Kreis Heinsberg: Heinsberger wollen geistig behinderte Menschen in Russland fördern

Kreis Heinsberg : Heinsberger wollen geistig behinderte Menschen in Russland fördern

Viel hat sich getan, seit im Juni 1991 — 50 Jahre nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion — Vertreter der Evangelischen Kirche im Rheinland zum ersten Mal als Zeichen der Versöhnung in die damals besonders stark betroffene Region und Stadt Pskow in Russland reisten. Vor allem geistig und mehrfach behinderten Menschen wollte die Initiative evangelischer Christen helfen, da diese zu den extrem Benachteiligten in der russischen Gesellschaft gehörten.

Nach dem Aufbau grundlegender Strukturen ist das ambulant betreute Wohnen ein aktuelles Thema vor Ort. Dem Besuch einer russischen Delegation bei der Lebenshilfe in Heinsberg im April folgte die Reise einer Heinsberger Gruppe nach Pskow. Ziel ist der Aufbau von ambulanten Wohn-Dienstleistungen für Menschen mit geistigen Behinderungen im Rahmen des Programms „Förderung von Basisstrukturen in Mittel-, Ost- und Südosteuropa“ der Aktion Mensch.

Zu diesem Team gehörten Projektleiter Bernd Schleberger, der ehemalige Leiter der Oberbrucher Rurtal-Schule, als Vertreter der Initiative Pskow in der Evangelischen Kirche im Rheinland, Klaus Meier, Vorsitzender der Lebenshilfe Heinsberg, sowie die beiden Fachbereichsleiterinnen Judith Liebens (Offene Hilfen) und Katrin Ronkartz (Ambulant unterstütztes Wohnen).

In Pskow wurden die deutschen Besucher von örtlichen Vertretern der Elternvereinigung „Ich & Du“ sowie des Sozialamtes der Region Pskow empfangen. Ein wesentliches Projekt der Initiative ist das Heilpädagogische Zentrum (HPZ) in Pskow, das seit 1993 besteht, von der Evangelischen Kirchengemeinde Wassenberg getragen bis vor zehn Jahren getragen wurde und noch heute unterstützt wird. Dort konnten sich die Besucher von der Arbeit überzeugen, die für behinderte Menschen geleistet wird, in Kindergarten, Förderschule und Werkstatt. „Alle drei Einrichtungen befinden sich weitgehend auf deutschen Standards und vermitteln eine positive und wertschätzende Atmosphäre“, so Schleberger.

Ganz anders dagegen waren die Eindrücke beim Besuch in einem sogenannten Psychoneurologischen Internat, wo 335 Frauen in Mehrbettzimmern auf engem Raum leben. „Für uns heute unvorstellbar, Menschen in dieser Vielzahl in einer Einrichtung und mit einem uns fremden Verständnis von ‚guter Versorgung‘ zu betreuen“, lautete das Fazit von Katrin Ronkartz.

In der gemeinsamen Arbeit mit „Ich & Du“ ging es dann um das betreute Wohnen und den Aufbau damit verbundener weiterer, ambulanter Dienstleistungen. Derzeit unterhält die Elternvereinigung bereits zwei ambulant betreute Wohngemeinschaften mit je fünf Bewohnern mit geistiger und teilweise auch körperlicher Behinderung. Schnell wurde den deutschen Besuchern klar, dass Beratungsstrukturen für künftige Bewohner und deren Angehörige ebenso fehlen wie etwa Angebote zur Freizeitgestaltung oder zur Entlastung von Angehörigen. Gleiches galt bei der privaten, von einem Moskauer Geschäftsmann gegründeten Initiative Rostok, die sich ebenfalls in dem Ort Porchow, 100 Kilometer von Pskow entfernt, für ambulant betreutes Wohnen engagiert und Arbeitsmöglichkeiten bietet.

Eigentlich war die deutsche Gruppe mit dem Ziel nach Pskow gefahren, die russischen Kollegen beim Aufbau neuer Plätze für das ambulant betreute Wohnen schon für die zweite Hälfte 2019 zu unterstützen. „Wir mussten jedoch feststellen, dass die Einstellung der betroffenen Menschen und vor allem ihrer Angehörigen zu den Wohnbedingungen außerhalb eines Internates eine ganz andere ist“, erklärte Judith Liebens.

„Aber die Beispiele betreuten Wohnens, wenn auch in Wohnverhältnissen und Lebensbedingungen, die für uns zwar kaum vorstellbar und nicht leicht zu ertragen sind, haben uns dennoch gezeigt und darin bestätigt, dass die Menschen mit Behinderung dort durch das selbstständige Leben und das eigene Heim zufrieden und glücklich sind“, so ihre Erkenntnis. „Wir müssen also ganz anders ansetzen und den Bedarfe quasi erst einmal wecken.“

Wichtig sei in diesem Zusammenhang eine grundlegende politische Arbeit in diesem Bereich, die vom zuständigen Sozialamt zu leisten sei. Darauf aufbauend könnten in Kooperation mit „Ich & Du“ dann strukturelle Ansätze folgen für eine Ausweitung des ambulant betreuten Wohnens und die damit verbundenen ambulanten Dienstleistungen.

Dafür soll jetzt ein Folgeantrag bei der Aktion Mensch gestellt werden. „Die Menschen dort vor Ort in Pskow sind alle so hoch motiviert in ihrer Arbeit mit den behinderten Menschen, dass es sich ganz sicher lohnt, dieses Projekt weiter fortzuführen“, betonte Lebenshilfe-Vorsitzender Klaus Meier.

(anna)
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