Aachen: Bauboom: Anleger setzen verstärkt auf Betongold

Aachen : Bauboom: Anleger setzen verstärkt auf Betongold

Einen solchen Bauboom hat Aachen lange nicht gehabt. Es sind vor allem auffallend viele große Wohnkomplexe, die derzeit im Stadtgebiet errichtet werden und die starke Nachfrage nach Wohnraum decken sollen. Wenn man die Zahl der Bauanträge von 2015 zugrunde legt, dürften allein im kommenden Jahr mehr als 1000 neue Wohneinheiten in Mehrfamilienhäusern bezugsfertig werden.

Darunter sind etwa die großen Blöcke mit rund 250 Wohnungen am Eisenbahnweg („Guter Freund“) oder mit knapp 200 Wohnungen an der Beverstraße („Frankenberger Höfe“, vormals „Kronprinzenquartier“). Dazu zählen aber auch die Projekte am Veltmanplatz mit rund 100 Einheiten oder An den Frauenbrüdern mit 87 Wohnungen („AachenMitteMitte“). Hinzu kommen etliche kleinere Vorhaben in der Innenstadt und in den Stadtbezirken. Und dann ist da ja auch noch die Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft Gewoge, die in Kürze etwa ihre 77 Wohnungen an der Stolberger Straße fertigstellt und 118 weitere Appartements an der Vaalser Straße hochzieht.

Und weitere Planungen sind längst in Arbeit, wie sich unter anderem an der Bismarckstraße zeigt, wo das sogenannte Vegla-Haus dem nächsten großen Bauprojekt weichen soll. Alles in allem sollen auch dort rund 200 neue Wohnungen entstehen.

Aachen liegt damit im Bundestrend. Denn insbesondere in den Ballungszentren wird so viel gebaut wie seit Jahren nicht. Und weil die Preise stark steigen, warnen einige Analysten vielerorts bereits vor einer Immobilienblase.

Doch in Aachen wird die Lage derzeit eher entspannt gesehen. „An eine Blase glaube ich für Aachen nicht“, sagt etwa Norbert Plum (SPD), Vorsitzender des Wohnungs- und Liegenschaftsausschusses, der sich in dieser Einschätzung auch mit anderen Fachleuten einig ist. Die Frage sei dennoch, „ob der Markt auch richtig bedient“ wird. Denn groß sei der Bedarf insbesondere an preiswertem Wohnraum, betont Plum. Gebaut werde aber vielfach für das gehobene Segment.

Dies beobachtet auch Rolf Frankenberger, der neue Leiter des städtischen Fachbereichs Wohnen und Soziales. Die Gründe dafür seien vielfältig. So investieren Anleger wegen der niedrigen Zinsen derzeit vielfach ins „Betongold“. Preistreibend wirken hohe Bodenpreise, strengere energetische Anforderungen und auch steigende Handwerkerkosten. Unter diesen Bedingungen erhoffen sich Investoren vor allem von hochpreisigen Wohnungen eine schnelle und gute Rendite.

Ob sich das wirklich rechnet, hält Frankenberger zumindest längerfristig gesehen für zweifelhaft. „Je teurer gebaut wird, desto risikoreicher ist es“, glaubt er. So sieht er tatsächlich die Gefahr, dass derzeit zu viel im höherpreisigen Segment gebaut wird. „Ob sich das auf Jahrzehnte vermarkten lässt, ist fraglich.“ Größere Leerstände seien auf Dauer nicht auszuschließen. Denkbar aber auch, dass dies später einen Preisverfall nach sich zieht und die Blase dann doch noch platzen lässt. Umso wichtiger sei es, dass die Stadt jetzt strategisch gegensteuert und verstärkt für Menschen „mit normalem Portemonnaie“ baut oder bauen lässt. „Das muss unser Schwerpunkt sein“, fordert er und verweist etwa auf das Projekt „Guter Freund“ mit seinem hohen Anteil an öffentlich gefördertem Wohnraum. „Das ist das, was wir wollen“, sagt er nicht zuletzt auch mit Blick auf die große Zahl der Wohnungen, die in nächster Zeit aus der Sozialbindung fallen.

Frankenberger geht aufgrund aktueller Prognosen und Berechnungen davon aus, dass bis Ende des Jahrzehnts gut 5000 zusätzliche Wohnungen in Aachen gebaut werden müssen. Rein zahlenmäßig sei man daher auf einem guten Weg, wenn jährlich etwa 1000 neue Einheiten entstehen. „Unser blinder Fleck ist nur, was gebaut wird“, sagt Frankenberger. Ob Luxusbauten, Eigentumswohnungen oder bezahlbare Mietwohnungen — darüber gibt keine Statistik klare Auskunft.

Aktuell scheinen Investoren mit Bauplänen allerdings auch nicht viel falsch machen zu können. Die Nachfrage nach Wohnungen und Häusern sei in allen Sparten und Preisklassen „extrem“, sagt etwa Thomas Jäschke, Sprecher des Portals „INA24“, einem Immobilien-Netzwerk, in dem sich 15 Makler aus der Region zusammengeschlossen haben. In Aachen werde eher noch zu wenig als zu viel gebaut, glaubt er. So würden derzeit bereits Wohnungen vergeben, für die es noch nicht mal eine Baugenehmigung gebe, berichtet er aus eigener Erfahrung.

Und wer eines der im Aachener Stadtgebiet stark gefragten Baugrundstücke hat oder eines findet und es bebauen lässt, könne nach jetziger Einschätzung nicht viel falsch machen, meint Jäschke. „Aber ich habe natürlich auch keine Glaskugel“, fügt er vorsichtshalber hinzu.

Klar ist somit nur eines: Ein Ende des Baubooms wird es in Aachen so bald nicht geben.