Heinsberg: Präses Nikolaus Schneider von JVA beeindruckt

Heinsberg : Präses Nikolaus Schneider von JVA beeindruckt

Er habe „schon einige Knäste besucht”, sagte Nikolaus Schneider, der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, aber die Visite in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Heinsberg habe ihn doch „sehr beeindruckt”.

Die Atmosphäre, die Art und Weise des Umgangs miteinander - dies sei wohl auch die einzige Chance, um positive Ergebnisse erzielen zu können.

Nachdem ihm am Montagvormittag das Modellprojekt von Diplomsozialarbeiter Peter Bartsch vorgestellt worden war, zollte Schneider „Respekt vor diesem Ansatz”. Er wünschte allen Verantwortlichen und Beteiligten einen möglichst großen Erfolg und einen langen Atem.

Realisiert wird das zunächst auf drei Jahre angelegte Projekt seit Dezember 2002 in Trägerschaft vom Diakonischen Werk des Evangelischen Kirchenkreises Jülich in Kooperation mit der JVA; gefördert von Bund und Land.

Angestoßen hatte es einst der evangelische Gefängnisseelsorger, Pfarrer Norbert Tillmannshöfer, nachdem in Anstalten anderenorts von „Problemen mit Russen” berichtet worden war. Von einem Konzeptionsausschuss wurde das Vorhaben in Heinsberg umfassend vorbereitet.

„Der Zugang zu jungen inhaftierten Aussiedlern ist anders als bei der überwiegenden Anzahl der Nichtaussiedler”, erklärte Peter Bartsch. „Sie stehen grundsätzlich allen Institutionen zunächst einmal misstrauisch und ablehnend gegenüber. Der Zugang zu ihnen gelingt nur über die persönliche Ebene.”

Als Hilfe angeboten wird den überwiegend aus Kasachstan und Russland stammenden Aussiedlern (sie machen gut zehn Prozent aller JVA-Insassen aus) einerseits eine Sprachförderung, andererseits gibt es soziales Training.

Das Projekt mit dem Titel „Aufwind” bietet zusätzlich die vernetzte Integrationshilfe. Sie umfasst in der Praxis zweimal wöchentlich eine Sprechstunde von jeweils zwei Stunden, ein wöchentliches Gruppenangebot, Sonderveranstaltungen (wie die Vorbereitung eines Weihnachtsgottesdienstes) und intensive Einzelbetreuung.

Der Projektmitarbeiter führt schon bei der Aufnahme eines Aussiedlers in die JVA ein Gespräch mit ihm. Im Rahmen der Einzelfallhilfe werden gemeinsam mit dem Inhaftierten Schritte seiner weiteren Lebensplanung erarbeitet und neue Perspektiven entwickelt. Mit der Gruppenarbeit soll der Kontakt zu den Aussiedlern vertieft werden.

In der Gruppe sollen aber auch alte Verhaltensweisen überdacht und Alternativen ins Auge gefasst werden. Der Sozialarbeiter hat eine Vernetzungsstruktur aufgebaut, die anstaltsintern beispielsweise vom Seelsorger über Sozialdienst und Suchtberatung bis zur Schule reicht, aber auch extern ein Spektrum von Bewährungshilfe über Jugendwerkstätten und Volkshochschulen, Therapieeinrichtungen und Schuldnerberatung bis zu Herkunftsfamilie und Justizbehörden umfasst. So wird die Entlassung vorbereitet, das weitere Vorgehen abgesprochen und nach Möglichkeit auch der Kontakt gehalten.

Nach einem Jahr Projektarbeit berichtete Peter Bartsch bereits von ersten Erfolgen: „Die Gruppe der Aussiedler konnte erreicht werden. Ansätze junger Aussiedler, sich zu öffnen, sind erkennbar. Ihre Bereitschaft, Hilfsangebote mit ihnen zu entwickeln und sie anzunehmen, ist gestiegen.”

Es sei auch eine teilweise Öffnung der Aussiedler gegenüber ihren Mitgefangenen zu beobachten. Das Interesse von Bediensteten des Allgemeinen Vollzugsdienstes an den Lebensbedingungen der Aussiedler und ihren spezifischen Problemen sei gestiegen.

Bartsch: „Das Klima hat sich verbessert.” Und die disziplinarischen Auffälligkeiten von Aussiedlern seien teilweise zurückgegangen.