Aachen - Die Fern(seh)diagnosen zur WM der „Ex-Perten“

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Die Fern(seh)diagnosen zur WM der „Ex-Perten“

Von: Christoph Pauli
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Die „Ex-Perten“: Mario Basler (von links), Uli Borowka, Lothar Matthäus und Stefan Effenberg erinnern vor allem gerne an frühere und bessere Zeiten. Fotos: imago/Montage: Horst Thomas Foto: imago/Montage: Horst Thomas

Aachen. Nach dem ersten Spiel der Deutschen findet einer dieser vielen Tele-Krisengipfel bei „Hart aber fair“ statt. Der Debattenzirkel hat sich ein bisschen herausgeputzt, nur Mario Basler sitzt da im Kapuzenpulli, den er auch im Stadion tragen würde.

Den Zuschauern teilt er in der ersten Minute des Matches schon mit: „Ich wäre vermutlich auch so wenig wie Toni Kroos gelaufen, hätte aber wahrscheinlich ein Tor gemacht oder zwei vorbereitet. Das ist der große Unterschied.“

So ein Championat ist immer auch die hohe Zeit der Fußball-Deuter. Der Bedarf ist groß in diesen fünf WM-Wochen, und so werden aus Ex-Profis und Ex-Nationalspielern nun wieder gefragte „Ex-Perten“. Sie stellen Fern(seh)diagnosen an, erwärmen sich an den guten alten Zeiten, als es noch Typen mit Ecken und Kanten gab, die sich nicht den Mund verbieten ließen. Spieler wie sie. Die keine Schienenbeinschoner brauchten und immer eine klare Meinung vertraten – ganz im Gegenteil zu den gepamperten Nationalspielern, die gerade unterwegs sind.

So schimmert es im Subtext durch. Das Publikum grölt bei ihren Ausführungen häufig begeistert. Die Redaktionen bekommen, was sie wollen: Aufmerksamkeit und Quote. Es ist ein Deal, von dem beide profitieren: Die Sendungen bekommen ihre Schlagzeilen, die Ex-Stars die Dosis Aufmerksamkeit, die im Alltag meistens fehlt.

Lebenswandel überwacht

Basler (30 Länderspiele/2 Tore/30 WM-Minuten) hat eine Art Lieblingsfeind, über den er seit Jahren herzieht – wenn man ihn nur fragt: „Özils Körpersprache ist die von einem toten Frosch. Das ist jämmerlich, wie er herumrennt.“ Sein Fazit: „Die Spieler sind weichgespült. Wenn die eine Versicherung abschließen müssen, wissen die gar nicht mehr, wie das geht.“

Er, so Basler, habe seine Tasche noch selbst gepackt und in den Bus gestellt. Nach seiner Karriere hat Basler einen schönen dritten Platz beim „Promi Big Brother“ errungen. Als Trainer ist der bekennende Kettenraucher und Kartenspieler gerade beim fünftklassigen Hessenligisten Rot-Weiss Frankfurt gescheitert.

Basler ist aufgrund seiner „blütenweißen“ Biografie natürlich prädestiniert für Kritik an seinen Nachfolgern. Beim FC Bayern wurde er 1997 von Manager Uli Hoeneß zu einer „Spende“ von 10.000 Euro wegen öffentlicher Kritik an Giovanni Trapattoni verdonnert. Hoeneß ließ bald danach den Lebenswandel der Profis von Detektiven überwachen. Die trafen den krankgeschriebenen Basler morgens um 4 Uhr in einer Diskothek an, als er angeblich in einer Schlägerei verwickelt gewesen sein soll.

Als Basler im November 1998 nach indiskutabler Leistung beim Länderspiel gegen die Niederlande ausgewechselt wurde, klatschte er dem Publikum hämisch Beifall. Bald kam heraus, dass er vor dem Spiel mit Kollegen bis Mitternacht gezockt hatte, Teamchef Erich Ribbeck verzichtete fortan auf seine Dienste. Ein paar nächtliche Diskothekenbesuche und Rangeleien später suspendierte auch der FC Bayern das Enfant terrible.

