Kreis Heinsberg: „Fairer Handel“: Votum gegen die Zertifizierung

Kreis Heinsberg : „Fairer Handel“: Votum gegen die Zertifizierung

Das Thema „Fairer Handel“ hatte schon in und nach der Kreisausschusssitzung in der vergangenen Woche für Zündstoff gesorgt. Auch im Kreistag, der am Donnerstagabend unter dem Vorsitz von Landrat Stephan Pusch (CDU) im Heinsberger Kreishaus tagte, konnte keine Einigung erzielt werden.

Der Beschlussvorschlag der Verwaltung, nach dem der Kreis an dem Projekt „Fairtrade-Kommune“ mit dem Ziel einer Zertifizierung als „Fairtrade-Kreis“ teilnehmen sollte, fand — wie schon im Kreisausschuss — keine Mehrheit. Nur SPD, Grüne und Linke votierten dafür. CDU, FDP, Freie Wähler und AfD stimmten dagegen. CDU und FDP setzten schließlich ihren eigenen gemeinsamen Änderungsantrag durch, für den auch die AfD stimmte: „Die Verwaltung investiert keine großen Summen für die Zertifizierung im Rahmen des Projekts Fairtrade, für Entwicklungshilfe ist der Kreis nicht zuständig.

Anstelle der Investition in ein aufwendiges Zertifizierungsverfahren sollen lokale Hilfsorganisationen, wie sie im Verein ,HS — ein Kreis hilft‘ organisiert sind, bei ihrer wichtigen Arbeit unterstützt werden. Dies soll soweit möglich unter Mitwirkung unterschiedlicher Sponsoren erfolgen.“ Zudem wurde vom Kreistag beschlossen, was auch die Verwaltung in der Sitzungsvorlage selbst vorgeschlagen hatte: Sie soll, wie bisher, ausschließlich Fair­trade-Kaffee ausschenken sowie ein weiteres Produkt aus fairem Handel (Tee, ­Zucker oder Kakao) verwenden. An diesem Punkt hatten die Freien Wähler Kritik geübt.

Im Vorfeld der Kreistagssitzung hatte eine Erklärung von Markus Bruns, Domkapitular und Propst der katholischen Kirche in Heinsberg, Jens Sannig, Superintendent des evangelischen Kirchenkreises Jülich, Bruno Bürger (Pax Christi), Frank Joussen (Eine-Welt-AG des Cusanus-Gymnasiums Erkelenz) und Hans Latour (Eine-Welt-Laden Hückelhoven) die Kreistagsmitglieder erreicht. Die Autoren hatten darin ihre Enttäuschung und ihr Unverständnis darüber zum Ausdruck gebracht, dass sich der Kreis Heinsberg offensichtlich von seinen Plänen, eine Zertifizierung als Fairtrade-Kreis anzustreben, zurückgezogen habe.

Weder mit dem Stichwort „Entbürokratisierung“ noch mit dem Vorschlag von punktuellen Spenden an Hilfsorganisationen werde von CDU und FDP der Kerngedanke des „Fairen Handels“ und einer nachhaltigen Entwicklung getroffen. Denn es gehe doch darum, Produzenten in den sogenannten Entwicklungsländern durch eine Garantie der Abnahme zu Mindestpreisen ein ansatzweise auskömmliches Einkommen zu ermöglichen. In den armen Ländern der Welt würden Menschen für einen Hungerlohn und unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten.

Weltweit würden schätzungsweise zwischen 150 und 250 Millionen Kinder regelmäßig über mehrere Stunden am Tag arbeiten. Zahlreiche Organisationen hätten es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, gerechtere Bedingungen im Welthandel voranzutreiben und ein ausgewogenes Wirtschaftssystem zu schaffen. Dazu würden klare Standards definiert und Kleinbauern und Arbeiter mit Verbrauchern in Beziehung gesetzt, so dass sie gemeinsam die Armut im sozialen Umfeld der Menschen in den Schwellenländern bekämpfen und diese ihr Leben in ihre eigenen Hände nehmen könnten.

Vor diesem Hintergrund hätten sich viele lokale Initiativen sowie bereits auch einzelne Kommunen im Kreis auf den Weg gemacht, durch lokale Netzwerke nach der Devise „Global denken, lokal handeln“ eine wirksame und nachhaltige Entwicklungspolitik zu unterstützen. Für die engagierten Eine-Welt-Läden, Initiativen und Schüler-AGs im Kreis sei der Antrag von CDU und FDP „ein herber Schlag ins Gesicht“, so Bruns, Sannig, Bürger, Joussen und Latour.

Die Autoren der Stellungnahme unterstrichen die Bedeutung von klarer Information und Deklaration, von Zertifizierung und geschützten Siegeln. Sie seien „besonders wichtig“. Fairer Handel sei Entwicklungszusammenarbeit und Förderung des Gemeinwesens vor Ort. „Kreise, Städte und Gemeinden können die Ziele des fairen Handels unterstützen, indem sie einen zivilgesellschaftlichen Prozess der Einführung von Fairtrade-Produkten in Gastronomie und Handel unterstützen“, erklärten sie weiter. Diese Chance verpasse der Kreis Heinsberg.

Dies sei „ein Rückschlag für alle in der ,Eine-Welt-Politik‘ engagierten Menschen im Kreis, die sich seit Jahren ehrenamtlich und intensiv für einen gerechteren Handel einsetzen“.

(disch)
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