Aachen - Was ist in Russland eigentlich passiert?

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Was ist in Russland eigentlich passiert?

Von: Lukas Weinberger
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Und nun? Joachim Löw denkt über einen Rücktritt nach. Foto: dpa
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Der schwächste Deutsche: Thomas Müller. Foto: dpa

Aachen. Es gibt nicht viele Bereiche im Leben, in denen ein jeder zu wissen glaubt, wie es hätte besser laufen können, womöglich ist es tatsächlich nur ein einziger: der Sport, natürlich, vor allem der Fußball. Was daran liegt, dass der Fußball vielen der liebste Sport ist.

Nun, die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist in der Vorrunde der Weltmeisterschaft in Russland ausgeschieden, das allererste Mal, nach einem 0:2 gegen Südkorea, als Gruppenletzter. Und gefühlt ganz Deutschland fragt sich jetzt: Was ist in Russland eigentlich passiert? Eine Annäherung.

Wie konnte es zum Debakel kommen?

Die Antwort ist simpel und schockierend zugleich: Die deutsche Mannschaft auf und neben dem Platz war zu schlecht, um in einer Gruppe mit mittelmäßigen Gegnern zu bestehen. Das Aus, es war verdient. Die Spieler waren schwach, und auch der Bundestrainer war nicht in Form.

Was war das größte Problem der Nationalmannschaft?

Das größte Problem war zugleich das offensichtlichste; jeder, der sich für Fußball interessiert, hat es sehen können: Diese Mannschaft, die da in Russland auf dem Platz gestanden hat, hatte diesen Namen nicht verdient. Sie war keine Mannschaft. Deutschland verfügt zwar zweifelsfrei über eine ganze Reihe hervorragender Fußballer, über zahlreiche sogenannte Weltklassespieler, aber in den drei Gruppenspielen funktionierten diese einfach nicht als Kollektiv. Die Spieler waren sich seltsam fremd.

Gab es weitere Gründe?

Zu viele, um sie alle einzeln aufzuzählen. Die Diskussionen um die Fotos von Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, die schwachen Leistungen in den Testspielen, fehlende Fitness, mangelnde Taktik, und dann bleibt auch noch das traditionelle Glück aus – das sind nur einige Gründe.

Augenfällig war die Schwäche der eigentlichen Leistungsträger, die Deutschland 2014 noch zum Titel verholfen hatten. Thomas Müller war gefühlt der schlechteste Spieler des Turniers, Sami Khedira, natürlich Mesut Özil oder auch Toni Kroos und Joshua Kimmich boten nicht das an, was sie eigentlich können. Das deutsche Spiel wirkte kopflos; es gab niemanden, der voranging, der andere mitriss. Es wirkte nicht so, als würde sich der einer für den anderen zerreißen.

War das frühe Aus absehbar?

In der Nachbetrachtung kann es auf diese Frage nur eine Antwort geben: Ja. Innenverteidiger Mats Hummels hat nach dem Debakel ja selbst eingeräumt, dass die Nationalmannschaft ihr letztes überzeugendes Spiel im Herbst 2017 abgeliefert hätte. Lange her. Damals hat Deutschland die perfekte Qualifikation für die WM mit zehn Siegen aus zehn Spielen abgeschlossen, im November ein 2:2 gegen das starke Frankreich hinzugefügt, doch danach ging es eigentlich nur bergab.

1:1 gegen Spanien, 0:1 gegen Brasilien – gut, kann passieren. Aber spätestens das peinliche 1:2 gegen Österreich und das mehr als glückliche 2:1 gegen Saudi-Arabien hätte Trainer und Spieler aufrütteln müssen. Hat es aber nicht. Stattdessen betonten alle, sie würden das bis zum Turnierstart schon hinbekommen. Haben sie nicht. Was zunächst von vielen als berechtigtes Selbstbewusstsein des Weltmeisters gewertet wurde, muss im Nachhinein als Überheblichkeit betrachtet werden.

Wer trägt die Verantwortung?

