Heinsberg: „Lämampel” soll den Krach in Schulklassen reduzieren helfen

Heinsberg : „Lämampel” soll den Krach in Schulklassen reduzieren helfen

„Wir tragen in Nordrhein-Westfalen die rote Laterne, was den Arbeitsschutz angeht. Für 185.000 Lehrkräfte an 6700 Schulen haben wir elf Fachkräfte für Arbeitsschutz und sechs Betriebsärzte. Das sind 20 Prozent der Richtwerte des öffentlichen Dienstes.”

Renate Eidems, Rektorin an der Erich-Kästner-Grundschule in Wegberg und gemeinsam mit Förderschullehrerin Marlene Klotz Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) im Kreis Heinsberg, betrachtet die Entwicklung in den Klassenzimmern mit Sorge.

Das Ergebnis einer stichprobenhaften Befragung unserer Zeitung bei den Leitern des Kreisgymnasiums und der Hauptschule an der Westpromenade in Heinsberg, das eher ein positives Bild in puncto Arbeitsumfeld ergab, hält Eidems für nicht repräsentativ im Hinblick auf die Lehranstalten im Kreisgebiet.

Nicht nur das Thema Feinstaub müsse ernst genommen werden, meint Marlene Klotz. Noch drängender seien Burnout-Syndrome, Gewalt an Schulen und die Lärmbelästigung. „Die heutigen Klassenräume sind meist noch auf einen lehrerzentrierten Unterricht zugeschnitten, bei dem vorwiegend der Lehrer spricht und die Kinder zuhören.

In modernen Unterrichtsformen nimmt jedoch auch Partner-und Gruppenarbeit einen immer größeren Raum ein.” Ihre Kollegin Eidems wartet da gleich mit ein paar konkreten Zahlen auf: „Durchschnittlich sind in Nordrhein-Westfalen 60 bis 85 Dezibel in den Klassen gemessen worden. 30 bis 45 Dezibel sind jedoch der eigentlich zulässige Wert.”

An der Erich-Kästner-Grundschule in Wegberg seien beispielsweise in den 50er Jahren sinnvollerweise Lärmdämmungen in die Decken eingebaut worden. „Wenn aber in den Schulen falsch renoviert wurde, sind die Effekte wie bei uns mit den Jahren verloren gegangen.” Bei den Bauten der 60er und 70er Jahre sei der Nachhalleffekt ohnehin viel größer, da die Lärmdämmung damals offenbar leider keine so große Rolle mehr gespielt habe.

Um der Lärmbelastung des Lehrpersonals entgegenzuwirken, hat die GEW vor rund einem halben Jahr zwei so genannte Lärmampeln angeschafft, die von den Lehrern ausgeliehen werden können. „Kinder lernen dadurch die Korrektur ihrer Lautstärke im Klassenraum durch das physikalische Messinstrument. Es ist dann nicht der Lehrer, der ständig ermahnen muss.” Bei den Kollegen würden die Ampeln sehr gut angenommen, sodass schon an die Anschaffung weiterer Exemplare gedacht ist.

Die Schadstoffbelastung in manchen Unterrichtsräumen sei ein weiteres Problem, erklärt Klotz. Auch wenn sie keinen aktuellen Fall nennen könne, sei es „oft so, dass die Schulträger derlei Probleme verharmlosen”. Eidems beschreibt dies so: „Gutachten bestreiten Gutachten, Schulleiter bekämpfen ihre Kollegen, und Schüler erklären ihre Banknachbarn zu Hypochondern. Wir sind als Gewerkschaft dafür da, dass Lehrer wachsam werden und sich bei uns melden.”

Arbeits- und Gesundheitsschutz sei an Schulen ein „absolutes Stiefkind”, so Klotz. Doch auch das Thema Gewalt werde nicht selten heruntergespielt. Eidems: „Die Lehrer erleben in der Schule ein gesellschaftliches Spiegelbild. Die Schule für Erziehungshilfe in Geilenkirchen-Beeck platzt mittlerweile aus den Nähten. Ich habe mit Freude zur Kenntnis genommen, dass der Kreis einen schulpsychologischen Dienst einrichten will.” 60 Prozent der Kinder gingen heute mit Angst vor Mitschülern zur Schule, ergänzt Klotz.