Kreis Heinsberg: Kein Allheilmittel, aber wichtiger Baustein: Das Selbsthilfezentrum

Kreis Heinsberg : Kein Allheilmittel, aber wichtiger Baustein: Das Selbsthilfezentrum

„Selbsthilfe kann nicht verordnet werden“, sagt Hannelore Viehöver-Braun. Die Betroffenen müssten sich aus freien Stücken auf den Weg machen — und zwar sowohl mental, als auch tatsächlich physisch.

Das sei für manche eine große Herausforderung, die von einer schweren Diagnose niedergeschlagen oder von Alltagsproblemen überwältigt sind. „Einige Menschen müssen leider erst mal etwas tiefer fallen, bevor sie die Kraft finden, sich ihr Problem einzugestehen und Hilfe zu suchen.“

Wenn Viehöver-Braun über das Thema Selbsthilfe spricht, dann spricht sie aus Erfahrung. Seit 2005 arbeitet sie im Selbsthilfe- und Freiwilligenzentrum (SFZ) im Kreis Heinsberg in der Hochstraße in Heinsberg. Mit diesem Zentrum bündeln die verschiedenen Wohlfahrtsverbände des Kreises ihre Kräfte in den beiden Themen Selbsthilfe und Freiwilligenarbeit. Dort, in der Hochstraße nahe des Begas-Hauses, sind alle Selbsthilfegruppen des Kreises — über 90 derzeit — erfasst, und werden bei Bedarf begleitet und unterstützt.

In den Gruppen gehe es um ganz unterschiedliche Themen: Der überwiegende Teil, knapp zwei Drittel aller Gruppen, beschäftige sich mit chronischen Erkrankungen wie Rheuma, Multiple Sklerose, Krebs oder Arthrose, berichtet Viehöver-Braun. Doch auch zu sozialen Themen gibt es im Kreis Redegruppen: beispielsweise für Trauernde, für Gewalt- oder Mobbingopfer.

Außerdem treffen sich auch Menschen, die unter Abhängigkeiten leiden, wie zum Beispiel vom Alkohol oder Spielen. Doch vor allem bemerke man auch bei den Selbsthilfegruppen das wachsende Problem der psychischen Erkrankungen in der Gesellschaft: In diesen Bereich fallen zum Beispiel die Treffen für Menschen mit Depressionen, Panikattacken oder auch Essstörungen.

Durch die Spezialisierung auf gewisse Themen könnten die Teilnehmer aus ihrer sozialen Isolation entkommen und erkennen, dass sie nicht allein mit ihrem Problem sind. Und gerade deshalb sei der Erfahrungs- und Informationsaustausch so wichtig: „Die Gruppen leben vom Reden“, sagt die hauptamtliche Mitarbeiterin des SFZ.

Dennoch: Die Hemmschwelle, sich und anderen sein Problem trotz des geschützten Raums einzugestehen, sei für viele zunächst hoch. Mit der Zeit allerdings werden die Gruppentreffen für viele eine wichtige Strukturierung des Alltags, in einigen Runden entstünden sogar Freundschaften. „Die soziale Komponente solcher Gruppen ist nicht zu unterschätzen.“

Bei den regelmäßigen Treffen hält sich das SFZ aber zum größten Teil heraus und steht nur beratend zur Seite. „Niemand von uns fragt, wer zu den Terminen erscheint, oder Treffen verpasst. Das muss von den Betroffenen selbst entschieden werden.“ Manche besuchen die Gruppentreffen nur ein paar Mal, andere für einen längeren Zeitraum. Und manche bleiben ein Leben lang. Denn, so glaubt die Fachfrau: „In den Gruppen eröffnen sich neue Sichtweisen, man stellt sich Sinnfragen und erreicht auch mal persönliche Meilensteine“

Dennoch treffen sich die Gruppensprecher in regelmäßigen Abständen in großer Runde mit den Mitarbeitern des SFZ, um organisatorische Dinge zu bereden, wie zum Beispiel Fördermöglichkeiten. Schließlich können die meisten Selbsthilfegruppen von den Krankenkassen Zuschüsse beantragen, beispielsweise für die Miete der Räumlichkeiten oder auch für Referenten. Denn obgleich die meisten Selbsthilfegruppen ohne professionelle Leitung stattfinden, für so manche Fragen werden immer mal wieder Experten zu Rate gezogen.

Viehöver-Braun vermittelt die Hilfesuchenden in die passende Gruppe und versucht, „ihnen dabei Mut zu machen“. Anfragen erhalte sie sehr viele. Längst nicht alle Anfragen führen aber tatsächlich zu einem Besuch eines Treffens: „Viele schaffen den letzten Schritt dann doch nicht, sich auf den Weg zu machen“, sagt die Expertin.

Wenn sie für einem Hilfesuchenden keine passende Gruppe findet, helfe sie auch dabei, eine entsprechende Gruppe neu zu gründen. Für eine solche Gründung brauche es gar nicht viel, sagt sie optimistisch: nur ein Thema, einen Raum, etwas Zeit und Menschen. Gleichgesinnte zu finden, dabei unterstützte sie sogar auch — zum Beispiel über Öffentlichkeitsarbeit.

Eine andere Möglichkeit für Hilfesuchende biete auch das Internet, wo es nicht nur Landes- und Bundesverbände zu fast jedem Selbsthilfethema, sondern auch eine Vielzahl von Foren gibt, in denen man sich austauschen kann. Manchen Menschen fiele es in der Anonymität des Internets leichter, sich zu offenbaren, und von ihren Problemen und Sorgen zu erzählen, berichtet Viehöver-Braun.

Viele wünschten andererseits aber auch, sich richtig kennen zu lernen: Eine Autisten-Selbsthilfegruppe hat sich beispielsweise gegründet, nachdem sich die Teilnehmer online kennengelernt hatten.

Insgesamt, sagt Hannelore Viehöfer Braun, sei Selbsthilfe so wertvoll, weil sie den Menschen auf niederschwellige Weise eine Anlaufstelle biete: Denn die Treffen sind kostenlos, unverbindlich und erfordern keine An- oder Abmeldung. Sie empfiehlt aber, nur dann eine Selbsthilfegruppe aufzusuchen, wenn man parallel eine Therapie mache. Denn: „Selbsthilfe ist ein wichtiger Baustein, aber kein Allheilmittel.“