Wassenberg: Aus Industriebrache wird demnächst Schulgelände

Wassenberg : Aus Industriebrache wird demnächst Schulgelände

„Wir verlassen keine verbrannte Erde”. Dieser Leitgedanke des EBV als Nachfolgegesellschaft von Sophia-Jacoba Hückelhoven gilt auch für die sinnvolle Verwertung und Sanierung des 20 000 qm großen Grundstücks des ehemaligen (zweiten) Fabrikgebäudes Krahnen & Gobbers in Wassenberg-Oberstadt.

Die Bagger der beauftragten R & B Industrieanlagenverwertung GmbH (Ruhrkohle Umwelt GmbH und Heinrich Becker in Bottrop) sind seit Dienstagmorgen im Einsatz.

Das um 1900 errichtete zweite Fabrikgebäude der Krefelder Seidenweberei Krahnen & Gobbers in Wassenberg folgte dem ersten, bedeutend größeren Betrieb in Wassenberg von 1893 mit über 500 Webstühlen, der den wirtschaftlichen Aufschwung von Wassenberg und Umgebung bedeutete.

Dieses Werk wurde als Folge der Ende der 50-er Jahre einsetzenden Textilkrise und der späteren Bergschäden bereits Ende der 70-er Jahre abgerissen. Das zweite Werk, eine Bandweberei, wurde bereits in der Wirtschaftskrise Ende der 20-er Jahre stillgelegt.

Gefangenen-Unterkunft

Die Gebäude dienten 1938 der Unterkunft der Westwallarbeiter, 1940 der Unterbringung französischer und 1941 russischer Kriegsgefangener. Dies dauerte nur kurze Zeit, denn während der ganzen Kriegsjahre betrieb die Klöckner Humboldt Deutz AG im Krahnen-Werk eine Kriegsproduktion. Hinzu kam die Firma Stöcker für den Bau von Holzvergasern.

In den 50-er Jahren folgte mit der Erkelenzer Kartonagenfabrik Lucas eine totale Auslastung mit bis zu 1200 Arbeitskräften, viele davon auch als Heimwerker (Lucas-Kartönchen).

Druckerei und Autohaus

Nachfolgeunternehmen war die Großdruckerei Kraft & Schlötels, die ihren modernen Industrie-Neubau dann Anfang der 90-er Jahre ins Gewerbegebiet Forst verlegte. Ein kleiner Restbetrieb blieb in der Oberstadt; er wurde vor einigen Jahren nach Viersen ausgelagert.

Das Autounternehmen Seliger war der letzte „Aussiedler” mit neuer Unterbringung in der Klosterstraße Wassenberg/Myhl. Damit waren die inzwischen immer stärker reparaturanfälligen Gebäudeteile endgültig „Industriebrache”.

Seit Jahren bemühte sich Sophia-Jacoba Hückelhoven um den Abbruch und eine sinnvolle Vermarktung mit Sanierung des Gebäudes. Bis vor wenigen Wochen mit wenig Aussicht auf Erfolg.

Intensive Gespräche, die von der Stadt Wassenberg unterstützt wurden, führten zum Projekt „WaldorfSchule in Wassenberg”. Ins Auge gefasst wurde das Gelände Krahnen & Gobbers von 20000 qm Größe einschließlich dem angeschlossenen waldähnlichen Gelände.

In einem Pressegespräch stellte Geschäftsführer Hans Fischer von der „Waldorf-Schule im Kreis Heinsberg e.V.” die noch endgültig abzustimmende Absicht und Planung vor, zusammen mit Heinz Sahl und Hans-Willy Knoben vom EBV Eschweiler, mit Bürgermeister Manfred Erdweg, mit Beigeordnetem Peter Bente und Heinz Randerath von der Stadtverwaltung sowie Ortsvorsteher Dietmar Trzinski.

Der jetzt angelaufene Abriss mit Recycling und Sanierung des Grund und Bodens soll etwa sechs Monate dauern. Er geht voll zu Lasten des EBV und kostet rund 5 Millionen Euro.

Neben einer privaten Waldorfschule, deren I. Hausabschnitt 2005 fertig sein soll, sind rund 50 Seniorenwohnungen und Pflegeplätze (im angeschlossenen waldähnlichen Geländeteil) sowie eventuell ein Ganztagskindergarten mit Kinderkrippe geplant.

Dies entspricht dem Waldorf-Leitbild: „Jung und Alt leben miteinander und schließen sich nicht aus”.

Als Übergangslösung ist ab Schuljahr 2003 bis zum Einzug in die fertige Wassenberger Schule eine Unterbringung der ersten drei Klassen im restaurierten alten Schulgelände Myhl für zwei Jahre ins Auge gefasst. Den Bau der Schule selber soll eine Investitionsfirma durchführen.

Das gesamte Konzept „Umwandlung von Industriebrache” entspricht auch, wie die Gesprächsteilnehmer unterstrichen, den Vorhaben der Landesregierung NRW, solche Industriebrachen in den Innenstädten sinnvollen Nutzungen zuzuführen für Gewerbe, Schulen und Wohnen.

Landverbrauch eindämmen

Das überhand nehmende Ausufern der Städte und Gemeinden mit entsprechendem Landverbrauch soll damit eingedämmt, der Wohnwert der Innenstädte wieder erhöht werden.

Bürgermeister Erdweg unterstrich, dass das Konzept „Waldorf-Schule in Wassenberg” der Gestaltung von Wassenberg als „Wohnstadt im Grünen” mit entsprechender Infrastruktur voll entspricht. Mit rund 100 neuen Arbeitsplätzen wird gerechnet. Auch eine Belebung der Oberstadt im gewerblichen und sozialen Sinne sei hiervon zu erwarten. Im Stadtrat werden die Rahmenbedingungen für die Genehmigung schnellstens behandelt.

Die „Waldorfschule Kreis Heinsberg e.V.” wird nach abschließenden Beschlüssen ihr Konzept der Öffentlichkeit weiter vorstellen. Zur Frage von Dietmar Trzinski nach Erhalt des Baumbestandes im so genannten „Pufferwald” hinter den Fabrikgebäuden erfolgte eine positive Antwort. Zu klären wäre noch die Parkplatzfrage.