Kreis Heinsberg: Gut ein Drittel der Temposünder kommt ohne Strafe durch

Kreis Heinsberg : Gut ein Drittel der Temposünder kommt ohne Strafe durch

Geht es um Statistiken, geht es in erster Linie um Zahlen. Geht es um die Halbjahresstatistik der stationären Blitzer im Kreis Heinsberg, geht es nicht nur um numerische Zahlen, sondern auch um das Zahlen von Verwarn- und Bußgeldern. Zwischen den Ist- und Soll-Beträgen klaffen teilweise erhebliche Lücken. Eine Analyse.

Zehn Radaranlagen sind im Kreis aktiv, die im ersten Halbjahr 2015 zusammen 10.425 Autofahrer porträtiert haben. Diese Fotos wurden in 5956 Verwarngelder umgewandelt, die für die Kreiskasse wiederum 101.025 Euro wert waren. Auf dem Konto mit der IBAN DE76312512200000000273 sind davon jedoch nur 79.675 Euro eingegangen. Warum aber sind nur 79 Prozent der Gesamtsumme angekommen? Manche Fahrer auf jenen Fotos würden die Schreiben des Kreises ignorieren, Widerspruch einlegen oder aus Holland kommen, sagt Ulrich Hollwitz, Sprecher des Kreises Heinsberg.

Bußgeldbescheide für nicht gezahlte Verwarngelder oder grobe Tempoverstöße hat der Kreis ebenfalls verschickt. In der Summe waren es von Januar bis Ende Juni 1126, oder umgerechnet 104.494,66 Euro. Auf der Habenseite verzeichnete der Kreis davon jedoch lediglich 39.057,66 Euro — nur 37 Prozent der Sünder haben ihre Rechnung beglichen. Die ausstehenden Verwarn- und Bußgelder ergeben zusammen 86.787,25 Euro. Für den Kreis scheint diese Summe erst einmal nebensächlich zu sein, denn mit den stationären Radaranlagen fokussiere man sich nicht auf das eigene Konto, sondern auf die Unfallprävention, sagt Kreissprecher Hollwitz.

Unfälle zurückgegangen

„Die stationären Anlagen stehen nur an Unfallschwerpunkten, wo die Unfallursache erhöhte Geschwindigkeit war.“ Überall dort, wo sich mehrere Unfälle mit Schwerverletzten und Toten ereignet haben, seien die Starenkästen in Absprache mit der Unfallkommission installiert worden. „In Kückhoven zum Beispiel gab es keine tödlichen Unfälle mehr, nachdem die Radaranlage errichtet wurde“, sagt Hollwitz.

Angela Jansen, Pressesprecherin der Kreispolizeibehörde, bestätigt auf HZ-Anfrage den positiven Effekt der Radaranlagen: „An den Aufstellorten sind die Unfälle deutlich zurückgegangen. Sie lassen sich natürlich nicht gänzlich verhindern. Die Unfallfolgen sind jedoch deutlich geringer als zuvor.“ Neben Kückhoven sei auch auf der L3 in Erkelenz-Grambusch auf Höhe der Kreuzung mit der L46 eine „Unfallhäufungsstelle“ mit Schwerverletzten gewesen. 2013 wurde die Anlage errichtet, 2014 wurde nach Polizeiangaben dort nur noch ein Verkehrsunfall mit Sachschaden registriert.

Einige inaktive Blitzer

Es stehen im Kreis Heinsberg noch weitere stationäre Blitzer — wo genau, das möchte der Kreis aus Gründen der Verkehrssicherheit nicht mitteilen. Die „Dinger“ würden ihren Zweck erfüllen, selbst wenn sie nicht geladen sind, sagt Ulrich Hollwitz. „90 bis 95 Prozent fahren automatisch langsamer. Damit ist erreicht, was wir wollen.“ Die „Dinger“ würden auch nicht inflationär aufgestellt: „Das hat also nichts mit Abzocke zu tun.“

Beim Stichwort Abzocke wären wir wieder beim Geld. Dass so viele Temposünder nicht zahlen, sei zwar nicht schön, aber verschmerzbar, weil Unfallschwerpunkte entschärft würden, sagt Hollwitz. „Ob wir 20, 50, 100 oder 1000 erwischen, ist uns herzlich egal. Wenn es sich finanziell trägt, reicht uns das.“ Für die Wartung aller Radaranlagen seien im Haushalt für das gesamte Jahr 50.000 Euro veranschlagt.

Dem Kreis entgeht nicht nur Geld durch ausbleibende Zahlungen. Durch technische und menschliche Fehler oder schlechte Lichtverhältnisse sind mindestens 32 Prozent der Fotos nicht verwertbar. Wie viele Einnahmen dadurch fehlen, ist nicht festzulegen, eine grobe Rechnung dennoch möglich. Geht man davon aus, dass die Fahrer auf den mindestens 3343 nicht verwerteten Fotos maximal 20 Kilometer pro Stunde zu schnell unterwegs waren (denn nur bis zu dieser Grenze greift ein Verwarngeld), und nimmt man das durschnittliche Verwarngeld von 16,96 Euro, ergibt das einen Betrag von fast 57.000 Euro — in einem Halbjahr.

Der Spitzenreiter der stationären Anlagen steht auf der L117 in Hückelhoven-Millich: In der 50er Zone wurde der Blitzer 2133 Mal ausgelöst. 1421 Verwarngelder spielten 17.540 Euro ein. Der Höchstwert von 92 Kilometern pro Stunde über dem Tempolimit wurde auch dort gemessen.

Am seltensten schnappte die Radarfalle in Erkelenz-Grambusch auf der L3 in Richtung Erkelenz zu (394 Mal); die geringste Summe an Verwarngeldern brachte die Anlage auf der L19 in Erkelenz-Kückhoven Richtung Erkelenz ein mit 1870 Euro.