In erster Linie der Trainer. Natürlich, es waren die Spieler, die die auf dem Platz standen, aber es wäre Löws Aufgabe gewesen, seine Fußballer in Form zu bringen. Eine Mannschaft zu entwickeln, eine Einheit, die dazu erfolgreich spielt. Diesmal nicht. Auch er hat sich von der allgemeinen Lässigkeit anstecken lassen, die im Grunde seit vier Jahren vorherrschte, er hat sie sogar befeuert. „Wir werden zum Turnierstart in bester Verfassung sein“, das war ja Löws Botschaft gewesen. Ein Irrtum.

Löw hielt zu lange an den schwächelnden Weltmeistern fest; einige von ihnen nahm er mit, obwohl sie – wie etwa Jérôme Boateng und Özil – nicht fit waren. Der Trainer hat sich schlicht nicht getraut, stärker auf die jungen Spieler zu setzen, mit denen er im Vorjahr noch eindrucksvoll den Confederations Cup gewonnen hatte. Löws Pläne für die Spiele gegen Mexiko und Südkorea waren entweder schlecht oder er hat sein Team nicht dazu bekommen, die Vorgaben umzusetzen. Gegen Schweden hatte Löw Glück, dass Kroos zumindest einen genialen Moment hatte. Fürs Achtelfinale reicht das nicht.

Muss Löw jetzt zurücktreten?

Das Wichtigste zuerst: Joachim Löw ist ein sehr guter Trainer. Er hat den deutschen Fußball zurück in die Weltspitze geführt, seine Verdienste sind groß. Doch jetzt bröckelt das Denkmal. Im Moment ist es kaum vorstellbar, dass Löw seinen Vertrag bis 2022 erfüllt. Und es muss auch erlaubt sein, ihn infrage zu stellen.

Der Bundestrainer selbst hat ja gleich im ersten Interview nach dem Ausscheiden die Schuld für selbiges auf sich genommen. „Ich bin der Erste, der sich hinterfragen muss“, hat er gesagt. Löw hat jedenfalls weiteren Kredit verspielt, auch bei den Fans; einige von ihnen warfen ihm längst seine Lässigkeit vor, die ja einst darin gipfelte, dass er sich auf der Bank die Nägel feilte.

Entlassen wird Löw wohl kaum, was zum einen an seinen Erfolgen in der Vergangenheit liegt, zum anderen an seinen Bossen. DFB-Präsident Reinhard Grindel ist niemand, der unpopuläre Entscheidungen trifft, was auch daran liegen mag, dass er mehr Politiker als Sportler ist; DFB-Direktor Oliver Bierhoff ist nicht nur ein Weggefährte Löws, er steht auch selbst in der Kritik, weil er es versäumt hat, die Erdogan-Debatte angemessen zu moderieren.

Ein freiwilliger Rückzug des Bundestrainers ist am wahrscheinlichsten. Er wird reflektieren, analysieren, abwägen – und zu einem Ergebnis kommen. Die Aufarbeitung läuft. Nächste Woche soll es eine Entscheidung geben. „Es braucht Zeit, ein paar Gespräche, und dann werden wir eine klare Antwort geben“, sagte Löw. Ein „Weiter so“ darf es auch aus seiner Sicht nicht geben.

Wie geht es sonst mit der Nationalmannschaft weiter?

Es ist nicht abzusehen, wie der Neuaufbau aussehen wird – weil dieser vor allem vom Trainer abhängt. Bisher hat auch noch kein Spieler seinen Rücktritt erklärt. Es ist noch keiner so alt, dass er nicht mindestens noch die EM 2020 spielen könnte. Klar ist aber, dass auch auf dem Platz etwas passieren muss. Zum Beispiel eine Rückbesinnung auf den Fußball an sich.

Mit ihren zig Marketingaktivitäten entfernt sich die DFB-Elf von der Basis – vor allem, wenn sie auch noch schlecht spielt. Kimmich, Timo Werner, Leon Goretzka und Julian Brandt sind Hoffnungsträger, jung und talentiert. Sie können die Gesichter des neuen Teams werden, müssen aber erst noch beweisen, dass sie nach den Neuers, Schweinsteigers und Kloses eine neue Goldene Generation begründen können. Schön wäre es . . . 

 

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