Gangelt: Kurz, schmal, wichtig: Gangelt hat nun die Synagogengasse

Gangelt : Kurz, schmal, wichtig: Gangelt hat nun die Synagogengasse

Einen Namen hatte die Gasse zwischen Sittarder Straße und Wallstraße eigentlich immer: Claassens- oder Conzens-Gässchen, früher Fischenichs-Gässchen. Das nahm immer Bezug auf den dortigen Bauernhof. Im Kataster war der kurze, sehr schmale Weg aber immer ohne Namen. Nun hat die Gasse einen neuen Namen.

Auf Initiative und Antrag des Arbeitskreises „Stolpersteine helfen — auch in Gangelt“ wurde vom Rat einstimmig beschlossen, den Weg Synagogengasse zu nennen. Die Synagoge existiert in Gangelt noch, befindet sich aber im Privatbesitz, und kaum noch etwas erinnert an die frühere Nutzung. Mit dem Leben der Juden in Europa und speziell mit deren Wirken in Gangelt hat sich Dr. Martin Achten (1931-2009, Zahnarzt und Lokalhistoriker) beschäftigt und dazu einen Aufsatz verfasst.

Helmut Rosendahl, hier am Grab seiner Ahnen, trug bei Nachkriegsbesuchen erschütternde Berichte seiner Kriegserlebnisse vor. Foto: Archiv Hamacher

Dabei bindet er immer wieder Aspekte einer Veröffentlichung von Dr. Horst Seferens im Heimatkalender 1993 über das Leben und Sterben der Jüdischen Gemeinde in Gangelt ein. In der Folge wird hieraus zitiert. Vor allem an dem Beispiel der angesehenen Kaufmannsfamilie Josephs zeichnete er den bitteren, qualvollen Leidensweg exemplarisch für die anderen ehrbaren jüdischen Familien nach.

Sie lebten bis 1930 in Ruhe und Eintracht mit den Gangelter Bürgern zusammen. Es gab neben den Vieh- und Pferdehändlern Hertz, Leopold, Morgenstern und Rosendahl eine Reihe jüdischer Geschäfte: die Tabakwaren-Großhandlung von Emil Falkenstein am Bruchtor, in der Sittarder Straße das Haushaltswarengeschäft Hartog sowie das weithin bekannte Textilkaufhaus der Gebrüder Josephs. Es herrschte ein weitgehend friedliches Nebeneinander der Konfessionen.

Die Jüdische Gemeinde war an die größere Gemeinschaft in Geilenkirchen angeschlossen. Einmal in der Woche kam der dortige Rabbiner, um die jüdischen Kinder im Hause Leopold die Thora zu lehren. Leopold war Synagogenvorbeter. Der Sabbat und die zahlreichen jüdischen Feiertage wurden von der Gemeinde gefeiert.

Horst Seferens berichtet über die grauenvollen Dinge, die für die Gangelter jüdische Bürgerschaft mit dem November-Pogrom 1938 begannen. In der sogenannten Reichskristallnacht wurde die Synagoge auf dem Hintergelände der Heinsberger Straße erstürmt, verwüstet und ihrer sakralen Gegenstände beraubt. Sie fiel als einzige in der Umgebung aber nicht den Flammen zum Opfer. Einigen jüdischen Bürgern gelang mit Hilfe einiger nicht-jüdischer Gangelter die Flucht über die Grenze und in die Freiheit. Die meisten jedoch wurden nach einem Zwischenaufenthalt in Aachen in die Vernichtungslager deportiert.

Nach Seferens Recherchen haben nur sieben von ihnen überlebt. Drei Überlebende besuchten in den zurückliegenden Jahren Gangelt und die Gräber ihrer Toten. Helmut Rosendahl trug bei mehreren Nachkriegsbesuchen einen erschütternden Bericht seiner Kriegserlebnisse in Gangelt vor. Am neuen Rathaus wurde am 9. November 1991 für die Opfer der Gewalt in einer denkveranstaltung eine Mahntafel angebracht. Seit dem 9. November 1988 findet auf Initiative von Pastor Schläger (evangelische Kirchengemeinde) und Pastor Freyaldenhoven (katholische Pfarrgemeinde) jährlich eine Gedenkfeier auf dem Judenfriedhof statt.

(hama)
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