Heinsberg: Bahnprojekt: Nicht gegen Reaktivierung, aber gegen Elektrifizierung

Heinsberg : Bahnprojekt: Nicht gegen Reaktivierung, aber gegen Elektrifizierung

Über die plötzlich eingestellten Arbeiten an der Bahnstrecke Heinsberg - Lindern, die bekanntlich reaktiviert werden soll, wunderte sich in diesen Tagen ein Leser: „Es scheint, als würde nicht mehr weiter gebaut, weil die Gegner der Bahn gewonnen haben.”

Die neuen Schienen und Schwellen würden langsam verrosten. Eine Nachfrage bei der Rurtalbahn, unter deren Federführung das Projekt „Wurmtalbahn” realisiert wird, löste das Rätsel auf: Nachdem die alten Schienen und Schwellen sowie der Schotter entfernt worden seien, habe sich herausgestellt, dass die Tragfähigkeit des Baugrundes nicht den aktuellen Anforderungen entsprochen habe, erklärte Christoph Göd­decke von der Rurtalbahn.

Deshalb sei ein Gutachten in Auftrag gegeben worden, dessen Empfehlungen jetzt vorliegen würden. So werde der Boden nun mit einem standfesten Korngemisch verfestigt. An der zuletzt im Juli (wie berichtet) erklärten Zielsetzung, dass Mitte 2013 die ersten Personenzüge wieder gen Heinsberg rollen sollen, ändere die Unterbrechung beim Bau nichts.

19 Widersprüche

Auf dem Tisch liegen allerdings noch 19 Widersprüche gegen die geplante Elektrifizierung. Sie sollen im Rahmen des von der Kölner Bezirksregierung geführten Planfeststellungsverfahrens nicht-öffentlich am 11. September im Heinsberger Rathaus erörtert werden. Anfang Juli hatte Rurtalbahn-Geschäftsführer Achim Schmitz erklärt, er erwarte „keine Probleme für die Genehmigung”.

Einer der Bürger, die Einwendungen gegen die Planung eingereicht haben, ist Hans-Joachim Kalok, der in Oberbruch unmittelbar an der Strecke wohnt. Nach seiner Einschätzung wird der Heinsberger Kopfbahnhof der Stadt Heinsberg und der näheren Umgebung zugutekommen, nicht aber für die übrigen Kommunen und die Region einen hohen Stellenwert erreichen.

Unter Hinweis auf prognostizierte circa 2500 Fahrbewegungen pro Arbeitstag, also rund 1250 Nutzer, bezeichnet er das öffentliche Interesse an der Reaktivierung als doch sehr eingeschränkt. „Die Gesamtinvestition von rund 20 Millionen Euro steht somit in keiner Relation zum Nutzen.” Dem stünden aber 800 bis 1000 direkt betroffene sowie weitere rund 600 bis 800 Anwohner gegenüber.

Der 52-jährige ehemalige Bergmann befürchtet für sich und seine Familie Gefahren aufgrund elektromagnetischer Strahlung - vor allem wenn diese sich beim Bremsen oder Anfahren der Züge am Oberbrucher Haltepunkt verstärken würden. Eine Elektrifizierung für die Personenbeförderung per Bahn ist aus seiner Sicht nicht unabdingbar erforderlich.

Statt Elektrifizierung hat Kalok einen anderen Vorschlag parat: ­Einen Einsatz von sogenannten Flüsterzügen mit geräusch- und schadstoffarmen Dieseltriebwagen fände er für zwei Zugbewegungen pro Stunde akzeptabler. Würden solche eingesetzt - in einem akzeptablen Tageszeitraum und bei entsprechendem Sicht- und Lärmschutz, dann könne er mit einer Reaktivierung der Bahnstrecke leben. Die Einschätzung, die er in den Planfeststellungsunterlagen gelesen habe, dass Sicht- und Lärmschutz nicht erforderlich seien, teilt er jedenfalls nicht.

Kalok ärgert sich: Mit dem Bau der Fahrleitungsanlage würde „nicht nur die Landschaft mit Betonsäulen verschandelt”, sondern es würde eben auch zu erheblichen gesundheitlichen Gefahren für ihn und seine Familie kommen. Zudem würde der Grundbesitz erheblich an Wert verlieren: „Als ­Eigentümer fordere ich eine ausreichende Entschädigung.”

Die vorgelegten Unterlagen hält er für „defizitär”. Das Gutachten erwecke den Anschein einer sehr oberflächlichen Betrachtung. Zudem sieht er einen Interessenkonflikt darin, dass die begutachtende Firma auch mit der Gesamtplanung des Projekts betraut sei. Deshalb fordert er die Erstellung eines Gutachtens durch einen unabhängigen Sachverständigen.

Gegen eine Elektrifizierung sei er 100-prozentig, so Kalok. Seine Chancen, sich mit seinen Einwendungen durchzusetzen, bewertete er selbst mit 50:50. Aber er betonte zugleich auch, dass er notfalls zu einer Klage bereit sei, um die Elek-trifizierung zu verhindern.

Von der Rurtalbahn war auf Anfrage keine Stellungnahme zu erhalten. Sie wolle „öffentlich nicht in die Sachdiskussion einsteigen”, hieß es. Christoph Göddecke verwies auf das laufende Planfeststellungsverfahren.