Heinsberg: Bei „Bürger Schippel” lichten sich die Reihen

Heinsberg : Bei „Bürger Schippel” lichten sich die Reihen

Carl Sternheims Komödie „Bürger Schippel” ist nicht unbedingt etwas für einen entspannenden, unterhaltsamen Theaterabend.

Und so lichteten sich die anfänglich noch gut besetzten Reihen nach der Pause deutlich. Es war die besondere Art des Humors und die eigentümlich epigrammatische Dialogform, die das „Vergnügen” wohl für viele der Zuschauer Besucher in Grenzen hielten.

Der Bürgerschreck Sternheim (1887 bis 1949) zog offen gegen die Bourgeoisie zu Felde. Schon zu Lebzeiten handelte er sich damit eine Menge Ärger ein, obwohl Männer wie Max Reinhardt oder der legendäre Schauspieler Albert Bassermann, dem er auch den Schippel widmete, fest zu ihm standen.

Mit Händen und Füßen

Nach der Premiere 1913 ging das Stück gleich 200 Mal in Berlin über die Bretter, obwohl selbst einem Genie wie Max Reinhardt die Inszenierung nicht so einfach in den Schoß fiel.

Um so respektabler war die Leistung der Neusser Regisseurin Sylvia Richter, die ihre Akteure voll aufdreht, sie buchstäblich mit Händen und Füßen hantieren lässt. Sie grimassierten, mimten, gestikulierten, rezitierten, persiflierten unter Hochdruck, „von Bosheitsgrün umrankt”, wie Alfred Polgar schrieb. Sternheim kommt seinen Helden nicht näher.

Hohn und Spott

Er hat nur Hohn und Spott für sie und macht sie gnadenlos lächerlich. Darin bezieht er den ganzen romantischen Schwulst mit ein. Selbst den Freischütz macht er herunter, und der Männergesang als Ausdruck statiöser Bürgerlichkeit wird zur Dauerzielscheibe, was nicht nur das Lächeln ihrer Anhänger gefrieren lässt. Sternheim bleibt immer einige Grade unter Null und frostig kalt.

Da kann kein Zuschauer vor Vergnügen laut losprusten, sondern sich allenfalls innerlich amüsieren, wie Bürger Schippel oder besser „Prolo” Schippel dank seiner begnadeten „Ersten” Tenorstimme seinen Weg aus des „Volkes Hefe” zu den gehobenen Kreisen des Bürgertums macht; obwohl das zwischen den Stühlen sitzt, vom Adel verachtet. Schippel verdreht dieser Weg gar den Kopf, und er passt sich deren Ehrenkodex an.

Aufstieg durch Talent

Thekla (Stefanie Breselow), durch den „Liegestütz” mit dem Fürsten (Max Weigel) kompromittiert, ist ihm nicht mehr genug. Bereitwillig tritt er sie an den „Herrn Beamten Krey” (Peter Neutzing) ab, mit dem er sich zuvor schadlos duelliert hat, und Tilman Hicketier, der spiritus rector des musischen Quartetts, verspricht ihm Totaleinsatz, damit ihm die höheren Segnungen des Bürgertums voll und ganz zuteil werden.

Ist Schippel nun ein Parvenü oder ein Pragmatiker? Immerhin hat er dem Gesangsquartett geholfen, den zweimal ersungenen Kranz zu retten. Schippel verdankt seinen Aufstieg keiner „Verbiegung” oder Beziehung, sondern seinem Talent. Auf die Stimme kommt es bei ihm an.

Bloße Attitüden

Schauspieler mit Stentor-Organ sind wie geschaffen. Das galt einmal für Theo Lindgen und jetzt für den kernigen Bernd Färber, der auch den meisten Beifall einheimste. Was etwas im Dunkeln blieb, waren die Schachereien des Dritten im Bunde, Andreas Wolke (Holger Scholz), um die eheliche Zukunft Theklas, der sich dabei des Liedes von der Glocke bedient.

Zitate zum Zwecke des Verhohnepipelns gibt es genug. Da muss Schiller ebenso herhalten, wie Weber, Shakespeare, Achim von Arnim und Moliére, auf dessen Bürger als Edelmann angespielt wird.

Nichts als bloße Attitüden sind für Sternheim aber auf der einen Seite Bürgerstolz, auf der anderen die proletarische Bürgerverachtung. Das sind für ihn lediglich Selbstschutzhaltungen, denn „das Leben hat kein Geländer”.