95. Geburtstag von Alfred Grosser

Zur Person : Liebenswürdig kritisch

Der französische Politikwissenschaftler und Publizist Alfred Grosser wird an diesem Samstag 95 Jahre alt

Altersmilde ist ein Charakterzug, der in der Regel hochgeschätzt wird, diesem Geburtstagskind aber eher fremd ist. Alfred Grosser genehmigt sich Nachsichtigkeit allenfalls im privaten Leben. Politisch hält er nicht viel davon, sondern legt wie eh und je den Finger in die Wunde. Wobei seine deutliche Kritik und seine klaren Worte an die Europäische Union und vor allem an die Regierungen in Paris und Berlin immer abgefedert werden, weil diesem weitherzigen und freundlich lächelnden, häufig lachenden Mann stets der Schalk im Nacken sitzt.

An diesem Samstag wird der französische Politikwissenschaftler und links wie rechts des Rheins geschätzte und verehrte Publizist, Debattierer und Redner 95 Jahre alt. Ja, er liebt Klartext. Aber er mag auch den Konsens – nur nicht in Form einer die Realitäten ertränkenden Soße.

Über viele Jahrzehnte hat er sich in Europa für Versöhnung, Verständigung und Gemeinsamkeit eingesetzt. Die Basis dessen können nach seiner Überzeugung immer nur Wissen, Information, Analyse sein. Und darin liegt wahrscheinlich das größte Verdienst dieses liebenswürdigen Grenzenlosen: Er hat den Deutschen die Franzosen und den Franzosen die Deutschen erklärt – seit den Anfängen der Bonner Republik bis heute, immer wieder, immer neu, immer historisch fundiert und zugleich aktuell. Seit die Bundesrepublik existiert, ist Alfred Grosser ihr genauer Beobachter, ihr Freund und Kritiker.

In Frankfurt am Main geboren und seit 1937 Franzose, hielt er Kontakt zum Widerstand, setzte sich nach dem Krieg früh und intensiv dafür ein, dass aus Feinden Freunde wurden. Der Deutsch-Französische Freundschaftsvertrag von 1963 war nicht zuletzt von ihm maßgeblich inspiriert.

Grosser lebt in Paris, wo er jahrzehntelang als Professor gelehrt hat. Nach ihm ist ein Lehrstuhl am Institut d’Etudes Politiques de Paris für die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Deutschland benannt. 1975 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, er ist Träger höchster deutscher und französischer Auszeichnungen und Autor von mehreren Dutzend Büchern.

Heute gönnt er sich mehr Muße als in all den Jahrzehnten, in denen er häufiger und gern gesehener Gast in ungezählten TV-Talkrunden war. Hellwach und kritisch ist er nach wie vor, ein Grandseigneur – ziemlich alt und unglaublich jung, gelassenen, scharf- und hintersinnig.