Geilenkirchen/Heinsberg: Nimmermüder Kämpfer gegen Missstände

Geilenkirchen/Heinsberg : Nimmermüder Kämpfer gegen Missstände

Heinz Pütz ist eine Kämpfernatur und er ist kein bequemer Mensch, besonders wenn es um die Rechte von Schwerbehinderten geht. Vieles hat er schon für Behinderte erreicht, aber die Liste seiner Forderungen ist noch nicht abgearbeitet.

Nach seiner kürzlich erfolgten Wiederwahl zum Vorsitzenden der „Arbeitsgemeinschaft der Hauptschwerbehinderten- und Schwerbehindertenvertretungen der obersten Landesbehörden Nordrhein-Westfalen” (AGSV) gibt es auch in den kommenden vier Jahren einiges für ihn zu tun.

Mit der Wahl bei der Jahresversammlung der AGSV in Hilden sprachen ihm 18.500 in den Ländervertretungen beschäftigte schwerbehinderte Menschen aus ganz NRW ihr Vertrauen aus. Heinz Pütz kam im Januar 1954 im Linnicher Krankenhaus zur Welt und wuchs in Brachelen auf. Am 1. Oktober 1974 trat er in die Dienste des Finanzamtes Geilenkirchen. Der Tarifbeschäftigte beim Land Nordrhein-Westfalen wohnt zusammen mit Ehefrau Rita in Geilenkirchen-Hünshoven. Pütz ist selber behindert. Die Spätfolgen seiner Frühgeburt kündigten sich seit 1989 schleichend an und endeten 1992 in einer Erblindung.

Dem 54-Jährigen stehen zum Ausgleich für seine Behinderung beim Finanzamt Geilenkirchen zwei Assistenzkräfte zur Verfügung. Er ist ein intelligenter, aber auch rastloser und ruheloser Mensch, der seine Ziele bedarfsorientiert anvisiert. 1978 trat Pütz als örtliche Vertrauensperson der Schwerbehinderten beim Finanzamt in Geilenkirchen an, er ist setzt sich also schon seit 30 Jahren für die Belange behinderter Menschen ein. Seit 1988 ist er im Vorstand der AGSV und wurde 1992 zum Vorsitzenden gewählt.

Nach seiner mittlerweile vierten Wiederwahl wird Heinz Pütz in vier Jahren sein „20-Jähriges” als Vorsitzender feiern können. Von Geilenkirchen aus regelt er Behindertenpolitik nicht nur auf Landes-, sondern auch auf Bundesebene. Denn er ist seit einem Jahr auch Vorsitzender des Arbeitskreises Behindertenpolitik im Deutschen Beamten Bund (DBB).

Der 54-Jährige sieht sich zunehmend den negativen Errungenschaften einer modernen Welt gegenüber. „Nichts ist mehr wie es war, und es wird nicht mehr so werden wie es war”, bedauert er den Umstand, dass inzwischen viel an Menschlichkeit verloren gegangen sei. Die psychisch-seelische Belastung, der sich ein Mensch in dieser schnelllebigen Zeit ausgesetzt sehe, sei ein allgemeines gesellschaftliches Problem, dessen Auswirkungen auch die Behinderten zu spüren bekämen.

Dies sei eine Folge von Personaleinsparungen und damit verbundenem höheren Druck und Mehrarbeit für eine geringere Zahl von Beschäftigten. „Die Arbeitsverdichtung macht die Leute krank”, bringt es Pütz auf den Punkt. Deshalb sei ihm ein wichtiges Anliegen, dass mehr Stellen für Schwerbehinderte, insbesondere für Mehrfachbehinderte zur Verfügung gestellt werden. „Die berufliche Integration bringt auch eine soziale Integration mit sich”, weiß Pütz. Wenn ein behinderter Mensch am Berufsleben teilnehme, werde er anerkannt und könne am normalen Alltag fast genauso teilhaben wie ein nicht behinderter Mensch.

Pütz: „Hier ist die Politik gefragt, die das Schwerbehindertengesetz umsetzen muss.” Dieser Paragraph 72 im SGB 9 regelt die Integration von schwerbehinderten Menschen. Auch Schwerstbehinderte könnten Tätigkeiten ausführen, wie zum Beispiel Post holen und verteilen, Botendienste übernehmen, Drucker und PC-Wartung übernehmen, oder die Telefonzentrale - wie im Finanzamt Geilenkirchen zu 100 Prozent - besetzen. Es gebe beispielsweise einen von Reha-Trägern und der Arbeitsverwaltung geschulterten 1000-stündigen Lehrgang, der arbeitslose Schwerbehinderte auf einen Einsatz in der alle Ministerien umfassenden Landesverwaltung vorbereite.

„Mir liegt die Barrierefreiheit in öffentlichen Gebäuden sehr am Herzen”, nennt Heinz Pütz einen weiteren Schwerpunkt seiner Arbeit. In NRW gebe es ein Behindertengleichstellungsgesetz, wonach die Barrierefreiheit gesetzlich verankert sei. „Auch in den Paragraphen 55 und 59 der Landesbauverordnung ist die Barrierefreiheit manifestiert”, erklärt der Vorsitzende der AGSV. Hier gebe es aber noch sehr viel zu tun, denn nicht nur Rollstuhlfahrer, sondern auch Blinde, Sehbehinderte, Gehörlose, alte Menschen und Frauen mit Kinderwagen seien von den Problemen betroffen.

Aachener Bahnhof vorbildlich

Zu öffentlichen Gebäuden zählten nicht nur Rathäuser und Bahnhöfe, sondern auch Einkaufszentren und hier liege einiges im Argen. „Unsere Verkehrswege sind noch nicht einmal mit ertastbaren Rillenführungen für Blinde oder Aufmerksamkeitsfeldern am Boden für Sehbehinderte ausgestattet”, bemängelt er. Ganz zu schweigen von Sprachausgabe und Notruf in Aufzügen oder Blindenschrift an Eingängen oder Türen. Noch vieles könnte er aufzählen. Heinz Pütz hat ein positives Beispiel parat: Er nennt die Umsetzung der Barrierefreiheit mit Leuchtstreifen im sanierten Aachener Hauptbahnhof als vorbildlich. An vielen Missständen will der 54-Jährige noch dran arbeiten und dafür hat er nun wieder vier Jahre Zeit.