Heinsberg: „Man wollte nur helfen und wird dann verfolgt”

Heinsberg : „Man wollte nur helfen und wird dann verfolgt”

Sein Name ist unlösbar verknüpft mit „Cap Anamur/Deutsche Not-Ärzte e.V.”. Er ist der Gründer dieser segensreichen Einrichtung für die Ärmsten der Armen, die Verfolgten und Geschundenen.

Seit über zwei Jahrzehnten reist der heute 63-jährige Dr. Rupert Neudeck zu den Brennpunkten menschlichen Elends auf dieser Welt, um schnelle und unbürokratische Hilfe zu leisten.

In der evangelischen Christuskirche in Heinsberg stellte er jetzt einem interessierten Publikum auf Einladung der Buchhandlung Wahlen sein Buch „Die Menschenretter von Cap Anamur” vor. Es beschreibt in zahlreichen Stationen die geleistete Hilfstätigkeit und damit verbundene Hürden rund um den Globus.

HZ-Redakteur Rainer Herwartz traf sich mit dem Autor zum Gespräch.

Man könnte Sie ohne Übertreibung als einen Handlungsreisenden in Sachen „Menschliches Elend” bezeichnen. Seit vielen Jahren sind Sie und Ihre Mitarbeiter stets dort anzutreffen, wo die Not der Menschen ein zum Teil unvorstellbares Ausmaß angenommen hat. Ist es eigentlich noch möglich, diese Bilder für eine kurze Zeit zu vergessen, um zu entspannen und das Leben ein wenig zu genießen?

Neudeck: Ich glaub, das ist sogar notwendig, sonst hält man das ja auch nicht aus. Man ist ja auch nicht nur Beobachter und diesem Elend ausgesetzt. Wir sind immer schon dabei, mit anderen zusammen den Versuch zu unternehmen, den Menschen zu helfen, und das nimmt schon einiges weg von diesem unmittelbaren Elendsgefühl.

Was empfinden Sie denn für sich persönlich als Luxus?

Neudeck: Oh, das ist verdammt schwierig. Ich muss immer lachen, wenn sich Leute hier über Unpünktlichkeit beklagen. Das ist ein Zustand, aus dem andere Kontinente gar nicht mehr rauskommen. Wir sind ja heilfroh, wenn wir manchmal über Tage irgendein Flugzeug erreichen. Ich empfinde vieles von meinen eigenen Lebensbedingungen schon als Luxus.

Wenn Sie das bislang Erlebte Revue passieren lassen, gibt es dann ein Ereignis, das Sie bis heute nicht losgelassen hat?

Neudeck: Ja, ganz sicher ist das die Erfahrung des Schiffes und der Dramatik der Rettungsaktionen der vietnamesischen Flüchtlinge, der „boat people”, wie sie später genannt wurden. Menschen, die völlig ausgetrocknet an Bord kamen und denen wir noch in letzter Minute den Platz auf dem Schiff geben konnten, sonst wär es vorbei gewesen. Das vergisst sich nicht.

In Afghanistan, das erste Mal 1987, war das natürlich auch eine Erfahrung, die ich nie vergessen kann. Wir waren praktisch drei Tage und drei Nächte ununterbrochen auf der Flucht vor einer sowjetischen Verfolgergruppe. Die Pferde haben zwischendurch schlapp gemacht auf den Höhen und mussten erschossen werden. Wir haben eigentlich nicht mehr geglaubt, dass wir da raus kommen. Am dritten Tag sahen wir im Tal ein Dorf, aus dem Rauch empor stieg. Das war das Zeichen von menschlichem Leben, und da wussten wir - wir haben es geschafft. Man wollte nur helfen und wird dann verfolgt. Das ist natürlich eine furchtbare Situation.

Cap Anamur steht schon seit vielen Jahren als Sinnbild für selbstlose Hilfe. Macht einen das als Gründer stolz?

