Aachen: Beim Schulstart nicht im Rückstand sein

Aachen : Beim Schulstart nicht im Rückstand sein

Ein Kind beim Aufwachsen zu begleiten, bringt neben Freude und Glück immer auch Unsicherheiten und Ängste mit sich. Die Früherkennungsuntersuchungen bieten Eltern einige Sicherheit und dem Kind die Chance, dass es bei möglichen Problemen frühzeitig Hilfe erhält.

Das Kindesalter gilt im Allgemeinen als Zustand guter gesundheitlicher Befindlichkeit. Die jährlichen Schuleingangsuntersuchungen der Fünf- bis Sechsjährigen in der Städteregion zeigen allerdings, dass bei Kindern zunehmend Probleme wie Sprachstörungen, Bewegungsdefizite, Konzentrationsschwächen, Verhaltensauffälligkeiten und Übergewicht festgestellt werden. „Eine Möglichkeit, diese Auffälligkeiten frühzeitig zu erkennen und zu behandeln, bieten die kostenlosen Früherkennungsuntersuchungen im Kindesalter durch niedergelassene Kinder- und Jugendärzte”, erklärt Dr. Gabriele Trost-Brinkhues. Noch immer nehmen allerdings nicht alle Eltern mit ihren Kindern diese Termine wahr, wie der kürzlich vom Gesundheitsamt in der Städteregion Aachen vorgelegte Bericht „Früherkennungsuntersuchungen bei Kindern” verdeutlicht.

Sprachentwicklung

Die Untersuchungen dienen der Erkennung von angeborenen oder später erworbenen Erkrankungen und Fehlbildungen sowie der Beurteilung der körperlichen und psychischen Entwicklung. Sowohl die motorische Entwicklung, als auch die Beurteilung der Sinnesorgane und der Sprachentwicklung sind wesentliche Bestandteile der Untersuchung. Fragen der Ernährung und der Pflege können mit den Eltern erörtert werden, außerdem kann die Untersuchung mit anderen präventiven Maßnahmen - Impfungen und Unfallprävention - verbunden werden.

„Gerade die U8 und die U9 sind außerordentlich wichtig, da Entwicklungsstörungen, zum Beispiel von Sprache und Motorik, noch rechtzeitig vor Schulbeginn ausgeglichen oder gemindert werden können”, sagt die Leiterin des Kinder- und Jugendärztlichen Dienstes des Gesundheitsamtes. Geschehe dies nicht, seien diese Kinder schon bei Schulbeginn benachteiligt. Es bestehe die Gefahr, dass diese Kinder eine schulische Entwicklung unterhalb ihrer eigentlichen Fähigkeiten durchlaufen.

Grundlage für den vom Gesundheitsamt vorgelegten Bericht sind die Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchungen des Kinder- und Jugendärztlichen Dienstes. In den Untersuchungen für die Schulneulinge 2011 sind Daten von 5096 Kindern erfasst worden, 49 Prozent davon waren Mädchen und 51 Prozent Jungen. 64 Prozent (3279) der Kinder sind deutscher Herkunft, 31 Prozent (1584) haben nach Elternangabe einen Migrationshintergrund; viele von ihnen haben schon einen deutschen Pass. Für die Auswertung lagen von 92,4 Prozent (4709) der i-Dötze die Daten aus den Vorsorgeheften vor.

„Mit jeder Vorsorgeuntersuchung nimmt die Teilnahme ab”, fasst Dr. Gabriele Trost-Brinkhues das Ergebnis des Berichts zusammen. Während die ersten Untersuchungen noch sehr gut akzeptiert werden, sinkt die Teilnahmefrequenz mit dem Alter der Kinder (siehe Diagramm). Zur U8 (42.-48. Lebensmonat) beziehungsweise U9 (60.-64. Lebensmonat erscheinen deutlich weniger Eltern, vor allem Kinder aus Familien in schwierigen Lebenslagen und mit Migrationshintergrund nehmen seltener an der U8 und U9 teil.

