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Größte Museumsdichte Europas: Der Westen leuchtet

Größte Museumsdichte Europas : Der Westen leuchtet

Es ist das Land mit der größten Museumsdichte Europas, vielleicht sogar der Welt. Viele davon, mehr als hundert, sind Kunstmuseen, etliche mit internationalem Ruf, klingenden Namen und großer Geschichte wie das Abteibergmuseum in Mönchengladbach oder das Von-der-Heydt in Wuppertal, das Wallraf-Richartz und das Museum Ludwig in Köln, die Kunstsammlung NRW in Düsseldorf mit zwei Häusern, Schloss Mors­broich in Leverkusen und das Essener Folkwang, in Aachen das Suermondt-Ludwig-Museum, in Krefeld Haus Lange, Haus Esters und Kaiser-Wilhelm-Museum, die Kunsthalle Bielefeld, das Marta in Herford, das Kunstmuseum Bonn und die Bundeskunsthalle – um nur einige wenige zu nennen, die Nordrhein-­Westfalen den Stempel Kunst-Land aufdrücken.

NRW, genauer: die Düsseldorfer Kunstakademie, ist auch eine Künstlerschmiede allerersten Ranges. Mit Schülern wie Gerhard Richter, Sigmar Polke, Gotthard Graubner, HA Schult. Joseph Beuys war hier Student und später Professor, Lehrer von Katarina Sieverding, Blinky Palermo, Imi Knoebel und Jörg Immendorff. Bernd Becher aus Siegen installierte in Düsseldorf seine legendäre Fotografie-Klasse, die sogenannte Becher-Schule mit Schülern, die später Stars der Foto-Szene wurden: etwa Andreas Gursky, Candida Höfer, Axel Hütte, Thomas Ruff und Thomas Struth.

So eine Konzentration von Kunst-­Kompetenz förderte natürlich die Entwicklung von Gruppierungen und Strömungen wie die ironische „German Pop“ mit Richter, Polke, Konrad Lueg und Manfred Kuttner, oder „Zero“ rund um Günter
Uecker, Otto Piene und Heinz Mack. Die internationale Fluxus-Bewegung bekam durch Aktionen in Düsseldorf und Köln wichtige Impulse. Joseph Beuys‘ Gründung einer „Organisation für Direkte Demokratie durch Volksabstimmung“ an der Akademie war ein Schritt zum „Erweiterten Kunstbegriff“ und zur „Sozialen Plastik“.

NRW ist auch ein Mekka des Kunsthandels. Die älteste und potenteste Kunstmesse Deutschlands, die Art Cologne, 1967 von den Galeristen Hein Stünke und Rudolf Zwirner als „Kölner Kunstmarkt“ im Gürzenich ins Leben gerufen, residiert seit 1974 in Köln-Deutz. Alle Versuche der „alten Tante Art“ den Rang streitig zu machen, scheiterten bislang. Eine Kunstmesse dieses Ranges funktioniert natürlich nicht ohne eine attraktive Sammlerlandschaft, die von Julia Stoschek über Willi und Gaby Schürmann sowie Peter und Irene Ludwig, Willi Kemp bis KiCO reicht.

Hinzu kommt ein dichtes Netz von Galerien. Da fällt zumindest angesichts der Mitgliederliste des Bundesverbands Deutscher Galerien und Kunsthändler (BVDG) ein Übergewicht zugunsten der NRW-Galerien auf, von denen allein 22 in Düsseldorf, 37 in Köln residieren. Köln spielt dabei in einer Liga mit Berlin und München. Wobei administrativ und logistisch der Mittelpunkt des deutschen Kunsthandels lange in Köln lag. Erst 2010 zog die Geschäftsstelle des BVDG nach Berlin. Von Köln aus blickte der Kunst- und Wirtschaftsjournalist Willi Bongard mit seinem 1970 gegründeten Kunstkompass auf die Weltkunst, ein viel beachtetes Ranking, das den in Köln lebenden Dresdner Gerhard Richter seit 2004 kontinuierlich auf Platz eins setzt – fast kontinuierlich: 2009 lag Georg Baselitz auf eins, Richter auf zwei. Von den Top-50-Kunstgalerien der Welt sind fünf im oberen Drittel mit Rheinland-Bezug, heißt es im Portal ArtFacts (2018). So wird die Nummer zwei in New York von dem Kölner David Zwirner geleitet, Sohn des Art-Cologne-Gründers Rudolf; Nummer vier ist eine Berliner Gründung der Kölnerin Monika Sprüth und der Bonner Galeristin Philomene Magers; auf Platz 26 liegt der Kölner Johann König mit seiner Galerie, Sohn von Kasper König, dem ehemaligen Chef des Kölner Museums Ludwig; Michael Werner und Karsten Greve sind originäre Kölner Galerien.

