Heinsberg: Als Tat eines Einzelnen so nicht vorstellbar

Heinsberg : Als Tat eines Einzelnen so nicht vorstellbar

Es sind vier Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren, beinahe noch Kinder, die unter dem dringenden Verdacht stehen, einen 54-jährigen Mann beim Besuch des Friedhofes in Hückelhoven-Schaufenberg erstochen zu haben.

Vielleicht nur, um in den Besitz seines Autos zu gelangen. Vielleicht nur, um damit aus Langeweile eine Spritztour nach Paris zu unternehmen. Die Vorstellung lässt einen erschauern.

Für Hans-Josef Voßenkaul, den Anstaltspsychologen der JVA Heinsberg, sind derartige Szenarien vertraute Materie. Seit 1994 betreut und therapiert er in der Jugendhaftanstalt Gewalt- und Sexualstraftäter. Redakteur Rainer Herwartz sprach mit ihm über mögliche Hintergründe einer Tat, wie sie jetzt in dem 1300-Seelen-Ort geschah.

Der Schock über die Tötung des 54-jährigen Mannes am Schaufenberger Friedhof sitzt bei vielen Menschen in dem kleinen Örtchen tief. Nicht selten bestärkt eine solche Tat Verunsicherung und Argwohn gegenüber Jugendlichen - vor allem, wenn sie als Gruppe angetroffen werden. Ist diese Furcht gerechtfertigt?

Voßenkaul: Ich denke, in 99 Prozent der Fälle ist sie nicht gerechtfertigt. Eine solche, nicht nachvollziehbare Tat, kann nicht dazu führen, dass wir jetzt Angst vor unserer Jugend haben. Der absolut größte Teil der Jugendlichen ist friedliebend. Ich habe selbst drei Kinder im Alter von 21, 19 und 17 Jahren.

Was unterscheidet im Allgemeinen friedfertige junge Leute von gewaltbereiten in ihrer Persönlichkeitsstruktur?

Voßenkaul: Ich glaube, dass gewaltbereite Jugendliche unsicherer sind in ihrem Selbstwertgefühl. Sie versuchen, durch Aggressivität etwas zu dokumentieren, was eigentlich nicht vorhanden ist. Das hat viel zu tun mit dem Status innerhalb der Gruppe - beweisen müssen, dass man besonders stark ist. Es gibt eigentlich nicht die Täterpersönlichkeit. Man kann nicht sagen, wer eine bestimmte Persönlichkeit hat, ist auf jedenfall ein Gewalttäter.

Lässt sich der Unterschied, ob jemand friedfertig ist oder nicht, recht schnell erkennen?

Voßenkaul: Das lässt sich schwer über einen Kamm scheren. Es ist nicht generell erkennbar. Grundsätzlich würde ich aber jedem raten, wenn er auf eine Gruppe alkoholisierter Jugendlicher trifft, sich nicht auf Diskussionen einzulassen. Ein provokanter Spruch aus einer Gruppe heraus muss aber noch nichts über die Gewaltbereitschaft aussagen.

Wieso scheinen bei manchen Jugendlichen gewisse verhaltenskorrigierende Empfindungen wie Mitleid oder Angst vor Bestrafung nicht zu existieren?

Voßenkaul: Ich glaube, dass dies vielfach in der Erziehung begründet ist. Wer nie gelernt hat, über Gefühle zu sprechen, erleidet eine regelrechte emotionale Verkümmerung.

Ohne die Umstände der Hückelhovener Tat zum jetzigen Zeitpunkt zu kennen, scheinen derartige Straftaten oft nicht lange geplant, sondern beinahe aus einer Art Laune heraus zu geschehen. Wie ist so etwas möglich?

Voßenkaul: Hier spielen die gruppendynamischen Prozesse in der Regel eine entscheidende Rolle. Als Einzeltat ist es überhaupt nicht vorstellbar, aber in der Gruppe will keiner ausscheren und jeder muss beweisen, dass er noch cooler ist als der andere. Auf diese Weise eskalieren solche Geschehnisse. Wichtig ist, dass es sich bei dem Gesagten um eine Erklärung, aber keineswegs um eine Rechtfertigung einer solch verabscheuungswürdigen Tat handelt.

Es dürfte unbestritten sein, dass wohl kein Mensch als Mörder auf die Welt kommt. Gibt es Parallelen in den Entwicklungen aller jugendlichen Gewaltverbrecher oder unterscheiden diese sich durchaus gravierend?

Voßenkaul: Was sich häufig beobachten lässt, ist eine mangelnde Integration. So gehören die jugendlichen Gewalttäter kaum irgendwelchen Vereinen an. Sie haben ein sehr unstrukturiertes Freizeitverhalten und legen oft auch ein ausgeprägtes Konsumverhalten an den Tag. Von den bis zur Tat gezeigten Leistungen befinden sie sich eher auf unterdurchschnittlichem Niveau. Trifft man auf einen Gewaltstraftäter mit guten schulischen Leistungen, handelt es sich meist um eine Beziehungstat.

Der Hückelhovener Tätergruppe gehören auch zwei Mädchen an. Hat sich hier eine traurige Form von Emanzipation durchgesetzt?

Voßenkaul: Nach wie vor ist es so, dass Gewalt meistens männlich ist. Das sieht man auch an den Verurteilungszahlen. Der Anteil der Frauen und Mädchen liegt bei rund zehn Prozent.

Sollte einer der Jugendlichen am Ende wirklich wegen Mordes verurteilt werden, warten auf ihn bis zu zehn Jahre Jugendhaft. Welche psychologischen und pädagogischen Maßnahmen durchläuft ein solcher Straftäter, um nach der Verbüßung der Haft wieder in die Gesellschaft integriert werden zu können?

Voßenkaul: Sofern er zu seiner Tat steht und bereit ist, sich damit auseinanderzusetzen, würden wir ihn in die Behandlungsgruppe für Gewalt- und Sexualstraftäter aufnehmen, die seit dem 1. April 2001 besteht. Dabei handelt es ich um eine Maßnahme mit gruppen- und einzeltherapeutischen Elementen. Dazu gehören unter anderem die Aufarbeitung der Tat, die Entwicklung der Opfer-Empathie, das heißt, nachvollziehen zu können, was das Opfer empfunden hat, und die Erarbeitung von Faktoren, die eine erneute Straffälligkeit verhindern.

Tätertherapie ist in erster Linie Opferschutz. Es geht nicht darum, dass der Täter sich gut fühlt. Es geht nur darum, die nächste Straftat zu verhindern. Neben den therapeutischen Maßnahmen bieten wir die Chance, sich schulisch oder beruflich weiterzubilden, um sich draußen in der Berufswelt integrieren zu können. Jemand, der einen strukturierten Tagesablauf hat, ist wesentlich weniger gefährdet.

Und wie hoch ist die Erfolgsquote dieser Maßnahmen?

Voßenkaul: Ich schätze die Erfolgsquote sehr hoch ein. Bislang haben rund 70 Straftäter die Behandlungsgruppe durchlaufen. 50 Prozent schieden schon erfolgreich vor Ablauf der Therapie aus. Von denen, die die Behandlungsgruppe erfolgreich abgeschlossen haben, sind nur wenige erneut straffällig geworden. Die Fallzahlen sind allerdings noch nicht ausreichend, um eine statistisch gesicherte Aussage machen zu können.