Hückelhoven: Gerechtigkeit für Millionärin

Hückelhoven : Gerechtigkeit für Millionärin

Keine leichte Kost bekamen die Zuschauer vorgesetzt, die zur Theateraufführung des Literaturkurses der Jahrgangsstufe 12 des Hückelhovener Gymnasiums sehr zahlreich in die Aula gekommen waren.

Mit dem „Besuch der alten Dame” von Friedrich Dürrenmatt, einer tragischen Komödie um den Besuch einer Multimillionärin in ihrem ehemaligen Heimatdorf, führten die Schüler detailgetreu ein literarisches Werk auf, bei dem nicht der Humor im Vordergrund stand.

In der verarmten Kleinstadt Güllen irgendwo diesseits oder jenseits der deutsch-schweizerischen Grenze erwarten die Bürger den Besuch einer reichen alten Dame, der Multimillionärin Claire Zachanassian (überzeugend gespielt von Mirka Hellemacher), die als Klara Wäscher in Güllen geboren und aufgewachsen ist.

Ihr Vermögen ist unübersehbar, die Zahl ihrer Gatten bereits so groß, dass sie ihre Ehemänner durch einander wirft. Von der nun reichen und vor allem gebürtigen Güllenerin erhoffen die Kleinstädtler Rettung. Alfred Ill (Simon Klöber), der früher ein Verhältnis mit ihr hatte, wird gebeten, sie um Hilfe zu bitten.

Claire Zachanassian erklärt sich dann auch bereit, eine Milliarde zu spenden, doch knüpft sie an diese „Spende” eine Bedingung: Kurz und bündig erklärt sie, sie werde der Stadt die Summe von einer Milliarde nur dann stiften, wenn sie sich dafür „Gerechtigkeit” kaufen könne.

Die Gerechtigkeit besteht für sie darin, dass sich jemand bereit findet, Alfred Ill zu töten. Er hat sie nämlich im Jahre 1910, also vor rund 40 Jahren, mit einem Kind sitzen lassen und in einem Vaterschaftsprozess, den sie anstrengte, zwei bestochene Zeugen mitgebracht, die beschworen, ebenfalls ein Verhältnis mit Kläri Wäscher gehabt zu haben. Anfangs stehen noch alle hinter Alfred Ill, aber mit der Zeit wendet sich das Blatt und es geht eine seltsame Veränderung in Güllen vor.

Zunächst weigerte sich der Bürgermeister (Alexandra Grams), die Milliardenstiftung unter der abstrusen Bedingung eines „Gerechtigkeits”-Mordes anzunehmen, aber alle Einwohner fangen plötzlich an, auf größerem Fuß zu leben, Anschaffungen zu machen, besser zu essen und zu trinken - kurz alle leben so, als ob sie sicher mit einem beträchtlichen Vermögenszuwachs rechnen könnten.

Völlig geldfixiert beschließt der Bürgermeister gemeinsam mit dem Lehrer (Yasemin Genc), dem Pfarrer (Anil Gürtürk), dem Polizisten (Alice Mackenstein) und allen anderen Bürgern, dass die Gerechtigkeit siegen muss - es wäre richtig, Alfred zu töten und das Geld für die Stadt zu bekommen.

Alfred Ill wird es unbehaglich. Zwar gewährt auch er seinen Kunden jeden Kredit, aber er fühlt, dass sich etwas gegen ihn zusammenzieht. Letztenendes wird er umgebracht, und zwar so geschickt, dass es wie ein Unfall aussieht. Claire Zachanassian ihrerseits macht ihr Versprechen wahr.

In diesem Stück ging es jedoch nicht darum, die banale Wahrheit „Mit Geld lässt sich alles kaufen” durch eine Bühnenparabel zu erhärten. Vielmehr soll mit diesem Stück aufzeigen, dass die Aussicht auf die Milliarde das „sittliche Gewissen” der Güllener so mobilisiert, dass sie in der Tat Gerechtigkeit zu üben glauben, wenn sie ihren Mitbürger Ill töten. Kein Mensch hätte je danach gefragt, wenn einer aus ihrer Mitte ein armes Mädchen hätte sitzen lassen - der „Frevel an der Milliardärin” aber verlangt Sühne.

Stehende Ovationen und lang anhaltender Beifall waren der Lohn für die Schauspieler.