„Es wird schlichtweg gerne vergessen”, zählt der stellvertretende Leiter des Kinder- und Jugendärztlichen Dienstes, Dr. Josef Michels, einen weiteren wichtigen, wenn auch simplen, Grund auf. Die Abstände von U zu U würden größer, es kämen andere Dinge ins Leben von Kindern und Eltern, und dann hätten auch einige Eltern die Einstellung: „Mein Kind ist gesund, dann ist kein Arztbesuch nötig.” Dr. Michels betont, dass der Vorsorge-Aspekt mit dem Heranwachsen des Kindes nicht mehr so präsent sei wie zur Geburt und den ersten Monaten danach.

Weitere Ursachen für die Nicht-Inanspruchnahme sind vielfältig. Sie reichen vom schlichten Versäumen der Untersuchungstermine über mangelnde Informationen über die Angebote, unzureichendes Wissen über den Nutzen insbesondere bei nichtdeutschen Eltern, Unsicherheiten im Umgang mit Personen und Institutionen bis zur fehlenden Fähigkeit oder Bereitschaft, die Sorge für das Wohl der Kinder angemessen wahrzunehmen.

Besserer Impfschutz

Eine stärkere Teilnahme an den Früherkennungsuntersuchungen kann laut Bericht auch dabei helfen, für mehr Kinder in der Städteregion einen kompletten Impfschutz zu erreichen. Beispielsweise waren im vergangenen Jahr 94,6 Prozent der Kinder, die an der U9 teilgenommen haben, zweimal gegen Masern geimpft, während bei den Kindern ohne U9 nur 84,2 Prozent zweimal gegen Masern geimpft sind.

Deutliche Unterschiede in den Teilnahmeraten der Früherkennungsuntersuchungen zeigen sich auch zwischen den einzelnen Kommunen in der Städteregion: Die Differenz zwischen den Städten beträgt bei der U9 circa acht Prozent. Bei der U8 ist die Differenz ähnlich, sie beträgt sieben Prozent; die Spanne reicht von 87 Prozent in Baesweiler bis zu 94 Prozent in Monschau. „Der Handlungsbedarf ist offensichtlich”, sind sich die beiden Ärzte einig.

„Auch wenn mit jeder Vorsorgeuntersuchung die Teilnahme abnimmt, so hat sich das Niveau insgesamt doch nach oben begeben”, vergleicht der Kinder- und Jugendarzt die jetzt vorliegenden Zahlen mit denen aus dem Jahr 2006. Dennoch: Bei der U8 und U9 ist laut Gesamtbewertung noch Verbesserungspotenzial vorhanden. Durch die Betrachtung der Daten in Zusammenhang mit Wohnort, ethnischer Herkunft und Sozialstatus sind weiterhin Defizite erkennbar, „die jedoch im direkten Vergleich zu den früheren Daten deutlich geringer geworden sind”.

Für den Herbst sind laut Dr. Gabriele Trost-Brinkhues weitere Aktionen wie zum Beispiel der „Tag der Vorsorge” geplant, die gezielt in Kindertagesstätten, bei denen erfahrungsgemäß weniger Kinder an den Vorsorgeuntersuchungen teilnehmen, angeboten werden. Für die Planung und Durchführung zeichnet das Team „Prävention und Gesundheitsförderung” innerhalb des Kinder- und Jugendärztlichen Dienstes verantwortlich.

Aktionen in der Region: „Ich geh zur U! Und du?”

Das Gesundheitsamt nimmt zur Erhöhung der Akzeptanz der Früherkennungsuntersuchungen bereits seit 2005 am Projekt „Ich geh zur U! Und du?” der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) teil und führt dieses in Eigenregie weiter.

2011 war die Städteregion Pilotkommune (neben Münster) bei der Kampagne „Check your Kid” im Rahmen der Landesinitiative „Gesundheit von Mutter und Kind”, bei der durch verschiedene Einzelmaßnahmen für die Teilnahme an den Früherkennungsuntersuchungen geworben wurde.

Ziel war die Aufklärung der Eltern, vor allem derjenigen mit sozialer Benachteiligung, durch gezielte Standortwahl innerhalb der Aktionswoche und Einbeziehung aller 320 Kindertagesstätten der Städteregion.