Erkelenz: Kleinbürgerwelt bitter-böse seziert

Erkelenz : Kleinbürgerwelt bitter-böse seziert

„Die Geschichte vom Fräulein Pollinger”, so heißt recht unspektakulär „ein szenisch-musikalisches Kunststück” des österreichisch-ungarischen Schriftstellers Ödön von Horváth (1901-1938), das auf Einladung der Anton-Heinen-Volkshochschule in der Leonhardskapelle aufgeführt wurde.

Die stellvertretende VHS-Leiterin Dr. Ulla Louis-Nouvertné stellte die ausführenden Künstlerinnen vor: die Schauspielerin, Autorin und Produzentin Anna Barbara Hagin und die Flötistin und Diplomrhythmikerin Irmgard Himstedt.

Vielleicht war es die Erschöpfung so kurz nach Karneval, die nur ein kleines Publikum angelockt hatte zu einem Stück, das der sonst so kritische Reich-Ranicki besonders lobt: „Die Geschichte erscheint mir eine kleine Sensation, nämlich die einzige Prosaarbeit Horváths, die seinen dramatischen Meisterwerken fast ebenbürtig ist”.

In diesen Dramen beschäftigt sich Horváth, der nie einen Beruf gelernt und sein Studium abgebrochen hat, der sich kaum für Literatur interessierte, selten ins Theater ging und stattdessen Rummelplätze, Volksgärten, Sportstätten, billige Restaurants und Vorstadtkneipen liebte, vor allem mit der Welt der Kleinbürger, die er scharfsichtig und bitter-böse sezierte; auch warnte er vor dem aufkommenden Nationalsozialismus.

Anna Barbara Hagin erzählt die an sich melancholische Geschichte vom arbeitslosen Fräulein Pollinger, das sich ein wenig zu oft mit den Männern einlässt und - wie eigentlich alle Menschen - auf der Suche nach Bestätigung, Anerkennung und Liebe ist, anrührend und schnörkellos und nicht aus auf theatralische Effekte. Dabei ist sie körperlich und mimisch immer in Bewegung und wird musikalisch und tänzerisch unterstützt von Irmgard Himstedt.

Ein Stück mit 30 Kapiteln

In 30 Kapiteln, die manchmal nur aus wenigen Sätzen bestehen, erleben die Zuhörer die Begegnung der beiden Arbeitslosen, der Näherin Agnes Pollinger aus der Münchener Schellingstraße und des Kellners Eugen Reithofen, einem Österreicher und notorischen Frauenhelden, die sich gleich ineinander verlieben.

Aus der Verabredung am nächsten Tag wird jedoch nichts, weil Agnes einen Ausflug an den Starnberger See mit dem Eishockeystar Harry macht, den sie im Atelier eines wichtigtuerischen Künstlers kennen gelernt hat, dem sie für zwanzig Pfennig die Stunde nackt Modell steht. Kurz und gut: Der Ausflug endet ziemlich abrupt, weil der fiese Playboy Harry mit Agnes´ „Hingabe” nicht zufrieden ist und einfach davonfährt.

Nach siebenstündigem Fußmarsch durch die Nacht wartet - oh Wunder! - Eugen an der Schellingstraße auf sie, schimpft nicht mit ihr, weil sie ihn versetzt hat, sondern teilt ihr mit, dass er eine Stelle für sie habe. Der ob so viel Großmut Erstaunten sagt Eugen: „Wissens, Fräulein Pollinger, es gibt nämlich etwas auch ohne das Verliebtsein, aber man hat es noch nicht ganz heraus, was das eigentlich ist. Ich hab halt von einer Stelle gehört und bin jetzt da. Es ist nur gut, wenn man weiß, wo ein Mensch wohnt.”

Viel Beifall gab es am Ende für ein Stück, das viel Aufmerksamkeit erforderte für die leisen Unter- und Zwischentöne und den verborgenen Humor und das die kleinen Leute nicht idealisierte, sondern sie auch in ihrem Allzumenschlichen beließ.