Neudeck: Das macht mich nicht stolz. Aber es zeigt mir, was diese kleine Gruppe geleistet hat. Und das ist nur möglich gewesen, weil es mit Geldern aus der deutschen Bevölkerung finanziert wurde. Wir hätten fast alle Aktionen nicht durchführen können, wenn die Regierung uns das Geld gegeben hätte. Geld von einer Regierung untersagt bestimmte Aktionen. Die erste Aktion ist dafür beispielhaft. Das Schiff auf dem südchinesischen Meer ist nur möglich gewesen, weil uns Millionen deutscher Mitbürger dieses kleine Geld gegeben haben, was dann zu dem großen Geld wurde.

Sie haben für Ihr Wirken zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Oftmals sicher auch verbunden mit einem Versprechen zur Unterstützung. Mussten Sie häufig die Erfahrung machen, dass es nur bei Lippenbekenntnissen blieb?

Neudeck: Ich kann mit ganz großer Überzeugung sagen, wir haben eher gute Erfahrungen gemacht. Ich kann mich nicht beklagen über die deutsche Diplomatie. Weder über Genscher, Kinkel oder Fischer. Das sind Leute, die durchaus einen Respekt haben vor dieser Bürgerinitiative Cap Anamur, die uns auch hören, wenn es drauf ankommt.

Dennoch scheinen Sie von der derzeitigen rot-grünen Regierung enttäuscht. Warum?

Neudeck: Wir hatten natürlich die Erwartung, dass im Menschenrechts- und im humanitären Bereich bei einer rot-grünen Regierung, bei der auch noch das Außenministerium von einem grünen Minister geführt wird, die Türen weit für uns offen sind. Dies ist aber nicht der Fall gewesen. Unter Kinkel war es manchmal sogar besser, nicht weil er der bessere Außenminister war, das glaube ich nicht, aber er hatte ganz, ganz starke Emotionen für die Habenichtse auf dieser Welt.

Sie haben aber auch zu Kinkels Zeiten schon eine radikale Umstrukturierung der Entwicklungshilfe gefordert. Wie sollte diese aussehen?

Neudeck: Darüber gibts zu meiner großen Freude und Überraschung immer größeren Konsenz, dass es so nicht weitergehen kann. Die Entwicklungshilfe, wie wir sie in den letzten 30 Jahren erlebt haben, ist ja eine Gießkannen-Entwicklungshilfe. Das Geld der Steuerzahler wurde früher auf über 120 Länder, heute immer noch auf über 80 ausgeschüttet. Und jeder weiß, dass das keinen Sinn macht. Man kann nicht mit so vielen Ländern auf der Welt Beziehungen haben, die wirklich wirksam sind. Wir müssen uns auf fünf bis zehn Länder konzentrieren. Man kann sich ja in Europa einigen, wer welche Länder nimmt. Es fehlt aber derzeit noch daran, das beherzt umzusetzen.

Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang das Engagement der Kirchen? Gibt es hier ähnliche Beschränkungen in der Unterstützung wie durch die Politik?

Neudeck: Das Engagement der Kirchen war in den Ländern, die ich kennen gelernt habe, mit das beste. Da gibt es Kirchen, von denen man in der Bundesrepublik gar nicht ahnen kann, wie lebendig die sind in den Ländern Afrikas oder Lateinamerikas. Hier sind ganz andere Aktivierungskirchen entstanden. In manchen Ländern Afrikas, wo es wirklich nichts mehr gab, wo es nicht mal mehr einen Staat gab, nur noch marodierende Milizen und Plünderbanden wie seinerzeit in Uganda - da gab es immer noch die Kirchen und die hatten ihre eigene Infrastruktur. Die waren für die Menschen immer noch zuständig. Das hat mir damals imponiert und das imponiert mir auch heute.

Wie sieht das nächste Projekt von Rupert Neudeck und Cap Anamur aus?

Neudeck: Es wird wahrscheinlich ein Projekt im Irak sein. Ich bin im Nordirak gewesen vor drei Wochen, bei den Kurden dort. Ich denke, wir müssen sehen, dass wir vor einem möglichen Krieg da sind und nicht einem Krieg hinterher rennen. Wir haben damals schon die Erfahrung gemacht, dass die Kurden sowieso die Opfer von Kriegen sind in dieser Region. Sie waren es nach dem Golfkrieg ganz massiv und befürchten es jetzt auch wieder. Deshalb ist es gut, wenn wir da in der Gegend schon sind.