derzeit beispielhaft voran. Er ließ sich von seinem Stellvertreter Dieter Weber entschuldigen, weil er vor wenigen Tagen stolzer Vater einer Tochter geworden ist. Weber übernahm für seinen Chef die Begrüßung der Anwesenden.