Heinsberg: „Ich dachte, den kannst du richtig gern haben”

Heinsberg : „Ich dachte, den kannst du richtig gern haben”

„Die Polizei, dein Freund und Helfer” - wer glaubt, dieser Slogan hätte über die Jahre ein wenig Staub angesetzt, wird dies ganz schnell wieder vergessen, wenn er den Polizisten Wolfgang Liening und seine Frau Margrit kennen lernt.

Wer ihr Haus in Heinsberg-Lieck betritt, spürt gleich unkomplizierte Herzlichkeit, Offenheit und Gastfreundschaft. Dass hier ein Kind gut aufgehoben ist, dazu bedarf es keiner großen Vorstellungskraft.

Und würde man die über 50 Pflegekinder befragen, die in den letzten 16 Jahren bei den Lienings zumindest vorübergehend ein neues Zuhause fanden, sie könnten dies sicher bestätigen.

1987, erzählt Margrit Liening, sei mit dem kleinen Marcel (Name von der Redaktion geändert) das erste Pflegekind in ihre Familie gekommen. 15 Jahre lang sollte der körperbehinderte Junge mit der Familie, zu der auch noch zwei eigene Töchter zählen, unter einem Dach leben.

Die Idee, ein Pflegekind aufzunehmen, war entstanden, nachdem das Kind eines Bruders von Margrit Liening gestorben war und dieser sich vergeblich um die Adoption eines Kindes bemühte. „Wir haben irgendwann gedacht”, erinnert sich die Lieckerin, „uns geht es so gut, wir haben schon zwei eigene Töchter, warum sollen wir nicht auch einem anderen Kind ein schöneres Leben ermöglichen.”

In seinem Kollegenkreis wusste Wolfgang Liening zudem von einem anderen Vater, der bereits Erfahrungen mit einem Pflegekind hatte. Nach intensiven Überlegungen und Gesprächen mit der ganzen Familie stand der Entschluss schließlich fest.

Über den Pflegedienst des Jugendamtes bewarben sich die Lienings, und nach einem halben Jahr war es endlich so weit. Im Kinderdorf in Dalheim lernten sie den kleinen Marcel kennen.

„Als wir ihn zum erstenmal sahen, dachte ich sofort, den kannst du richtig gerne haben”, erzählt Margrit Liening. Dass das Kind eine Behinderung hatte, spielte für das Ehepaar keine Rolle. „Er kam als Fünfjähriger zu uns und konnte gerade mal 16 Wörter sprechen”, wirft Wolfgang Liening ein.

Von September 1986 bis Januar 1987 näherten sich Marcel und seine neue Familie in wöchentlichen Besuchen langsam an.

„Für ihn war es toll, dass er Besuch bekam”, so die Polizistengattin, „weil das nicht bei jedem Kind so ist. Wenn wir dann da waren hatten wir plötzlich zwei oder drei auf dem Schoß, weil ja alle gerne Besuch gehabt hätten.”

Als Marcel schließlich im Januar als Vollzeitpflegekind auf Dauer in die Familie integriert wurde, „sah ich eigentlich nirgendwo ein Problem”, meint Margrit Liening immer noch begeistert. Natürlich hätte jeder in der Familie seinen neuen Platz finden müssen, was wohl vor allem für die jüngste Tochter, die plötzlich nicht mehr das Nesthäkchen war, eine Umstellung bedeutet habe, doch letztlich hätte alles prima geklappt.

„Marcel kam praktisch mit nichts, aber die Mädchen, die damals zehn und elf Jahre alt waren, haben ihn problemlos aufgenommen und sogar von ihren Spielsachen abgegeben.” Das freundliche Wesen von Marcel hätte alles zweifellos erleichtert, aber für Margrit Liening steht fest: „Es gibt kein böses Kind, die Erfahrung habe ich gemacht.”

Ohnehin habe sie in all den Jahren eine Menge gelernt: „Man kann auch nicht sagen, der ist jetzt fünf, also muss der sich so benehmen oder dies und das können. Manche der Kinder sind früher nicht mal bei ihrem Namen gerufen worden. Ich habe lange dafür gebraucht zu begreifen, dass es nicht nur lobenswert sein kann, wenn ein Kind eine Zwei in der Schularbeit schreibt, sondern auch, wenn es sich richtig gewaschen hat. Es gibt immer was zu loben. Wir sind mit allen Kindern klar gekommen, empfinden das auch nicht als Belastung, sondern als Lebensaufgabe.”

Ehemann Wolfgang beschreibt es so: „Man braucht eine ganze Portion Offenheit, sollte unbefangen herangehen und keinerlei Erwartungen haben. Ich sage immer, man bekommt einen Rohdiamanten, bei dem man dann anfangen kann, behutsam zu schleifen.”