Hückelhoven: Düstere Epoche bleibt kostbare Erinnerung

Hückelhoven : Düstere Epoche bleibt kostbare Erinnerung

„Unsere Generation stirbt aus.” Darauf weist Christel Wirtz mit sachlicher Schärfe hin. Weder ein vorwurfsvoller Unterton noch Bedauern schwingen in der Stimme der 71-Jährigen mit.

Nur: Wer Fragen über das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte hat, der soll sie bitte jetzt stellen. Denn schon bald könnte es zu spät sein. „Es ist gut, wenn man sich daran erinnert”, bekräftigt die Bewohnerin des Evangelischen Altenzentrums.

Obwohl noch von einer Grippe geschwächt, empfängt die ältere Dame am Mittwochmorgen gerne die Besuchsgruppe des Gymnasiums. Lektionen in Sachen Geschichte einmal anders.

Insgesamt 20 Schüler eines Geschichts-Kurses der elften Klasse hatten sich vorgenommen, Zeitzeugen über ihr Leben im Dritten Reich und die entbehrungsvolle Zeit danach zu befragen. Ausgerüstet mit einem umfangreichen Fragenkatalog rückten sie zehn gesprächsbereiten Senioren auf die „Pelle”.

Christel Wirtz weiß: „Die Meisten sprechen nicht darüber - entweder, weil sie es nicht verwunden haben, oder, weil sie vergessen wollen.” Das gilt nicht für die gebürtige Danzigern. Sie erinnert sich genau an die düsteren Geschehnisse in ihrer Kindheit.

1945 wurde ihre Schule evakuiert. Tagelang flüchtete die damals 14-Jährige mit dem Zug durch Mecklenburg-Vorpommern. Zuerst nach Usedom, später nach Grömitz. „Wir wussten nicht, ob wir unsere Eltern jemals wieder sehen werden”, schildert die Seniorin.

Ihr Vater gilt heute noch als vermisst, ihre Mutter traf sie kurze Zeit danach wieder. Als Kindermädchen im „Westen” fand sie schließlich einen der rar gesäten Arbeitsplätze. Das Leid und den Hunger der Nachkriegszeit hat die Zeitzeugin noch genau vor Augen.

300 Gramm Fleisch hätten sie, ihr Bruder und ihre Mutter damals pro Monat zugeteilt bekommen - 100 Gramm für jeden. Nahrungsmittel seien die wertvollste Tauschware gewesen. Aber nur wenige Menschen verfügten über sie. „Man sprach nicht über Hunger, man hatte ihn.”

Richtig stolz sei sie gewesen, als sie einen Bezugsschein für Schuhe ergattern konnte, berichtet Christel Wirtz. Improvisierte Schuhe aus Holz oder alten Autoreifen seien damals die Regel gewesen, undenkbar ein nigelnagelneues Paar.

„Wurde nach 1945 in der Schule über den Nationalsozialismus gesprochen?”, fragt einer der Interviewer.

Die Antwort der Zeitzeugin besteht aus einem klaren Nein. Die deutschen Klassiker Schiller und Goethe hätten zum Lernstoff gehört, aber über die Zeit zwischen 1933 und 1945 sei ein Schleier des Schweigens ausgebreitet worden.

Ob sie von den Konzentrationslagern gewusst habe, will jemand wissen. Diese Frage bejaht Christel Wirtz, die damals noch ein Kind war. Aber: „Meine Mutter sprach über solche Sachen nicht.”

An Menschen jüdischen Glaubens, die plötzlich „abgeholt” wurden, kann sie sich ebenso erinnern wie an die gut geölte Propagandamaschinerie der Nazis.

Ein Problem war auch die ärztliche Versorgung: „Die Leute starben wie die Fliegen, weil sie keine Widerstandskräfte hatten.” Krankheiten wie Tuberkulose breiteten sich aus. Christel Wirtz selbst brach sich eines Tages den Arm und hatte Mühe, eine angemessene Behandlung in Anspruch nehmen zu können.

„Das waren schlimme Zeiten”, resümiert die Seniorin. Diese hautnahe Erfahrung von Tod, Elend und Verzweiflung wünsche sie keinem Menschen. Kostbar sei dennoch die Erinnerung und erstrebenswert ihr Erhalt.