Braunsrath: Im Chor oder solo - jeder singt für alle

Braunsrath : Im Chor oder solo - jeder singt für alle

Die Schwarzmeer Don Kosaken entführten ihre Zuhörer nicht ins winterliche Russland, sie hielten sich raus aus dieser strapazierten Zeitmode.

Bereits vor drei Jahren waren sie hier zu Gast und fanden auch jetzt wieder eine nahezu gefüllte Kirche vor.

Im Bewusstsein verbreiteter Konkurrenz und oft pseudohaft anderer Ensembles suchen sie ihren eigenen Weg und halten ständige Verbindung zu Bulgarien und Russland.

In Sofia und Umgebung werden die Bräuche von den Nachkommen der im Zuge der Oktoberrevolution dorthin geflohenen Kosaken („Freiheitskämpfer”) bis heute gepflegt.

Kurz nach der Wende machte sich das orthodoxe Quartett von dem „Schwarzmeer Don Kosaken-Chor” unabhängig und widmete sich bevorzugt dem russischen Kirchengesang und den Zentralthemen des orthodoxen Glaubens: Gottwerdung und Verklärung der Welt.

Handverlesene Stimmen

Die studierten Sänger, handverlesen und 25 bis 65 Jahre alt, werden alle zwei Monate ausgetauscht und nach strengen Kriterien (Timbre/apotheotisches Singen) zusammengestellt - wie sonst sollten sich das große Fürbittgebet oder die Cherubim-Hymne vortragen lassen?

Im Oktett gibt es keine Stars, die sich die Wirkung auf Kosten anderer erkaufen. Hier singt jeder für alle, im Chor oder solo. Mühelos werden die Rollen gewechselt.

Dadurch zeigt jede Stimme sowohl ihre Anpassungsfähigkeit als auch persönliche Prägung. Der tonangebende Mario Penev wollte nicht als Dirigent bezeichnet werden, und auch kein Solist trat namentlich in Erscheinung.

Der Sakralteil ersetzte Orgel, Instrumentalgruppe oder Massenchor. Die individuelle, scheinbar alterungsunfähige Stimme war Basis und Parameter. Reinheit, Ausdruck, Volumen, Technik... es fehlte an nichts, ebenso nicht an Dynamik oder Agogik. Bei aller Zartheit blieben es stets Männerstimmen.

Schlichtheit statt Bombast

Immer wieder verwunderlich ist, wie namhafte oder auch weniger bekannte russische Komponisten in die orthodoxe Musik einzudringen verstanden - etwa Rimskij-Korsakoff und vor allem Bortnijanskij, der außer mit der „Macht der Liebe” auch mit dem „Glückwunsch auf viele Jahre” vertreten war.

Dagegen kennt man hier einen Maximiwitsch, Christov, Lomakin oder Bachmetjev so gut wie gar nicht, aber auch sie erwiesen sich als exquisite Kirchenkomponisten.

Bei den allrussischen Volksweisen wurden wohltuend zurückhaltende eigene Interpretationen gewählt und Bombast und Fulminanz der Schlichtheit geopfert, dennoch verfehlten sie ihre Wirkung nicht.

Spontan und voller Achtung erhoben sich die Besucher nach Schluss des Programms von ihren Sitzen. Für ihren Applaus wurden sie mit zwei Zugaben belohnt.