Aachen: Mediennutzung: „Siebenjähriges Kind braucht kein Handy“

Aachen : Mediennutzung: „Siebenjähriges Kind braucht kein Handy“

In Sachen Mediennutzung appelliert der Experte Peter Köster an die Eltern, ihrer Vorbildfunktion gerecht zu werden.

Ihr zweiter Vortrag beschäftigt sich unter anderem mit der Nutzung von Smartphones. Das nimmt bei Kindern ja rapide zu. Und die Kinder, die Smartphones nutzen, werden immer jünger.

Köster: Das Thema Handy, das heute praktisch gleichzusetzen ist mit Smartphone, ist in jeder Familie ein Thema. Aber Handyerziehung findet in deutschen Familien kaum statt. Das ist nicht gut. Wenn wir mehr Handyerziehung in die Familien bringen könnten, dann würden sich viele Probleme ein Stück weit auflösen. Man muss sich einmal vor Augen halten: Jedes fünfte Kind im Alter von sieben Jahren hat heute ein eigenes Handy. Da bin ich der Meinung: Ein siebenjähriges Kind braucht noch kein Handy.

Experten bezeichnen das als virtuelle Nabelschnur. Die Eltern möchten, dass das Kind ein Handy hat, damit sie immer Kontakt zum Kind haben. Es sind eigentlich die Eltern, die ihr Verhalten reflektieren müssen. Das hängt wieder mit dieser Sorge um das Wohlergehen der Kinder zusammen nach dem Motto: Ich muss immer wissen, wie es meinem Kind geht.

Da bietet das Handy den Eltern viele Möglichkeiten, also machen sie da sehr früh Zugeständnisse. Zudem nimmt der Druck auf jene Eltern zu, die sagen: „Mein Kind bekommt erst mit zwölf ein Handy.“ Wenn das Kind aber auf die weiterführende Schule kommt, dann haben da die meisten schon ein Handy. Da ist Ausgrenzung fast programmiert.

Die Entscheidung ist verdammt schwer. Ihre Empfehlung?

Köster: Ich denke, wenn die Zäsur mit dem Übergang zur weiterführenden Schule kommt — also ab da ein Handy, vorher aber keins —, dann haben Eltern schon viel geschafft. Und wenn dann das Handy da ist, dann muss man ja nicht alles freischalten, was das Handy kann. Das kann man selber mitsteuern. Was in Deutschland kaum geschieht, was ich aber entscheidend finde: Dass die Eltern mit ihren Kindern einen Vertrag über die Handynutzung schließen.

Man gibt ihnen ein Blatt Papier und lässt sie aufschreiben, wie sie ihr Handy nutzen möchten. Dann redet man darüber. Wenn Eltern sagen, dass ihre Kinder dazu noch nicht in der Lage sind, dann brauchen sie — ganz ehrlich — auch noch kein Handy. Ich merke bei meinen Vorträgen: Das mit dem Handyvertrag ist für viele befremdlich. Es geht aber um die Auseinandersetzung mit dem Thema. Die Kinder sollen ihre Handynutzung reflektieren. Und die Eltern reflektieren ihr Handyverhalten gleich mit. Denn sie haben in diesem Zusammenhang eine ganz starke Vorbildfunktion.

Unterschiedliche Vorstellungen gleicht man im Gespräch ab und vereinbart das. Auch über mögliche Verstöße wird gesprochen. Das alles führt dazu, dass man das Thema Handy in die Familie holt.

Aber was muss das Kind denn können und was nicht?

Köster: Gut, mancher Jugendliche wünscht sich 24/7, also rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Das kann ja niemand ernsthaft wollen. Mit welchen Apps die Kinder unterwegs sind, wissen die meisten Erwachsenen gar nicht. Ich bezeichne Kinder immer als Indianer, also die Eingeborenen in der digitalen Welt.

Die Eltern sind die Cowboys, die in diese Welt eingewandert und nicht so wie die Kinder mit ihr großgeworden sind. Indianer und Cowboys verstehen sich nicht immer. Und es gibt bei uns noch keine alten digitalen Indianer, die ihr Wissen über Jahrzehnte angereichert haben. Das ist das Problem, dass die jetzigen digitalen Indianer damit alleingelassen sind.

