Eschweiler: Die Not treibt die Menschen aus ihrer Heimat

Eschweiler : Die Not treibt die Menschen aus ihrer Heimat

Was veranlasst einen Menschen, seine Heimat, sein Hab und Gut, seine Familie und Freunde zurückzulassen, um in einem fremden Land sein Glück zu versuchen? Die Podiumsdiskussion am Mittwochabend im Eschweiler Rathaus gab viele Antworten auf diese und weitere Fragen.

In Zusammenarbeit mit der Vereinigung „Systems in Transition“ veranstalte Dr. Wolfgang Hagemann die Gesprächsrunde, die vor allem die psychischen Belastungen der Betroffenen in den Mittelpunkt rückte. Was Professor Dimitar Bonevski, Dr. Andromahi Naumovska (beide Mazedonien) und Dr. Lulezim Arapi (Kosovo) aus ihren Heimatländern berichteten, hinterließ bei den zahlreichen Zuhörern im Ratssaal Spuren.

Wenig hoffnungsvoll

Der Balkan und damit auch der Kosovo und Mazedonien erfahren derzeit viele Facetten der Flüchtlingswelle. Zum einen führt der Weg vieler Menschen nach Westeuropa durch diese Länder. Zum anderen sind es die Mazedonier und Kosovaren selbst, die sich auf den Weg machen. Hoffnungsvoll klangen die Psychologen, die die Situation im Eschweiler Rathaus schilderten, nicht.

„Mazedonien verliert seine Mittelschicht und die gebildeten Kreise“, sagte Professor Dimitar Bonevski. Oft ist Deutschland Ziel dieser gut ausgebildeten Menschen. Allerdings stoßen sie dort auf neue Hürden, die auch bei der Gesprächsrunde Thema wurden: Die Diplome werden selten anerkannt. Eschweilers Bürgermeister Rudi Bertram verwies in seiner Stellungnahme darauf, dass man das Problem erkannt habe und in engem Kontakt zu den Kammern und Verbänden sei.

Die aktuelle politische Situation im Mittleren Osten führt viele Menschen nach Mazedonien, die legal in die Türkei einwandern und dann illegal bis nach Ungarn und Westeuropa gelangen wollen. Die Routen, die die Familien nehmen, sind lebensgefährlich. Dr. Andromahi Naumovska nannte einige Bahnstrecken in Mazedonien, auf die es zu tödlichen Unfällen gekommen ist. „Die Menschen schlafen tagsüber und ziehen in der Nacht, wenn die meisten Unfälle passieren, weiter — Erwachsene, aber auch kleine Kinder und Babys“, erzählte sie.

Als eines der ärmsten europäischen Länder verliert der Kosovo Jahr für Jahr Tausende Bürger. Vor allem 25- bis 45-Jährige verlassen das Land, wie aktuelle Untersuchungen ergeben haben. „Sie gehen, weil sie keine Pespektive, keine Hoffnung in ihrem Land sehen — es ist eine Tragödie“, berichtete Dr. Lulezim Arapi. Eine große Rolle spiele auch die Korruption im Kosovo. 1000 Euro pro Person müsse man Behörden zahlen, um das Land verlassen zu dürfen. Viele Männer würden darum alleine auswandern und müssten ihre Familien zurücklassen — mit vielschichtigen Folgen.

Als Einstieg in die Veranstaltung zeigte Dr. Wolfgang Hagemann das Bild „La Retirada Exilis“ von Guerrero Medina. Es zeigt die Flucht der Menschen aus Barcelona im Jahr 1939 nach Frankreich. Hagemann ging der Frage nach, „was wir als Normalbürger tun können“. Wichtig sei zu akzeptieren, dass die Menschen unverschuldet Opfer von Krieg und Gewalt geworden und in Not geraten seien.

Der Alsdorfer Bürgermeister Alfred Sonders ist mit einer Rumänin verheiratet und verglich die heutige Situation auf dem Balkan mit den Problemen Rumäniens vor 20 Jahren: „Die Leistungsträger, die sehr gebildet waren, sind damals ausgereist, um ihren Familien eine Perspektive bieten zu können.“ In einem ort dort konnte er damals beobachten, wie jeden Tag zwei Busse voller Menschen Richtung Westeuropa aufbrachen.

Dass die heutige Zeit durchaus mit den 90er Jahren vergleichbar ist, unterstrichen auch due Zahlen, die der Eschweiler Bürgermeister Rudi Bertram für seine Stadt nannte: Aktuell leben 556 Flüchtlinge aus 38 Ländern in Eschweiler. Die meisten Zuweisungen an Asylbewerbern verzeichnete die Stadt im Jahr 1991, als 362 Menschen nach Eschweiler kamen. In diesem Jahr waren es bis Mittwoch bereits 142 Flüchtlinge und damit schon mehr, als im gesamten vergangenen Jahr, als 134 Betroffene in der Indestadt einen Unterschlupf suchten.

Die zahlreichen Zuhörer zeigten Mitgefühl, allerdings kamen auch kritische Töne. Vertreter von sozialen Verbänden und Parteien zählten ebenso dazu wie zahlreiche Menschen, die selbst vor Jahren als Flüchtlinge nach Deutschland kamen.

Eschweilers Bürgermeister Rudi Bertram räumte ein, dass die Kommunen von der Flüchtlingswelle überrascht wurden: „Aber die Probleme müssen wir bewältigen und ich bin mir sicher, dass sich die Lage verbessert.“ Auch Alfred Sonders verwies darauf, dass die Netzwerke sich immer weiter verflechten.

Die Hilfe in Deutschland ist eine Sache, allerdings sei es wichtiger, den Herkunftsländern zu helfen, damit sich dort die wirtschaftliche Situation verbessers, meinte eine Besucherin. „Wir können in Deutschland viele Menschen aufnehmen, aber eben nicht alle“, sagte sie und erntete Kopfnicken. Zustimmung erfuhr auch ein Mann, der die Sprachkurse für Flüchtlinge hervorhob: „Die Sprache ist die wichtigste Barriere, die man beseitigen muss“, betonte er.

Nach über zwei Stunden lautete das Fazit der Moderatorin Martina Rasticova von „Systems in Transition“, dass man den Dialog fortsetzen werde. Nach der offiziellen Veranstaltung nutzten die Diskussionsteilnehmer und die Besucher noch die lockere Runde zum Plausch im Rathaus.