Um etwas Wasser in den Wein zu gießen: NRW hat auch einen der größten Kunstskandale der Repu­blik zu bieten. Dabei reden wir nicht über den Kunstfälscher-Skandal rund um den in Höxter geborenen Wolfgang Beltracchi. Beltracchi wurde 2011 vom Landgericht Köln wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs zu sechs Jahren Haft verurteilt und kam Anfang 2015 auf freien Fuß. Aktuell malt er und hat Ausstellungen.

Wir reden auch nicht von der Affäre Helge Achenbach: Der Düsseldorfer Kunstberater soll unter anderem einem Spross der Aldi-Dynastie Kunst und Oldtimer zu überteuerten Preisen verkauft haben, wurde wegen Betrugs, Untreue und Urkundenfälschung angeklagt, 2015 zu sechs Jahren Haft und 16 Millionen Euro Schadensersatz verknackt, kam 2018 frei, fiel hinfort als Maler und Memoiren­schreiber auf.

Der große NRW-Kunstskandal, um den es hier geht, an dem sogar ein Mitglied der Landesregierung beteiligt war, ist ein anderer. 1972 entließ NRW-Wissenschaftsminister Johannes Rau den Professor Beuys fristlos, ließ ihn durch Polizisten aus dem Haus werfen. Was war passiert?

Die Studentenrevolte von 1968 erfasste auch die Akademie, deren Politisierung ganz im Sinne von Beuys war. Der selbst hielt nichts von Zugangsbeschränkungen, seine Klasse wuchs bis auf 400 Studenten an. 1971 besetzte er das Sekretariat der Akademie, um die Aufnahme weiterer Studenten zu erzwingen. Rau gab nach. 1972 folgte die zweite Besetzung. Rau feuerte den Professor. 1980, acht Jahre später, erreichte Beuys einen Vergleich vor dem Arbeitsgericht: Er durfte den Professorentitel behalten, das Arbeitsverhältnis wurde aufgelöst. Rau war zu dem Zeitpunkt NRW-Ministerpräsident, 1999 wurde der SPD-Politiker zum Bundespräsidenten gewählt.

Ortswechsel:  „Der Westen leuchtet“ war eine aufregende Ausstellung überschrieben, für die das Kunst­museum Bonn 2010 fast das gesamte Haus räumte. Thema war das Phänomen Kunstland NRW. Im Vorwort zum Katalog schrieb der damalige Ministerpräsident Jürgen Rüttgers: „Ohne Übertreibung darf behauptet werden: Fast alle deutschen Künstlerinnen und Künstler, die heute zu den Weltstars der Kunstszene zählen, sind auf das engste mit dem Rheinland verbunden.“

„Nirgendwo sonst in Deutschland hat es eine solche Verdichtung künstlerischer Qualität über einen so langen Zeitraum gegeben“, sagte Kunstmuseums-Intendant Stephan Berg, zeigte ein opulentes Who is Who der Kunst in NRW. Im Katalog blickte Jürgen Harten, langjähriger Chef der Kunsthalle Düsseldorf auf die letzten hundert Jahre zurück.

Denn die Geschichte des leuch­tenden Westens ist natürlich kein Phönix, der vor 75 Jahren in Nordrhein-Westfalen aus der Asche von Drittem Reich und Zweitem Weltkrieg quasi aus dem Nichts aufstieg. Der Westen der Republik hat eine kunstvolle Vergangenheit. Große Sammler und Mäzene prägten das 19. und frühe 20. Jahrhundert. Die phasenweise sehr erfolgreiche Geschichte der Düsseldorfer Kunstakademie reicht bis ins 18. Jahrhundert hinein. Für die Moderne nicht nur im Westen setzte die Kölner Sonderbundausstellung 1912 mit rund 650 Werken der europäischen Modern ein Zeichen. Da leuchtete es weit über den Westen hinaus.