Hückelhoven: Leben mit der Zeche: Erinnerungen sind geblieben

Hückelhoven : Leben mit der Zeche: Erinnerungen sind geblieben

Es ist ein Stück erzählte Geschichte und ein Stück lebendige Vergangenheit.

Es hat keinen wissenschaftlichen Anspruch und ist einfach ein Blick in die Vergangenheit, in der Sprache der Menschen, die einen Teil ihrer Erinnerungen preisgegeben und damit für die Nachwelt unsterblich gemacht haben.

„Wir konnten keine großen Sprünge machen” ist ein Projekt des StadtWandels Hückelhoven, und zehn Menschen haben viele Stunden geredet, gesammelt, geschrieben und ausgewählt.

Entstanden ist ein 132 Seiten umfassendes Buch, das wertvolle Einblicke in die Lebenssituation der Bergleute und ihrer Familien in den Anfangsjahren von Sophia-Jacoba vermittelt. Am Wochenende ist es auf den Markt gekommen.

„Sie haben uns Bilder gezeigt vom Schwimmbad und von anderen schönen Sachen”, erzählt ein ehemaliger Bergmann türkischer Abstammung, der als 15-Jähriger die Türkei verlassen hat, um auf der Zeche in Hückelhoven sein Glück zu suchen.

Seine Geschichte ist eine von jenen, die Oskar Ramöller, Mitautor von „Wir konnten keine großen Sprünge machen” in seinen Recherchen sehr bewegt haben.

„Man hat den Gastarbeitern erzählt, sie könnten in Deutschland Karriere machen, früh viel Geld verdienen und sogar ein Studium absolvieren”, erzählt Ramöller, der Interviews mit zahlreichen alten Bergleuten und deren Frauen geführt hat, die in dem Buch zu Wort kommen.

„Als jene Gastarbeiter dann in Hückelhoven angekommen sind, mussten sie gleich unter Tage. Eine angemessene Wohnsituation gab es nicht, auf Kanalisation und sanitäre Verhältnisse musste lange gewartet werden.”

Auch Franz-Josef Sonnen, ehemaliger Betriebsratsvorsitzender von Sophia-Jacoba hat an dem Buch mitgewirkt. Ihm seien immer wieder viele Anekdoten erzählt worden, das man sich entschlossen habe, diese zu sammeln und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

„Dabei mussten wir uns beeilen”, so Sonnen. „Schließlich werden die Zeitzeugen immer weniger, und wir wollten vor allen Dingen festhalten, wie es in den Anfangsjahren der Zeche ausgesehen hat und was die Menschen damals erlebt haben. Denn die Betreiber des Bergwerkes dachten auch damals nicht an die Menschen, sondern nur an die Kohle.”

So machte sich Oskar Ramöller mit seinem Aufnahmegerät aus den 50er Jahren auf den Weg, um Geschichten zu sammeln und Gespräche zu führen. „Eigentlich wollte ich es ja nach meiner Amtszeit etwas ruhiger angehen lassen”, erinnert er sich. „Aber ich habe schnell Freude an der Sache gefunden. Auch jetzt noch kommen viele Anregungen und Fotos, die natürlich alle weiter gesammelt und aufbewahrt werden.” Ob daraus ein weiteres Buch entstehe, sei allerdings noch nicht klar.

Interessant sind auch die Kapitel, die sich mit der Situation auf Sophia-Jacoba zur Nazizeit beschäftigen. Ramöller: „In meinen Gesprächen wurde deutlich, dass auch Zwangsarbeiter unter Tage geschuftet haben. Untergebracht waren sie im ,Kartoffelbunker, einem Erdbunker, in dem schlimme Wohnverhältnisse herrschten.”

Nachdem alle Interviews geführt und die Fotos archiviert waren (195 davon sind im Buch zu sehen) ging es an die redaktionelle Arbeit, die von Sylvia Schulz-Gierlings, selbst Kind einer Bergmannsfamilie, betreut wurde.

Die Gespräche mussten transkribiert, bearbeitet und auf den Punkt gebracht werden. „Die Menschen kamen in den Gesprächen vom Hölzchen aufs Stöckchen, ich habe zwischendurch gedacht, das Buch wird nie fertig”, gesteht Schulz-Gierlings, für die es wie ein kleines Wunder war, das fertige Werk nun endlich in den Händen zu halten.

Jetzt ist ihre Arbeit vorläufig vorbei, aber bestimmt werden die spannenden Geschichten auch noch bei den Lesern für viel Gesprächsstoff sorgen.

„Und das ist es auch, was wir wollen”, meint Oskar Ramöller. „Die Leute sollen sich mal wieder erinnern, wie sie damals in den Anfängen der Zeche gelebt haben.”

„Wir konnten keine großen Sprünge machen” ist im Buchhandel, donnerstags von 9 bis 13 Uhr auf Schacht 3 oder bei den Verantwortlichen - Oskar Ramöller, Hans Hentschel, Gerhard Apmann, Friedhelm Trenk, Heinrich Kechler, Heinz-Dieter Menneken und Willi Bleilevens - zu erwerben. Preis: 9,90 Euro.