Heinsberg-Breberen-Teveren: Nach 60 Jahren Gedenkstätte für den Opa

Heinsberg-Breberen-Teveren : Nach 60 Jahren Gedenkstätte für den Opa

Vor 100 Jahren, am 5. August 1904, erblickte Leo Paulzen als Sohn der Eheleute Matthias und Wilhelmine Paulzen, geb. Scheidt, in Breberen das Licht der Welt.

Hier führten die Eltern ein Lebensmittel- und Textilwarengeschäft, und Sohn Leo verbrachte hier mit seinen fünf Geschwistern eine unbeschwerte Kinder- und Jugendzeit.

Schon früh erkannten die Eltern bei Leo Begeisterung zur Musik. So kam es dann auch, dass er nach dem Volks- und Realschulabschluss die Kirchenmusikschule zu Aachen besuchte und hier sein Studium mit der A-Prüfung als Organist und Chorleiter erfolgreich abschloss. Seine erste und einzige Anstellung erfolgte an St. Willibrord in Teveren.

Hier lernte er auch Agnes Dyong kennen, die er am 21. Januar 1930 in Teveren zum Traualtar führte. In der Folgezeit wurden die Kinder Hubertine, Helmi und Josef, die heute mit ihren Familien in Heinsberg, Geilenkirchen und Teveren wohnen, geboren. 15 Jahre wirkte Paulzen mit großem Erfolg in Teveren, wo Ehefrau Agnes viele Jahre ein Lebensmittelgeschäft führte.

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges erhielt auch der bereits 36-jährige Leo Paulzen am 28. Mai 1940 seine Einberufung. Im März 1943 traf dann bei der Familie Paulzen die Schreckensnachricht ein: Leo Paulzen war am 1. März 1943 in Russland bei Ossipowoselo am Fluss Lokuja gefallen.

Schon kurz nach Kriegsende hatte die ehemalige Teverenerin Hubertine Hahnen, geb. Paulzen, mit ihrem Mann Leonhard, einem Heinsberger Kaufmann, vergeblich versucht, das Grab ihres gefallenen Vaters ausfindig zu machen. Der Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge in Kassel und die Deutsche Dienststelle für ehemalige Wehrmachtsangehörige Berlin konnten damals keine konkreten Angaben machen, weil zu dieser Zeit in Russland noch alles im Dunkeln lag.

Bemühungen

Über die vielen vergeblichen Bemühungen zu dieser Russland-Reise hatte Hubertine Hahnen ihre Söhne Josef und Eric laufend informiert. Nachdem die Söhne ihr Studium abgeschlossen hatten, setzten sie die Bemühungen intensiv fort. Erleichtert wurde die Suche dadurch, dass Josef 1997 die Russin Elena Morosova geheiratet hatte und nunmehr keine Sprachschwierigkeiten mehr bestanden.

Im Juni 1999 wurde der Familie dann erstmals von Berlin konkret mitgeteilt, dass der Obergefreite Leo Paulzen am 1. März 1943 im Dorf Ossipowo gefallen und an der Rollbahn in Troiza-Chlavitza, Friedhof IV, Grab 34, Reihe links, beerdigt worden sei. Endlich ging nun der schon längst gehegte Wunsch von Hubertine Hahnen zu einer Reise nach Russland in Erfüllung.

Doch zunächst starteten die Söhne Josef und Eric ohne ihre Mutter am 23. Juni 2003 diese abenteuerliche Reise in die Vergangenheit, 60 Jahren nach Kriegsende. Per Flugzeug ging es nach Moskau. In einem Lada fuhr man über holprige Fernstraßen in Richtung St. Petersburg und erreichte schließlich nach 500 Kilometern das Dorf Trioza Chlariza, das jetzt Podberesia heißt.

Hier machten die beiden Brüder zunächst Bekanntschaft mit der Bürgermeisterin Velentina Akimova und der früheren Schulleiterin, der 70-jährigen Evgenya Stebeneyva. Als sie erfuhren, dass der Friedhof an der Kirche mit sechs Feldern sehr groß gewesen sei und einige Gräber nicht mehr vorhanden seien, da in der Zwischenzeit hier eine Schule gebaut wurde, war die Enttäuschung sehr groß.

Doch der ehemalige Bauleiter der Schule, Valdimir Denisow, berichtete, dass in unmittelbarer Nähe der Schulfundamente 1979 ein Reihengrab mit 20 Skeletten von deutschen Offizieren und zwei Frauen entdeckt worden war. Neben ihren Köpfen lagen verkorkte Flaschen, in denen Zettel mit den persönlichen Daten der Toten steckten.

Er erinnerte sich auch, dass die deutschen Offiziere in der Reihenfolge ihrer Dienstgrade bestattet wurden. Aufgrund dessen hatte er Messungen vorgenommen, um so das Grab von Leo Paulzen zu ermitteln. „Doch die Suche nach dem Grab unseres Opas”, so Erich Hahnen, „stellte wohl ein großes Problem dar”. Die ehemalige Schulleiterin Denisow wusste noch zu berichten, dass die Flaschen verschwunden waren.

Rückfrage

Die Enkel Josef und Eric wollten nun selbst nach weiteren Flaschen graben. Nach einer telefonischen Rückfrage der Bürgermeisterin bei den zuständigen Stellen in Moskau erhielten sie die Zustimmung. Als sich dann die Brüder Hahnen am nächsten Morgen mit Spaten vor Ort einfanden, trauten sie ihren Augen nicht, denn 15 Leute und eine russische Journalistin, die vom Vorhaben der Deutschen in ihrer Tageszeitung berichtete, waren zur Mithilfe erschienen.

Bei den drei Tage dauernden Grabungen wurden zwar keine intakten Flasche gefunden, wohl aber Orden, Munition und Hülsen und einige zugekorkte Flaschenhälse. Bauleiter Denisow betonte, dass er den Plan der deutschen Soldatengräber noch gut in Erinnerung habe und das Grab von Leo Paulzen sich hier befunden habe.

Dass man 60 Jahre nach dem Krieg kein ordentliches Grab mehr finden würde, das war den Hahnen-Brüder auch klar. Ihnen war es aber wichtig, den Ort gefunden zu haben, wo ihr Opa gefallen und beerdigt worden war. Im Gedenken an ihren Opa errichteten seine Enkel ein Holzkreuz an der Stelle, wo vermutlich bestattetet wurde.

Von der herzlichen Aufnahme, der großen Hilfsbereitschaft der dortigen Menschen, vor allem von der 70-jährigen ehemaligen Schulleiterin Stebeneyva, waren die Hahnens begeistert. Der jetzigen Schulleiterin übergaben sie eine Spende für Lern- und Spielmaterial. Sie betonten auch, dass sie über ihre Erlebnisse in Deutschland berichten würden, um auch anderen Angehörigen von Gefallenen aus Troiza- Chlawiza zu informieren.

Anfang September geht endlich Hubertine Hahnens Wunsch in Erfüllung. Mit ihren beiden Söhnen und ihrem Bruder Josef Paulzen aus Teveren wird sie die Reise in die Vergangenheit nach Russland antreten.