Düren: Diskussion im Komm: Auffällige Kinder und aufmüpfige Eltern

Düren : Diskussion im Komm: Auffällige Kinder und aufmüpfige Eltern

Christina van Essen gestand: „Ich war nach der Lektüre des Buches geschockt“, sagte die Leiterin des Frauenbüros der Stadt Düren. Sie selbst, sagte sie weiter, habe bei ihren vier Kindern „harmonische Kindergartenjahre“ erlebt.

Die Zeiten haben sich aber geändert. Und davon wussten beim 17. Lila-Salon-Gespräch im „Komm“-Zentrum zwei Fachfrauen aus erster Hand zu berichten. Tanja Leitsch und Susanne Schnieder haben ein Buch geschrieben. Es heißt: „Die Rotzlöffel-Republik“.

Christina van Essen, Leiterin des Frauenbüros der Stadt Düren (rechts), leitete das Salongespräch mit den „Rotzlöffel“-Autorinnen Susanne Schnieder (links) und Tanja Leitsch. Foto: Sistemich

War vor 20 Jahren ein Kind in einer Gruppe von 25 Jungen und Mädchen verhaltensauffällig, so sind es heute fünf. Und die Eltern sind teilweise überfordert mit der Erziehung ihrer Kinder, weil sie selbst Probleme im Umgang mit ihrem Nachwuchs haben und sich gegenüber den Erzieherinnen als beratungsresistent zeigen.

„Übertreiben wir?“, fragen die Niedersächsinnen ihr Auditorium. Und die rund 60 Frauen — auch drei Männer hatten den Weg ins „Komm“ gefunden — widersprachen unisono nicht. Der überwiegende Teil der Zuhörerinnen arbeitet selbst als Erzieherin in Kindertagesstätten und bestätigte Fallbeispiele der Autorinnen.

Wenn Mutter es normal findet, dass Torben im Kindergarten in Förmchen pieselt, und es ablehnt, neue zu kaufen; wenn ebenfalls eine Mutter über Monate nicht mehr mit einer Erzieherin spricht, weil diese Tom überredet hat, eine überaus gruselige Gesichtsmaske an einem Karnevalstag abzunehmen, weil die anderen Kinder sich vor dieser fürchteten; wenn Eltern nicht verstehen, dass sie ihre vierjährige Maria ein Kindergartenkind sein lassen sollen und es nicht mit ihrem Wunsch, Maria schon als Schulkind zu sehen, überfrachten — dann sind das noch die harmloseren Beispiele.

Pädagogisches Halbwissen

„Uns fehlt im Endeffekt“, sagten Leitsch und Schnieder mit Zustimmung der Zuhörer, „die Zeit, die übrigen 80 Prozent der Kinder zu fördern.“ Diese Zeit fehlt ihnen nicht nur wegen der „Rotzlöffel“ und der Eltern, die sich auch dank des Internets pädagogisches Halbwissen aneignen und glauben, alles besser zu wissen als die Erzieherinnen. Die Zeit fehlt auch, weil die Anforderungen an das (überwiegend weibliche) Personal, das einem Lärmpegel von weit über 80 Dezibel nicht nur teilweise am Tag ausgesetzt ist, immer mehr steigen — weil zum Beispiel die Dokumentationen immer mannigfaltiger und die intensiven familienunterstützenden Maßnahmen zunehmen.

„Wir können aber die Defizite der Gesellschaft nicht auffangen“, sagten die beiden Autorinnen wieder mit Zustimmung des Publikums. Und schließlich suchten sie und ihre Zuhörerinnen nach Möglichkeiten, die Situation an den Kitas zu verbessern. Klar ist: Ein Patentrezept gibt es nicht. Eine bessere Bezahlung und mehr Kolleginnen und vor allem Kollegen (!) gehören dazu, um den Beruf attraktiver zu machen. Vielleicht muss die gehetzte Gesellschaft aber auch wieder zur Ruhe kommen, sollten Väter und Mütter sich selbst und ihre Kinder nicht weiter unter Druck setzen.

Ob eine finanzielle Grundsicherung für Eltern oder weniger Arbeit bei gleichem Lohn zur Entspannung beitragen würde, wurde ebenso diskutiert wie darauf hingewiesen wurde, dass nicht nur Hartz-IV-Eltern zu den beratungsresistenten gehören, sondern auch das sozial besser gestellte Bürgertum.

Überhaupt: Mehr Zeit für die Kinder muss nicht heißen, dass die Eltern diese sinnvoll mit ihrem Nachwuchs verbringen. Auf jeden Fall wünschen sich die Erzieherinnen mehr Respekt und Wertschätzung — auch von Ämtern und gerade der Politik.

Denn für die Erzieherinnen ist eines klar: Kinder werden nicht als Rotzlöffel geboren, sie werden von den Erwachsenen zu Rotzlöffeln gemacht, deren Verhaltensauffälligkeiten im Endeffekt nichts anderes sind als Hilfeschreie. Diesen wollen sie helfen, aber auch genügend Zeit für die anderen, die „Normalen“ haben.

Und noch eines ist ihnen bei allen Problemen klar: Sie sind gerne Erzieherinnen. Eigentlich.

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