Erkelenz: „Ich dachte, das ist nicht mehr mein Kind”

Erkelenz : „Ich dachte, das ist nicht mehr mein Kind”

„Ich war immer froh, wenn das Wochenende vorbei war”, erinnert sich Doris Schmidt (Name von der Redaktion geändert) an ihre schlaflosen Nächte. Dann nämlich war die Wahrscheinlichkeit besonders hoch, dass sie nachts einen Anruf von der Polizei erhielt.

„Holen Sie bitte ihren Sohn da und da ab”, hieß es dann. Für die Mutter bedeutete das: Sascha hat wieder Drogen genommen. Erst Marihuana, später Ecstasy und Amphetamine.

Mittlerweile lebt der fast 19-Jährige bei seinem leiblichen Vater, macht eine Lehre zum Metallbauer und besucht regelmäßig die Schule.

Was sich für Außenstehende wie die Rückkehr in die heile Welt anhört, weckt bei Doris Schmidt ganz andere Empfindungen: „Man sitzt auf einem Pulverfass.” Die 40-Jährige meint damit ihre Angst vor einem Rückfall ihres Sohnes.

Jeden Tag könnte es passieren. Jetzt sucht sie gleich gesinnte Eltern, zum Austauschen, Erfahrung weitergeben, Reden und Zuhören.

Angefangen hatte alles mit einem Tütchen, das im Flur lag. „Ich wusste damals nicht, was das war”, gibt die Frau offen zu. Als sie Nachforschungen anstellte und auch ihren Sohn befragte, behauptete dieser, dass die Tüte wohl unter seinem Schuh geklebt haben müsse.

Lügen - davon kann Doris Schmidt ein Lied singen: „Ich bekam Geschichten aufgetischt, an die ich nachher fast selbst geglaubt habe - weil ich daran glauben wollte.”

Die Mutter sorgte sich um ihren Sohn und konsultierte die Hausärztin, die ihre Befürchtungen mit einem „Jeder probiert das doch mal aus” abtat. „Aber mein Sohn hatte sich total verändert.”

Aus einem umgänglichen Jungen sei ein Mensch geworden, von dem sie dachte, „das ist nicht mein Kind”. Die 40-Jährige wusste weder ein noch aus: „Ich wusste nicht wohin, ich wusste nicht, wer mir helfen kann.”

Auch Rausschmisse des Sohnes aus der Wohnung halfen nichts. Bis sie ihm das Messer auf die Brust setzte: „Entweder Therapie, oder du musst gehen.”

Zu diesem Zeitpunkt hatte Doris Schmidt schon lange Kontakt zum Gesundheitsamt in Erkelenz aufgenommen, nahm regelmäßig Therapiesitzungen.

Doch auch diese Unterstützung konnte einen Nervenzusammenbruch der Frau nicht verhindern. Der einzige Ausweg, der ihrem Sohn blieb, war ein Klinikaufenthalt.

Nach monatelangem Warten auf einen Platz im Landeskrankenhaus in Süchteln war es endlich soweit: der Morgen des Aufbruchs in ein neues Leben.

Er allerdings blieb im Bett, weigerte sich aufzustehen, geschweige denn sich Richtung Therapieplatz zu bewegen.

Als Doris Schmidt ihn holen wollte, traf sie fast der Schlag: Sascha blutete aus der Nase. Er hatte wieder Amphetamine geschnupft. Und er protestierte vehement dagegen, in Süchteln zu bleiben.

„Da ist mit der Kragen geplatzt”, erinnert sich die Frau. Den Hausarzt bat sie damals um Hilfe, und dem gelang es, Sascha zu einer Gesprächstherapie zu bewegen.

„18 Monate drogenfrei”, berichtet die Mutter hoffnungsvoll von dieser Zeit. „Und dann ist die Freundin mit seinem besten Freund durchgebrannt.”

Die Folge: Sascha ist rückfällig geworden. „Ab und zu nimmt er wieder was”, vermutet die Mutter mit besorgtem Gesicht, weil sie nicht weiß, ob oder wann die Drogen wieder die Oberhand gewinnen: „Man sitzt auf einem Pulverfass.”

Doris Schmidt möchte eine Selbsthilfegruppe in Erkelenz gründen für Eltern, deren Kinder Drogen missbrauchen.

Das erste Treffen ist am Mittwoch, 4. Dezember, um 19 Uhr im Gesundheitsamt. Der nächste Termin ist der 8. Januar, danach 14-tägig. Informationen erteilt das Gesundheitsamt unter 02431/9771810.