Kreis Heinsberg: „Der Kreis ist attraktiv für Investoren“

Kreis Heinsberg : „Der Kreis ist attraktiv für Investoren“

Ein Wechsel vollzieht sich im August an der Spitze der Wirtschaftsförderungsgesellschaft für den Kreis Heinsberg (WFG): Zu Monatsbeginn übernimmt Ulrich Schirowski in Heinsberg an der Klostergasse seine neue Aufgabe als Geschäftsführer der WFG.

Er ist der Nachfolger von Dr. Joachim Steiner, der zum Monatsende nach fast 21 Jahren in dieser beruflichen Funktion in den Ruhestand treten wird. Zu seinem Amtsantritt beantwortete Schirowski Fragen rund um die Wirtschaft im Kreis Heinsberg und die Rolle der WFG.

An seinem neuen Schreibtisch: Ulrich Schirowski ist der neue Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft für den Kreis Heinsberg.
An seinem neuen Schreibtisch: Ulrich Schirowski ist der neue Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft für den Kreis Heinsberg. Foto: defi

Sie stammen aus dem Kreis Heinsberg und haben ihn in den letzten Jahren auch in Ihren beruflichen Funktionen als Geschäftsführer der Aachener Gesellschaft für Innovation und Technologietransfer (AGIT) beziehungsweise zuletzt als Geschäftsführer des Zweckverbandes Region Aachen natürlich stets im Blick gehabt. Wie beurteilen Sie die aktuelle wirtschaftliche Lage des Kreises Heinsberg?

Schirowski: Nicht nur die aktuelle wirtschaftliche Lage im Kreis Heinsberg, sondern auch die Entwicklung gerade der jüngeren Vergangenheit gibt zweifellos Anlass zur Freude. Bei den Erwerbstätigen- und Beschäftigtenzahlen ist der Kreis mit seiner Entwicklungsdynamik Spitze im NRW-Vergleich. Die Arbeitslosenquote sinkt kontinuierlich und bewegt sich im Vergleich zur Region Aachen und auch anderen Teilen Nordrhein-Westfalens auf einem niedrigen Niveau. Der Kreis Heinsberg ist attraktiv für Investoren — dies zeigt die anhaltende Nachfrage nach Gewerbeimmobilien und -flächen. In der Region Aachen ebenso wie in anderen Teilen Nordrhein-Westfalens reibt man sich — im übertragenen Sinne — die Augen ob dieser Entwicklung. Und ich muss zugeben, dass ich — bei aller gebotenen Neutralität, die meine bisherige Aufgabe selbstverständlich von mir verlangte — daran durchaus meine Freude habe.

Ob ein Strukturwandel jemals als vollzogen betrachtet werden kann, sei einmal dahingestellt. Die WFG hat diesen Prozess des Wandels in der Region auf jeden Fall stets intensiv begleitet und maßgeblich mitgeprägt. Wie bewerten Sie die Arbeit der WFG in den vergangenen zwei Jahrzehnten unter der Führung ihres Vorgängers Dr. Joachim Steiner?

Schirowski: Ich denke, aufgrund meiner bisherigen beruflichen ­Erfahrungen in der Region Aachen und auf Ebene des Landes NRW, kann ich mir ein Urteil darüber erlauben, welch gute Arbeit Herr Dr. Steiner und sein Team geleistet haben. Man muss bedenken, wo der Kreis vor 20 Jahren stand: die Stilllegung von Sophia-­Jacoba, die Schließung des Glanzstoffwerks in Heinsberg-Oberbruch, der Niedergang der mittelständischen Textilindustrie in der Region, die weitreichende Konversion der Militärstandorte im Kreisgebiet. Und all dies verbunden mit weitreichend negativen Effekten für die gesamte regionale Wirtschaft und vor allem den Arbeitsmarkt.

Der Kreis Heinsberg hat keinen Strukturwandel erlebt, man muss hier eher von tiefgreifenden Strukturbrüchen sprechen — und zwar mehrfach. Seither wurde viel erreicht: Neben beachtlichen Großansiedlungen, die Hunderte neue Arbeitsplätze in den Kreis gebracht haben, ist heute die gesamte Wirtschaftsstruktur viel breiter aufgestellt. Es sind vor allem die kleinen und mittelständischen Unternehmen, die das Rückgrat der regionalen Wirtschaftsstruktur bilden. Und das ist auch gut so, denn es macht den Kreis sehr viel krisen­resistenter. Denn Sie haben recht: Wirtschaftsstrukturelle Veränderungen sind letztlich permanente Prozesse — der nächste größere Strukturwandel steht uns im Kontext des Rheinischen Braunkohlentagebaus in absehbarer Zeit ins Haus.

Entscheidend ist, wie man diese Veränderungen annimmt und wie man damit umgeht. Denn eines ist klar: In jeder Veränderung liegen auch Chancen, die man erkennen und nutzen sollte. Doch zurück zu Herrn Dr. Steiner: Die positive Entwicklung im Kreis Heinsberg ist weder Zufall noch Glück, sondern Ergebnis kontinuierlicher und konzentrierter Arbeit. Ich freue mich für meinen scheidenden Vorgänger, dass er diesen Erfolg noch in der Endphase seiner aktiven Zeit als Wirtschaftsförderer erleben kann.

Wie geht es mit der Wirtschaftsförderung im Kreis Heinsberg weiter? Welche Akzente wollen Sie persönlich als neuer WFG-Geschäftsführer setzen?

