„Die Therapie muss sich dem Kranken anpassen”

„Die Therapie muss sich dem Kranken anpassen”

Kreis Heinsberg. Individuelle Hilfen und eine bessere Koordination der einzelnen Angebote für psychisch Kranke - das sind die ehrgeizigen Ziele des Modellprojekts, an dem sich der Kreis Heinsberg seit Anfang des Jahres beteiligt.

Der Kreis ist eine von neun ausgewählten Regionen, in denen das Land Nordrhein-Westfalen einen neuartigen Ansatz bei der psychiatrischen Versorgung fördert.

Der Koordinator des Heinsberger Modellprojekts, Dr. Wolfgang Naber, zog nun eine erste Zwischenbilanz.

„Normalerweise muss der Kranke sich den Institutionen anpassen”, erläuterte Naber, gleichzeitig Leiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes beim Kreisgesundheitsamt, die bisherigen Hilfen für Patienten. „Die Therapie muss sich aber dem Kranken anpassen.”

Beispielsweise werde häufig nur geprüft, ob der Kranke in einem Wohnheim betreut werden könne oder nicht. Andere Angebote würden von den jeweiligen Fachkräften, die ja nur für ihren Bereich sprechen könnten, oft nicht bedacht.

„Manchmal haben sich nicht alle Leute, die an der Behandlung beteiligt sind, miteinander abgesprochen”, machte Naber die strukturellen Probleme deutlich. „So wie bei uns Hilfen für psychisch Kranke organisiert sind, gibt es große Mängel. Und die gibt es auch im Kreis Heinsberg.”

Mit dem Modellprojekt soll sich das in Zukunft ändern. Nach einem einheitlichen Verfahren wollen die Teilnehmer die Behandlung und Rehabilitation der Patienten planen. Das Angebot richtet sich dabei vor allem an chronisch Kranke - beispielsweise an Menschen, die unter Schizophrenie, schweren Persönlichkeitsstörungen oder Suchterkrankungen leiden.

Zunächst soll anhand eines neu entwickelten Fragebogens gemeinsam mit den Kranken analysiert werden, was der Patient tatsächlich an Hilfen benötigt.

Beispielsweise gebe es auch Patienten, erläuterte Naber, denen es schon helfen würde, mehrmals in der Woche beim Einkaufen betreut zu werden.

Den Einsatz dieses speziellen Fragebogens, des so genannten „Integrierten Behandlungs- und Rehabilitationsplans”, trainieren die teilnehmenden Einrichtungen des Heinsberger Modellprojekts. Wolfgang Naber rechnet damit, „dass wir in den nächsten Monaten aus der Trocken- und Planungsphase raus sind”.

Neben dem Gesundheitsamt ist auch das Sozialamt des Kreises bei diesem Modellprojekt engagiert. Denn viele der eingesetzten Hilfen werden nach Angaben Nabers vom Sozialamt bezahlt.

Darüber hinaus beteiligen sich auch die Gangelter Einrichtung „Maria Hilf” und dem Caritasverband für die Region Heinsberg.

Schließlich sitzen noch Vertreter der Aktion Psychisch Kranke (APK), die das Modellprojekt als Fachverband betreut, und des Landschaftsverbands Rheinland (LVR), Träger weiterer psychiatrischer Einrichtungen, mit am Tisch.

Vertreter dieser Organisationen sollen ab dem kommenden Jahr einmal im Monat zu einer so genannten Hilfeplanungskonferenz zusammen kommen. „Dort würde man mit einer sehr hohen Fachkompetenz die Behandlungspläne bearbeiten”, erklärte Wolfgang Naber. „Etwas Vergleichbares gibt es nicht. Momentan ist es Glückssache, an welchen Arzt man gerät.”

Zusätzlich zur Einrichtung dieses Fachgremiums sollen auch die Kranken oder ihre Bezugspersonen stärker in die Behandlung eingebunden werden, beispielsweise durch ihre freiwillige Teilnahme an der Konferenz.

Schließlich werden die Projektteilnehmer von der Landesregierung angehalten, so genannte Gemeindepsychiatrische Verbünde zu bilden, die als Verein eine noch engere Kooperation der beteiligten Einrichtungen institutionalisieren würde. Bislang besteht nach Angaben Nabers lediglich ein Kooperationsvertrag zwischen der Gangelter Einrichtung und der Caritas.

Das Modellprojekt wird noch ein Jahr lang vom Land NRW unterstützt. „Bis dahin wollen wir eine laufende und funktionierende Hilfeplanungskonferenz haben”, hofft Wolfgang Naber. „Wenn so eine Sache erst mal läuft, dann läuft sie.”

Die teilnehmenden Regionen erhalten vom Land kein Geld, sondern werden in ihrer Arbeit von Mitarbeitern der Aktion Psychisch Kranke betreut. „Dadurch wird keine Mark mehr ins Hilfesystem geschleust, sondern es wird überlegt, wo das Geld genau ankommt”, erklärt Wolfgang Naber. „Desto besser es uns gelingt, die Leute besser zu versorgen, um so weniger Folgekosten fallen an.”

Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie rechnet damit, dass die Arbeitsweisen des Modellprojekts in ein paar Jahren Standard werden. „Und dann sind wir von Anfang an dabei gewesen.”

Das Modell in Stichwörtern

Patientenorientierung

Die Hilfen orientieren sich am individuellen Bedarf von Patientinnen und Patienten, nicht an Einrichtungskonzepten oder - angeboten. Der Hilfebedarf wird im Rahmen von Hilfeplankonferenzen ermittelt. Beteiligt sind neben den Diensten und Einrichtungen der psychiatrischen Versorgung auch die Leistungsträger (Soziaihilfeträger, teilweise auch die Krankenkassen).

Bezugsperson

Den Patientinnen und Patienten steht eine koordinierende Bezugsperson zur Seite. Sie berät, vermittelt zwischen den psychisch kranken Menschen und den Versorgungseinrichtungen und stellt sicher, dass die Hilfepläne stets auf dem aktuellen Stand sind.

Wohnortnähe

Psychisch Kranke sollen dort versorgt werden, wo sie wohnen. Deshalb werden gemeindepsychiatrische Verbünde gebildet, die sich um alle psychisch Kranken in einer Region kümmern.

Kontakt

Psychiatrie-Koordinator für den Kreis Heinsberg ist Dr. med. Wolfgang Naber, 0 24 52/13 53 51.