Und das hat Folgen

Köster: Ja. Wenn man Kinder und Jugendliche fragt, was sie am meisten stresst, dann sagen die: „Mein Handy!“ Es gibt die große latente Sorge, etwas zu verpassen. Wenn man dieselben Kinder und Jugendlichen fragt, was sie sich für ihre Kinder später wünschen, sagen sie: „Dass die Kinder wieder mehr draußen spielen und nicht ständig das Handy in der Hand haben.“ Diese Kinder und Jugendlichen werden ihre Erfahrungen, ihr Wissen weitergeben. Sie selber haben das aber noch nicht bekommen.

Es gibt leider auch eine zunehmende Zahl jener, die ein Suchtverhalten zeigen. Das ist bedrohlich. Jüngste Studien zeigen, dass es da vor allem darum geht, in Sozialen Netzwerken dabei zu sein. Es geht um die Suche nach Zuneigung, Zugehörigkeit, Geborgenheit. Wenn das in der realen Welt nicht geboten wird, holen sich die Kinder das in der digitalen. Deshalb mein Plädoyer an die Eltern: Leute, kümmert Euch um Eure Kinder. Achtet darauf, dass sie ein vernünftiges Handyverhalten haben. Das können sie nur, wenn Ihr das auch habt.

Ein Schritt zurück: Das Kind hat ein Handy, ist also nicht mehr ausgegrenzt. Jetzt aber ist die Gefahr einer anderen Ausgrenzung da, nämlich nicht in eine Whatsapp-Gruppe aufgenommen zu werden.

Köster: Ja. Bei aller Euphorie über Digitalisierung zeigt das, dass eben nicht alles digitaler werden muss. Wenn wir unsere Kinder auf die digitale Welt vorbereiten wollen, müssen wir sie in der analogen Welt stark machen. Also erstmal aufs Handy und digitale Medien verzichten, echte Beziehungen und Freundschaften ausleben, das Kind in seiner Persönlichkeitsstruktur stärken.

Wenn wir das schaffen, schaffen wir es auch, dass die Kinder mit diesem digitalen Druck fertig werden können, weil sie es selbst nicht für so notwendig erachten. Aber ich gebe Ihnen Recht: Im Moment ist der Trend gegenläufig. Die Kinder sind in zig Gruppen organisiert. Das ist nicht gut, und die Kinder sagen selbst, dass der Druck hoch ist.

Gibt es Gegenmaßnahmen?

Köster: Dem kann man etwas entgegenwirken, wenn sich Eltern beispielsweise bei Klassenpflegschaftssitzungen trauen, dieses Thema anzusprechen und darauf hinzuwirken, dass es innerhalb der Klasse ein Stück weit gemeinsame Absprachen gibt. Nicht für gut halte ich Klassen-Chats, wie sie manche Lehrer jetzt einführen. Was in der Schule kommuniziert werden muss, kann man analog kommunizieren, das kann man einfach sagen.

Eltern könnten andere Eltern dazu bewegen, dass Klassen-Chats abends um sieben einfach ausgemacht werden. Das schaffen Eltern nie alleine. Das Problem haben viele, aber Eltern trauen sich oft nicht, das anzusprechen. Ich werde mittlerweile oft gefragt, ob ich mal zu einem Elternabend kommen kann. Das finde ich super.

Achten Sie selber darauf, das Handy nicht ständig am Tisch oder gar am Bett liegen zu haben?

Köster: Ja. Das wird mir auch gespiegelt. Neulich kam meine Tochter und fragte, ob sie mal ein Foto machen darf. Klar, habe ich gesagt, da brauchst Du einen Fotoapparat. Da habe ich gemerkt: Dieses Wort kannte sie gar nicht und sagte: „Nein, mit dem Handy!“ Das hat mir nochmal gezeigt, das eigene Handyverhalten zu überprüfen. Wenn das Handy während des Abendessens klingelt, wird eben nicht aufgestanden.

So lebensnotwendig kann das nicht sein. Das muss man den Kindern auch vermitteln. Ich bin Vorbild und bleibe es. Aus der Rolle komme ich nicht raus. Und die versuche ich auch ernst zu nehmen. Unter dem Strich sind deshalb niemals die Kinder und Jugendlichen die Zielgruppe meiner Vorträge. Sondern immer die Eltern.

Erster Vortrag zum Thema Pubertät und die „Generation Handy“