Schirowski: Die bisherigen Schwerpunkte sind aus meiner Sicht wohl überlegt und richtig gesetzt. Gewerbeflächenentwicklung, die Gründungs- und Innovationsberatung oder der Innovations- und Technologietransfer werden auch weiterhin wichtige Themenfelder bleiben. Hinzu werden weitere Schwerpunkte kommen, die zum Teil auch jetzt bereits sehr gut angelegt sind in der Arbeit der WFG. Ich nenne da exemplarisch das Thema Fachkräfteentwicklung, oder wie man bei der WFG mit Blick auf die Zielgruppe Unternehmen sagt: „Finden und Binden“.

Für eine zukunftsorientierte Entwicklung der Unternehmen wird es angesichts des demografischen Wandels zunehmend wichtiger, ja möglicherweise sogar zu einer existenziellen Frage werden, ob auch in Zukunft genügend Nachwuchs an qualifizierten Mitarbeitern zur Verfügung steht. Dabei zu unterstützen, mit Informationen, Beratung und konkreten Hilfestellungen, auch das muss eine zukunftsorientierte Wirtschaftsförderung leisten. Für besonders wichtig halte ich persönlich auch die regionale und die grenzüberschreitende Vernetzung und Projektentwicklung — gerade auch verbunden mit dem Einwerben der vielfältig zur Verfügung stehenden Fördermittel von EU, Bund und Land NRW.

Mir wird nachgesagt, dass genau dies eine meiner Spezialitäten sei. Der Kreis Heinsberg hat diesbezüglich in der Vergangenheit oftmals eher Zurückhaltung an den Tag gelegt, vielleicht auch aus durchaus gutem Grund angesichts der zugegebenermaßen ­hohen Komplexität des Themas Fördermittel. Aber wie immer im Leben: Man muss ­abwägen, welche sich ­einem bietende Chance man ergreift und was man eher an sich vorbeiziehen lässt. Dazu muss aber zunächst einmal wissen, welche Möglichkeiten man überhaupt hat und wie sich die Kosten-Nutzen-Relation darstellt. Für mich ist erfolgsorientierte Wirtschaftsförderung eng mit der bereits erwähnten Vernetzung und mit kooperativen Handeln verbunden. Die enge Abstimmung und Zusammenarbeit mit der Kreisverwaltung und Kreispolitik, den Städten und Gemeinden im Kreis und natürlich der Wirtschaft ist elementar für erfolgreiches Handeln. Nach meinem Verständnis muss die WFG dabei die Funktion eines Impulsgebers für strategische Entwicklungsansätze einnehmen, je nach Bedarf dann aber auch die Rolle eines Moderators, eines Prozessbegleiters sowie gegebenenfalls auch die des Umsetzers. Und dies kann aus meiner Sicht auch durchaus über die klassischen Themenfelder einer Wirtschaftsförderung, so wie sie bislang im Kreis Heinsberg verstanden wurden, hinausgehen.

Welche Wünsche hätten Sie denn Ihrerseits aus Sicht der Wirtschaftsförderungsgesellschaft an die Kreispolitik und die Kreisverwaltung, an die Kommunen sowie an die heimische Wirtschaft?

Schirowski: Positiv fällt mir — aus meinem bisherigen Aachener Blickwinkel betrachtet — immer wieder die offensichtlich gute Zusammenarbeit zwischen der WFG, dem Kreis, den kreisangehörigen Kommunen und den Unternehmen auf. Gerade für Letzteres steht ja auch der von der WFG vor einigen Jahren eingerichtete Wirtschaftsbeirat. Ich betone dies, weil das durchaus keine Selbstverständlichkeit ist, wenn ich das mit anderen Teilen der Region Aachen oder dem Land NRW vergleiche. Ich hoffe, dass wir diese Kooperationskultur weiterführen und vielleicht auch noch ausbauen können, weil ich dies für einen ganz wichtigen Faktor für die erfolgreiche Arbeit einer Wirtschaftsförderungsgesellschaft für den Kreis Heinsberg halte.

Prognosen sind bekanntlich nie einfach, zumal landes-, bundes- oder auch weltpolitische Entwicklungen durchaus Einfluss bis auf die lokale Ebene haben können. Trotzdem die Frage: Welche Entwicklung wird der Kreis Heinsberg nach Ihrer Einschätzung in den kommenden Jahren nehmen?

Schirowski: Sie haben recht: Konkrete Prognosen sind angesichts zahlreicher Einflussfaktoren, die niemand auf unserer lokalen oder regionalen Ebene ernsthaft beeinflussen kann, natürlich schwierig. Und trotzdem: Ich sehe den Kreis Heinsberg auf einem sehr gutem Wege. Das tiefe Tal der massiven wirtschaftsstrukturellen Brüche und ihrer Auswirkungen ist weitgehend durchschritten, und der Kreis steht heute in vielerlei Hinsicht besser da, als man dies in den letzten zwei Jahrzehnten erhoffen durfte. Viele Faktoren sprechen für eine weiterhin positive Entwicklung. Nehmen sie nur einmal den Ausbau des Verkehrsinfrastruktur, oder auch — ganz wichtig — der Breitbandausbau. Ich könnte weitere Aspekte nennen, doch eines ist klar: Der Kreis Heinsberg wird in der Wahrnehmung anderer zunehmend das, was die Menschen hier schon lange wissen: nämlich ein Raum, in dem man hervorragend leben und arbeiten kann. Das Motto der Standortmarketing-Kampagne der WFG für den Kreis Heinsberg lautet ja „Spitze im Westen“ — und genau darauf sollte es hinauslaufen.

(disch)