Heinsberg-Oberbruch: Plötzlich zischen Granaten durch die Nacht

Heinsberg-Oberbruch : Plötzlich zischen Granaten durch die Nacht

Im November war es 60 Jahre her, dass Heinsberg durch den Bombenhagel die vielleicht bitterste Stunde seiner Geschichte erlebte.

Weihnachten standen viele Menschen vor den Trümmern ihrer Häuser und betrauerten die Toten. Unser Mitarbeiter Willi Frenken fand in einer alten Werkszeitschrift „Wir vom Glanzstoff” einen interessanten Zeitzeugenbericht.

Front seit September

Seit den Septembertagen des Jahres 1944 war unsere Heimat zum Frontgebiet geworden. Zunächst hatten die Amerikaner die Orte am Rodebach erobert, dann stießen sie weiter in den Selfkant vor. Hier erstarrten die Fronten für einige Monate.

Im Januar wurden die Amerikaner von Engländern abgelöst. Die Hoffnung der Grenzlandbevölkerung auf einen raschen Siegeszug der Alliierten erfüllte sich nicht. So wie sie, dachte damals eine große Zahl der im Grenzland beheimateten Soldaten, die ihren „Räumungsurlaub” dazu benutzt hatten, für den Rest des Krieges unterzutauchen.

Eine gefährliche Sache, denn in Effeld hatten sich SS und Gestapo eingenistet und führten ein strenges Regiment. Erwischten Deserteuren drohten ein kurzer Prozess vor einem Kriegsgericht und die Todesstrafe.

Türme als Ziel

Seit langem lagen Oberbruch und das Glanzstoffwerk in Reichweite der englischen Artillerie, die ihre Geschütze mit Vorliebe auf die weit sichtbaren Fabrikschornsteine richtete und ihnen viele Wunden schlugen, ohne sie jedoch zum Einsturz bringen zu können.

Oberbruch lag verlassen unter einem grauen Winterhimmel. Die Straßen waren überschwemmt, viele Häuser waren schon zu Ruinen zerschossen. Vor Weihnachten hatte es gefroren und die Wasser, die bis zum Tor II reichten, trugen eine dünne Eisschicht, über der sich eine dünne Schneedecke gebreitet hatte.

Wie sich ein Zeitzeuge erinnert, stand am Weihnachtsabend die Silhouette des Glanzstoffwerkes schwarz und tot gegen den sternlosen Nachthimmel. Zwei Männer vom Wachdienst gingen mit hochgeschlagenem Mantelkragen durch die stillen Werkstraßen. Der Schnee dämpfte ihre Schritte. Sie gehörten zu einer kleinen Gruppe von zwölf Männern, die nach der Evakuierung der Bevölkerung versuchten, das Werk und die Häuser, die noch nicht zerstört waren, vor Plünderungen zu schützen.

Plötzlich pfiffen Granaten über ihre Köpfe hinweg und schlugen in die Wand des großen Speisesaales neben der Werksküche ein. Granatsplitter flogen durch die Luft. Die Männer gingen in Deckung. Der Keller, den sie aufgesucht hatten, war kalt, feucht und roch nach Moder. In einer kurzen Feuerpause setzten sie ihren Rundgang fort.

Büro als Nachtlager

Da, im Magazin rührte sich was. „Ist da jemand?” Nein, es waren nur Ratten, groß wie junge Katzen. Frech liefen sie ihnen über die Stiefel. Fröstelnd gingen sie zu ihrem Schlafraum hinüber, den sie sich im Viskosebüro eingerichtet hatten. Hier brannte ein Kanonenöfchen. Aus dem Ofenrohr, das durchs Fenster ragte, flogen mit dem Qualm rote Funken in den Nachthimmel. Einer der Männer zündete eine Kerze an. „Haben wir noch Licht genug? Ich glaube, wir müssen neue Kerzen gießen”, sagte er.

Kerzen gegossen

In der Schreinerei hatten sie in einem Behälter noch Paraffin gefunden, das früher dazu verwendet wurde, das Holz säurefest zu machen. In einem Glasrohr gossen sie neue Kerzen, manche über einen halben Meter lang. Als Docht diente ihnen ein Baumwollfaden. „Wenn sie nur nicht so schnell herunterbrennen würden!” Das Paraffin tropfte und floss...