Stolberg: Auszeit im Grünen vom stressigen Alltag

Stolberg : Auszeit im Grünen vom stressigen Alltag

Einmal rechts am Wohnhaus vorbei, quer über den Innenhof und bei den alten Pferdeställen links abbiegen — dann ist man dort angelangt, wo Maximilian Möhring sich am wohlsten fühlt. Der 26-jährige Student der Gesellschaftswissenschaft kommt aus Stolberg und will am kommenden Sonntag als Direktkandidat für die Piratenpartei in den Landtag einziehen.

„Dieser Garten ist mein absoluter Lieblingsort“, sagt er, und auch wenn die kleine Holzbank unter dem alten Quittenbaum bei Nieselregen nicht unbedingt zum Verweilen einlädt, kann man verstehen, warum: „Hier kann man sich wunderbar vom stressigen Alltag entspannen und den Kühen beim Grasen zuschauen.“ In der Tat: Außer ein paar Weiden liegt zwischen dem Garten und Breinig nicht mehr viel.

Maximilian Möhring engagiert sich seit etwa fünf Jahren in der Piratenpartei. Dorthin geführt hat ihn letztlich seine Unzufriedenheit mit dem Schulsystem in Nordrhein-Westfalen. „Ich denke, dass die Schule stärker darauf ausgelegt sein sollte, junge Menschen in der Ausbildung ihres Charakters zu stärken“, sagt Möhring.

Von Klassenstufen im konventionellen Sinne hält er nicht viel. Schüler hätten in den unterschiedlichen Fächern ein unterschiedliches Lerntempo, und das gelte es zu berücksichtigen. Möhring, der vor seinem Studium in Aachen die Kölner Uni besucht hat (Lehramt, Pädagogik und katholische Theologie), schrieb seine Ideen zu einem Konzept zusammen und ließ das dem nordrhein-westfälischen Landtag zukommen. „Die Piraten haben mich eingeladen und wollten mit mir über meine Ideen sprechen.“ Das habe ihn dann überzeugt.

Bildung ist ihm weiterhin ein Herzensanliegen, wie Möhring erklärt: „Wir brauchen ein komplett neues Bildungssystem, das weniger leistungsorientiert ist“, findet er. Internationalen Vergleichen wie der PISA-Studie könne er gar nichts abgewinnen.

„Es geht doch darum, dass die Menschen glücklich sein sollen.“ Vom Abitur nach acht Jahren will er sich ebenfalls verabschieden. Jugendliche würden zwischen der zwölften und dreizehnten Klasse wesentliche Schritte in ihrer persönlichen Entwicklung vollziehen. „Diese Zeit müssen wir den jungen Menschen geben“, sagt Möhring, der neben dem Studium junge Menschen betreut, die ein freiwilliges soziales Jahr absolvieren.

Gut ausgebildete, motivierte Lehrerinnen und Lehrer spielen dabei in den Augen des Piraten eine wesentliche Rolle. Denn gerade ein Lehrer ist, so wird im Gespräch mit Möhring deutlich, ein Mensch, der unglaublichen Einfluss auf die Entwicklung seiner Schüler hat. So seien auch letztlich zwei Lehrer ausschlaggebend für die Wahl seiner Fächerkombination gewesen: Theologie und Pädagogik. Möhring: „Ich sehe mich durchaus als gläubigen Menschen, kann aber mit der Dogmatik der katholischen Kirche nicht viel anfangen.“

Als Schüler habe er die Kirche eher als Einrichtung mit mafiösen Strukturen gesehen. Seine Religionslehrerin habe ihn davon überzeugt, dass man die Bibel auch anders, gleichnisorientierter, auslegen kann. „Das hat mich als Schüler total fasziniert, und das wollte ich anderen jungen Menschen genauso weitergeben.“ Die Unzufriedenheit mit dem jetzigen Schulsystem sei auch der Grund für seine Entscheidung gewesen, das Lehramtsstudium nicht zu beenden. „In diesem System möchte ich als Lehrer nicht arbeiten.“

Ob nun beim Studium in Köln oder in Aachen: Seiner Heimat Stolberg ist Möhring immer treu geblieben. „Mir gefällt das sehr, dass mein Nachbar, der Bäcker mich beim Namen kennt.

Mit großen Städten kann ich nicht viel anfangen“, sagt er. Auch zum Studium nach Köln sei er immer gependelt, und habe dabei erfahren, wie wichtig ein gut funktionierender Bus- und Bahnverkehr ist. „Alle reden immer davon, den Individualverkehr zurückfahren zu wollen, und das die Leute auf Busse und Bahnen umsteigen sollen.

Aber der ÖPNV in unserer Region ist absolut unattraktiv“, findet Möhring. Gerade in den ländlichen Gebieten wie den Stolberger Ortsteilen oder den Kommunen der Eifel sei die Taktung der Busse schlecht. Auch seien die Fahrscheine viel zu teuer. Seine Partei fordere daher einen fahrscheinfreien Bus- und Bahnverkehr für alle Bürger.

„Über die Finanzierung haben wir uns auch schon Gedanken gemacht“, sagt Möhring, dem ein Gebührenmodell wie etwa bei den Rundfunkgebühren vorschwebt. „Natürlich würde das auch auf Widerspruch treffen, doch ich bin davon überzeugt, dass von einem guten Nahverkehr alle Bürger profitieren würden.

Den politischen Betrieb hat der junge Stolberger, der in seiner Freizeit Yoga macht und Schlagzeug in einer Folk- und Countryband spielt, in der Städteregion kennengelernt und weiß, dass sich in der Politik nicht alles so abspielt, wie es manchmal bei den politischen Talkshows im Fernsehen den Eindruck macht.

„Ich habe in der Städteregion die Erfahrung gemacht, dass die meisten in den demokratischen Parteien dazu bereit sind, offen über alles zu reden.“ Lediglich bei der Verteilung von Fördermitteln wünsche er sich manchmal mehr Transparenz und mehr sachliche Argumentation.

Nach Düsseldorf treibe es ihn deshalb, weil seine Schwerpunktthemen, allen voran die Bildung, im Landtag entschieden werden. Aber auch, wenn es nicht mit einem Sitz im Landtag klappt, will Möhring sich weiter stark machen: „Die Piraten verstehen sich als Sprachrohr der Bürger in der Politik, und auch meine Parteikollegen im Landtag sind sehr offen für Vorschläge.“

Abseits der politischen Arbeit will Maximilian sich weiterhin um sein Studium in Aachen kümmern — und im Anschluss eventuell journalistisch arbeiten. „Ich reise und schreibe sehr gerne. Und als Journalist ließe sich beides gut verbinden, denke ich.“