Landwirtschaft: „Lebensmittel sind mehr wert”

Landwirtschaft: „Lebensmittel sind mehr wert”

Kreis Heinsberg. Unten kniet ein gequält dreinblickender Landwirt. Neben ihm schauen eine Kuh und ein Schwein skeptisch nach oben.

Auf den Schultern des Bauern steht die Händlerkette und reckt lachend zwei Schilder hoch: „Milch und Fleisch extra günstig!” und „Lebensmittel günstig wie noch nie!”

Gekontert werden diese Angebote von den Warnungen: „Lebensmittel sind mehr wert!” und „Geiz hat Grenzen!” Mit diesem Plakat gehen die Kreisbauernschaft Heinsberg, der Rheinische Landwirtschaftsverband und der Deutsche Bauernverband in eine Info-Offensive, mit der sie beim Verbraucher für eine Abkehr von der „Geiz ist geil”-Mentalität im sensiblen Lebensmittelbereich werben wollen.

Kreisbauernvorsitzender Bernhard Conzen und Stellvertreter Gottfried Koch erläutern die Kampagne.

„Geiz ist geil? Nicht, wenn Sie als Landwirt mit dem Rücken zur Wand stehen”, kommentierte Kreisbauernvorsitzender Bernhard Conzen das Plakat zur „Lebensmittel sind mehr wert”-Kampagne, die von nun an auch im Kreis Heinsberg sichtbaren Ausdruck findet.

Tausende von Bäuerinnen und Bauern hätten in diesen Tagen bereits bundesweit gegen Billigstpreise, insbesondere bei Milchprodukten, protestiert, berichtete Conzen.

So sei es möglich, dass demnächst auch im Kreisgebiet Landwirte beim Lebensmitteleinzelhandel zum Billigpreis angebotene Milch, Butter oder Joghurts zu einem „fairen Preis” - plus 5 Cent - aufkauften und demonstrativ an Verbraucher weitergäben oder die Differenzbeträge zwischen „billig” und „fair” sozialen Einrichtungen spendeten.

Landwirtschaft sucht Dialog mit Verbrauchern

Der Verbraucher solle mit dieser Aktion nicht „belehrt” oder gar beschimpft werden, Ziel sei es, mit ihm in einen Dialog zu treten über die Nachteile des Preiskampfes und die Vorteile wert-gerechter Lebensmittelpreise. Gottfried Koch: „Unsere Aktion soll den Verbraucher sensibilisieren für heimische hochwertige Produkte, die äußerst hohe Standards haben in punkto Hygiene, Qualität und Zertifizierung.”

Ausgangspunkt der Kampagne „Lebensmittel sind mehr wert” ist für die Bauernschaft der jüngste Preiskampf auf dem Sektor Milchprodukte gewesen. Innerhalb weniger Monate, so Conzen, seien die Auszahlungspreise der Molkereien gleich um mehrere Cent abgestürzt. Doch dies sei „nur die Spitze einer Entwicklung, die wir seit Jahren mit großer Sorge betrachten”.

Der Lebensmitteleinzelhandel werbe und verkaufe über den Preis - und zwar bei Produkten des täglichen Bedarfs, die absolut vergleichbar seien - wie der Liter Vollmilch oder das halbe Pfund Butter - , und die Kunden gäben in der Regel dem billigeren Produkt den Vorzug.

Trotz aller öffentlichen Bekundungen bei Meinungsumfragen sei die Bevölkerung eben nicht bereit, für gute Qualitäten, gesicherte, kontrollierte Herkunft, artgerechte Tierhaltung oder Bioprodukte auch höhere Lebensmittelpreise zu zahlen. Conzen: „Solche Aussagen sind im Markt leider nicht bestätigt worden.”

Abseits von Kamera und Mikrofon greife der deutsche Kunde im Supermarkt nach wie vor in großer Zahl zu dem, was äußerst preisgünstig sei - „egal, ob es aus Übersee oder beispielsweise aus der verpönten Käfighaltung stammt”.

Abwärts drehende Preisspirale trifft die Bauern

Der Lebensmitteleinzelhandel spielt nach Ansicht der Bauernvertreter bei der Wertevernichtung von Lebensmitteln ebenfalls kräftig mit. Je mehr die Kaufentscheidung in Zeiten sinkender Realeinkommen, steigender Abgaben und hoher Arbeitslosigkeit (verständlicherweise) nach Preiskriterien getroffen werde, desto schneller drehe sich die Preisspirale nach unten.

Mit einer Preissenkungsrunde nach der anderen würden die tatsächlichen Werte von Lebensmitteln „dramatisch vernichtet”. Opfer des Preiskampfes seien vor allem die Bauern. Den Lieferanten des Einzelhandels wie Molkereien, Schlachthöfen und Großmärkten bliebe kaum etwas anderes übrig, als den auf sie ausgeübten Preisdruck an die Bauern weiterzugeben.

Preisvergleich „heute und vor 30 Jahren”

Von einem Euro, den der Verbraucher für Lebensmittel ausgibt, erhält der Landwirt nach Angaben des Rheinischen Landwirtschaftsverbandes heute im Schnitt 27 Cent; Anfang der 70er-Jahre lag der Anteil noch bei 50 Prozent.

Als „faire” Preise sehen die Bauern heute einen Aufschlag von 5 Cent je Liter Milch (=1,50 Euro im Monat bei einem Verbrauch von einem Liter pro Tag), von 10 Cent auf ein Kilo Obst, von 30 Cent auf ein Kilo Fleisch.

Für einen Liter Milch musste ein Arbeitnehmer 1970 neun Minuten arbeiten, 2001 drei; für ein halbes Pfund Butter 22 Minuten, 2001 fünf Minuten; für zehn Eier ebenfalls 22 Minuten, 2001 sieben Minuten; für ein Kilo Schweinekotelett 1970 96 Minuten, 2001 37 Minuten.

1970 betrug der Anteil der Nahrungs- und Genussmittel an den Konsumausgaben privater Haushalte 30 Prozent, im Jahr 2000 15,6 Prozent, davon wiederum entfielen 11,8 Prozent auf Nahrungsmittel alleine.