„Ich hatte die Wahl: Heroin oder Sandra”

„Ich hatte die Wahl: Heroin oder Sandra”

Kreis Heinsberg. Auf dem Höhepunkt der Sucht hat Dominik H. etwa vier bis fünf Gramm Heroin täglich konsumiert.

Umgerechnet waren das damals ungefähr 500 Mark pro Tag. Der 24-Jährige wurde immer dünner, bestand nur noch aus Haut und Knochen, schwarze Augenringe dominierten sein Gesicht, er bezeichnet sich heute als „halbe Leiche” zu dieser Zeit - „eine Katastrophe”, „aber ich fühlte mich trotzdem gut dabei.”

Arbeiten gehen konnte er schon lange nicht mehr. Zu sehr hatte die Sucht ihn im Griff. Das ist jetzt eineinhalb Jahre her. Und in diesen 18 Monaten wurde nicht nur Dominiks Sohn geboren.

Heroin geraucht hat er fast überall, zu Hause, in Kneipen oder auf der Arbeit. Als Praktikant eines Zweiradgeschäftes zog er sich auf die Toilette zurück, präparierte seinen Stoff auf einem Blech, hielt ein Feuerzeug unter das Metall und sog den Rauch mittels eines Röhrchens, das auch ein Geldschein sein konnte, ein.

Es folgte Müdigkeit, die Augen fielen ihm im Stehen zu. Doch das wohlige Gefühl in sich war wichtiger. „Wirklich konnte ich das Gefühl noch nie erklären: Aber ich konnte plötzlich mit jedem reden, ich schämte mich nicht mehr, ich war total locker drauf.”

Auch das Frauen kennen lernen wäre ihm plötzlich leicht gefallen. Früher sah er nur neidisch zu, wie seine Kumpels mit den Mädchen flirteten, stand unbeteiligt daneben. Seine Ehefrau Sandra lacht den mittlerweile 26-Jährigen, der kurz vor der Gesellenprüfung steht, von der Seite an.

Um so etwas braucht er sich jetzt keine Sorgen mehr zu machen. Gemeinsam sitzen sie auf der Couch. Eine ganz normale Wohnung. In einem ganz normalen Wohngebiet, bestehend aus Einfamilienhäusern. Ein ganz normales Paar. Mit einer ganz ungewöhnlichen Vergangenheit.

Als Sandra Dominik kennen lernte, war dieser schon etwa fünf Jahre süchtig. Hatte schon einige Entgiftungen und Therapien erfolglos hinter sich gebracht. Angefangen hatte alles mit 15 Jahren. „Alkohol ohne Ende” stand für den Jugendlichen auf der Tagesordnung: „Bier, Korn - das ganze Programm.”

Dann kamen Haschisch-Joints dazu. Mit Neugierde blickte er auf ein paar ältere Jungs, allesamt vorbestraft oder gerne in Schlägereien verwickelt. „Für mich waren das einfach coole Typen”, zu denen er den Kontakt gesucht hatte.

Mit dem Führerschein richteten sie schnell die Bitte an Dominik, mal nach Holland zu fahren. Dort habe er dann auch das erste Mal Heroin geraucht. „Ich hab gekotzt und mich total schlecht gefühlt.”

Das zweite Mal wäre schon besser gewesen, trotzdem hätte er sich noch übergeben müssen. „Mich hat aber gar nicht die Droge an sich gereizt, sondern das ganze Drumherum.”

Die Fahrt nach Holland mit Älteren, der Kick dabei, nicht erwischt zu werden, die Gefahr, der er sich aussetzte. Ungewöhnlich schnell stieg Dominik H. in das Drogenleben ein. Vom ersten Versuch an konsumierte er täglich, wie er es ausdrückt: „Ich hab direkt Gas gegeben.”

Freizeitbeschäftigungen, die er vorher ausprobiert hatte, langweilten ihn nur: „Das Heroin war mein gefundenes Hobby”, erklärt der junge Vater heute. In der siebten Klasse von der Schule geflogen, weil er dreimal sitzen geblieben war, hatte er mit dem Drogenkonsum eine Tätigkeit gefunden, die ihn reizte. So komisch das auch klingen mag.

Nach drei Monaten bemerkte Dominik, dass er körperlich abhängig war, als er versuchte aufzuhören. „Ich hatte schreckliche Gliederschmerzen, mir war übel, ich hatte Hitzeschübe, Durchfall, Zitteranfälle und eine unbeschreibliche innere Unruhe.” Da es ihm am nötigen Kleingeld für den nächsten Konsum mangelte, weihte er erstmals eine Person in seine Sucht ein: seine Schwester.

Mit geliehenem Geld macht er sich direkt auf den Weg gen Westen über die Grenze. Bis seine Eltern bemerkten, was mit ihrem Sohn los war, vergingen weitere drei Monate. Das Ehepaar versuchte, Dominik aus dem Teufelskreis rauszuziehen, „aber es hatte keinen Sinn”.

Auch sein Cousin hing mit drin in der Szene. „Der hat später auch gespritzt. Mittlerweile ist er spurlos verschwunden”, berichtet Dominik überraschend unbeteiligt von dessen Schicksal.

Vor den Spritzen hatte der 26-Jährige immer eine Heidenangst. Glück im Unglück, denn durchs Rauchen konnte er sich nicht mit den gefährlichen Hepatitis- und HIV-Viren infizieren. Im Kreis Heinsberg hatte sich eine richtige Heroin-Gang herauskristallisiert.

Einer hatte immer Stoff. Oder einer ist in die Niederlande gefahren. Als Dominik eines Tages unterwegs war, erwischte ihn die Polizei mit 180 Gramm - umgerechnet 4000 bis 5000 Mark wert.

Zwei Monate Gefängnis in Holland. Clean. „Vom ersten Tag an zurück in der Freiheit hab ich wieder Gas gegeben.” Eine weitere Verhaftung in Deutschland. Methadon, Entgiftung, Therapie. Clean. Vier Monate zu Hause.

Alkohol getrunken, ab nach Holland, „wieder Gas gegeben”. Insgesamt drei Therapien und zahlreiche Entgiftungen, zu Hause und in der Klinik. „Erst Sandra hat mich hart gebremst.”

Als die damals 19-Jährige ihren jetzigen Ehemann kennen lernte, kam er gerade aus der zweiten Therapie. Obwohl er zwischendurch immer wieder nach Holland fuhr, war für den jungen Mann relativ schnell klar: „Ich musste mich entscheiden: Sandra oder Heroin.”

Sie glaubte an ihn. Hielt zu ihm. Und trotzdem wurde er rückfällig. „Da brach für mich eine Welt zusammen”, erinnert sich die heute 23-Jährige. „Die Zeit war hart”, lautet das schlichte Resümee der jungen Mutter.

Doch noch ist sie nicht ganz vorbei. Denn jeder Süchtige bleibt abhängig, sein Leben lang. Und damit bleibt die Angst in der Familie. Welche Umstände ihn in die Drogensucht getrieben haben, kann Dominik H. nicht liefern: „Seitdem ich laufen kann, habe ich immer Mist gebaut. Ich bin so geboren worden.”

Ein offenes Meeting bietet der Verein Clean Way am kommenden Donnerstag, 4. Dezember, um 19.30 Uhr in der Beratungsstelle Caritas in Hückelhoven, Parkhofstraße 93a, im Rahmen der Suchtwoche an. Alle Interessierten sind eingeladen. Clean Way ist eine Selbsthilfegruppe für Drogenkonsumenten.