Städteregion: Bedrohung durch Tihange in düsteren Szenen dargestellt

Städteregion : Bedrohung durch Tihange in düsteren Szenen dargestellt

Am Ende des Films haben alle mitwirkenden Jugendliche den gleichen Wunsch: „Bitte schalten Sie das marode Atomkraftwerk ab.“ Zuvor ist der 42 Minuten lange Film „Tihange — Die Jugendlichen kommen zu Wort“ im Tower 7 des Alsdorfer Cineplexes über die große Leinwand geflimmert.

Zehn Monate haben die Arbeiten an dem Film von „Nocase“, der gemeinnützigen inklusiven Filmgesellschaft, gedauert, in dem 30 Jugendliche mit und ohne Handicap aus der Städteregion im Alter zwischen 12 und 25 Jahren zu Wort kommen.

„Eigentlich wollten wir einen Spielfilm zum Thema Atomkraftwerk drehen. Aber dann haben wir gemerkt, dass wir so dem Thema nicht gerecht werden“, erinnert sich „Nocase“-Geschäftsführerin Claudia Schmoldt. Es habe so viele Fragen gegeben, die geklärt werden mussten, bevor ein Spielfilm hätte gedreht werden können. Fragen wie: Was ist eigentlich ein Atomkraftwerk? Wie groß sind die Risse? Was tun wir, wenn es zu einer Katastrophe kommt? Wo finden wir Tipps, wie wir uns verhalten sollten?

In Interviews werden in dem Film, der kein Drehbuch, aber 900 Minuten sendefähige Bilder hatte, ehe kräftig gekürzt wurde, diese Fragen beantwortet. Was ein Atomkraftwerk ist? Im Film wird das erläutert: Ganz einfach: Zwei Atome knallen aneinander. Mit der Energie, die bei der Spaltung von Atomkernen freigesetzt wird, wird wie in einem Dampfkochtopf unter hohem Druck Wasser aufgeheizt. Dabei entsteht heißer Dampf. Der wird in Turbinen geleitet, die zu rotieren beginnen und dadurch den mit ihnen verbundenen Generator antreiben. So wird Strom erzeugt.

„Die Jugendlichen möchten mit dem Film aufklären und sensibilisieren“, erzählt Claudia Schmoldt bei der Premiere. Dabei werden trostlose Bilder gezeigt — schwarz-weiß, ohne Leben, denn so könnten die Landschaft und die Städte aussehen, wenn Tihange in die Luft gegangen ist. „Wir haben hier unsere Heimat. Hier in der Städteregion“, sagt Lisa. „Unsere Freunde und unsere Familie leben hier. Wir wollen auch hier leben.“

„Kein Schutz vor der Strahlung“

Unweigerlich tauchen Bilder von der Nuklearkatastrophe 1986 in Tschernobyl, deren Auswirkungen auch in Deutschland zu spüren waren, in dem Film auf. Um ein AKW von innen zu filmen, reiste das Filmteam ins österreichische Zwentendorf. „Dort habe ich viel gelernt“, sagt Patrick. „Wir waren in dem Atomkraftwerk in der Nähe von Wien, das niemals ans Netz gegangen ist, und dort habe ich viel über die Sicherheitsvorkehrungen gelernt. Ich habe erfahren, dass sich die Menschen, die dort arbeiten, kalt duschen müssen, wenn sie rausgehen. Aber ich habe auch verstanden, wie gefährlich Atomkraftwerke sind.“

Zwentendorf ist übrigens weltweit das einzige Kernkraftwerk, das fertiggebaut wurde, aber niemals ans Netz gegangen ist. „Das lag an einer Volksabstimmung. Ich kann nicht verstehen, warum der ganze Widerstand, der im Dreiländereck immer wieder aufschrecken lässt, die Verantwortlichen von Tihange und Doel kalt lässt“, schüttelt Patrick den Kopf.

Der Schüler hat noch was gelernt: „Es gibt keinen Schutz vor der atomaren Strahlung, die frei wird, wenn es zu einer Katastrophe in Tihange kommt. Die Jodtabletten, die verteilt wurden, die helfen vor einer Verstrahlung nicht wirklich.“ Aber es gebe etwas anderes, das helfen müsse: „Nach einem möglichen GAU ist es ganz wichtig, dass schnell und richtig informiert wird“, lautet der Tipp im Film. Und: Die Städteregion hat eine Broschüre zusammengestellt, die weitere Infos und Hinweise bereithält.

Am Ende der Vorstellung sind alle Beteiligten mit dem Ergebnis zufrieden. Mit einer Ausnahme allerdings: „Ich bin sehr enttäuscht, dass zur Premiere keine Politiker gekommen sind. Bis auf Städteregionsrat Helmut Etschenberg war niemand da. Interessieren sich die Politiker der Städteregion nicht dafür, was Jugendliche denken?“, fragt Armin und schaut suchend, aber vergeblich in die vollen Zuschauerreihen.

Mehr von Aachener Nachrichten