Hückelhoven: Das Wegschauen verhilft dem Bösen zum Sieg

Hückelhoven : Das Wegschauen verhilft dem Bösen zum Sieg

Dass Brecht - der vielleicht größte Dramatiker und einer der produktivsten Schriftsteller und Dichter des 20. Jahrhunderts, Frauenversteher und auch ihr Ausbeuter - auch 50 Jahre nach seinem Tod noch aktuell ist, zeigte der Literaturkurs 1 des Gymnasiums Hückelhoven am Freitag und Samstag in der Aula mit der Aufführung der beiden Einakter „Die Gewehre der Frau Carrar” von 1937 und „Die Kleinbürgerhochzeit” von 1919.

Zum Inhalt der Stücke: Teresa Carrar will sich und ihre beiden Söhne aus dem spanischen Bürgerkrieg heraushalten gemäß dem Bibelwort: „Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen.” Und für Kriegsmacher hat sie nur Verachtung: „Das ist ein Aussatz, und das muss ausgebrannt werden wie ein Aussatz.” Aber die Umstände lassen Neutralität nicht zu; und das Sichheraushalten verhilft eher dem Bösen zum Sieg als dem Guten. Am Schluss zieht Frau Carrar mit ihrem Sohn, der nicht von den Faschisten getötet wurde, und ihrem Bruder an die Front. Ende offen.

Schon der Titel weist darauf hin, dass Brecht in seinem derben und frechen Frühwerk klein-bürgerliches Verhalten persifliert, karikiert und damit eine Scheinwelt als zerbrechlich entlarvt - wie das selbstgebaute Mobiliar des Bräutigams.

Was zunächst aussieht wie da Vincis Abendmahl, eskaliert zum großen Besäufnis mit vielen Intrigen, Nickeligkeiten und Schlüpf-rigkeiten. Und wenn nach einer verpfuschten Hochzeitsfeier auch das Bett Marke Eigenbau unter dem Brautpaar zusammenkracht, ist nicht nur ein Möbelstück in die Brüche gegangen.

Gut zwei Dutzend Mitwirkende auf der Bühne und viele unsichtbare Akteure im Hintergrund bescherten zwei gleichermaßen nachdenklich machende und amüsante Abende, gemäß dem Brecht-Wort: „Unser Theater muss die Lust am Erkennen erregen, den Spaß an der Veränderung der Wirklichkeit organi-sieren.”

Unter Leitung von Michael Giebler hat der Literaturkurs der Jahrgangsstufe zwölf eine äußerst gute Arbeit abgeliefert, bei der hervorragende schauspielerische Leistungen sicht- und hörbar wurden.

Da mag nur eine für alle namentlich genannt werden: Antonia Pier als Frau Carrar mit sehr intensivem und anrührendem Spiel. Am Ende gratulierte Schulleiter Walter Woltery mit Blumen, und das Auditorium dankte mit stehendem Beifall.

So nebenbei und zur Erinnerung: In der Bundesrepublik gab es in ihren Kinderjahren ein striktes Aufführungsverbot für Theaterstücke aus der Feder von Bertolt Brecht.

Und wenn wir zum G8-Gipfel nach Heiligendamm schauen, wo Demonstrationen zu Gewalt führten: Sind wir wirklich (schon) so demokratisch, wie wir tun, und wie Brecht es sich gewünscht hätte?