Basler jedenfalls tauchte während der Vorrunde auch noch bei „Lanz“ auf und polterte weiter in Richtung Mesut Özil. Als er Widerrede erfuhr, reagierte er durchaus ärgerlich: „Ich habe meine eigene Meinung, Argumente interessieren mich nicht.“

Der berühmte Mittelfinger

Auch Stefan Effenberg (35 Länderspiele/5 Tore/ein WM-Rauswurf) äußert sich im „Doppelpass“ zu Özil: „Wenn er zu Deutschland steht, dann muss er auch die Hymne mitsingen.“ Im Internet, das nichts vergisst, lässt sich leicht nachschauen, wer von den deutschen Nationalspielern die Hymne vor ihrem WM-Finale 1974 mitgesungen hat.

Das Team hatte vor eine Platte aufgenommen, es ist die Mutter aller WM-Songs: „Fußball ist unser Leben, denn König Fußball regiert die Welt“, trällerten Franz Beckenbauer, Paul Breitner und Co. stellenweise arg schief. Der erste Fußball-Popsong schrammte knapp an der Goldenen Schallplatte vorbei. Vor dem Finale im Münchner Olympiastadion stellten sich die Nationalspieler fast im Halbkreis auf, die Kapelle intonierte das Lied – und niemand, wirklich niemand sang mit. Die Kamera fängt nur konzentrierte, stumme Gesichter ein.

Sangesfreund Effenberg war bis zum Frühjahr 2016 sechs Monate bemerkenswert erfolglos Trainer beim FC Paderborn. Das charmanteste, was man über die Zeit sagen kann, ist, dass sie turbulent war. Nicht erst seitdem wirken Anstandsregeln aus dem Haus Effenberg seltsam.

Der „Tiger“ fordert wegen des Fototermins von Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan den sofortigen Rauswurf der beiden Berufsfußballer. Für Rauswürfe ist Effenberg ein bisschen Experte. Bei der WM 1994 in den USA zeigte er nach dem Gruppenspiel gegen Südkorea den Fans seinen Mittelfinger, er stellte die Geste später extra für die Kameras nach. Für den DFB war das Anlass genug, ihm und seiner mitgereisten Gattin sofort das Rückflugticket auszustellen.

Auch Uli Borowka meldet sich in der „Rheinischen Post“ in der Causa Erdogan/Özil/Gündogan zu Wort. Der 56-Jährige ist so erzürnt, dass der DFB nach dem Fototermin nicht rigoros reagiert hat, dass er auf jeden Fall nun bei sich Ausmisten will: „Ich werde alle meine Sachen, die ich vom DFB aufbewahrt habe, ob Trikots, Medaillen oder Urkunden, für unseren gemeinnützigen Verein verkaufen. Alles, was mit dem DFB zu tun hat, möchte ich nicht mehr haben.“ Borowka, dessen Autobiografie mit dem Titel „Volle Pulle. Mein Doppelleben als Fußball-Profi und Alkoholiker“ erschienen ist, sagt, dass er sich nach der Affäre nicht mehr mit der Nationalmannschaft identifizieren könne.

Leben und Werken der Nachfolger

Der 56-Jährige hat seine sechs Länderspiele alle 1988 absolviert, sein Kapitän war damals Lothar Matthäus. Der ist inzwischen eine Art „Auftragskiller“. Für die ihm sehr nahestehende „Bild“-Zeitung analysiert er als Kolumnist das Leben und Werken seiner Nachfolger.

Vor ein paar Jahren hat Matthäus einmal den Nationalmannschaftskollegen Jürgen Klinsmann scharf attackiert: „Er denkt zu viel!“ Den Vorwurf kann man Matthäus eher nicht machen. Er hat zu jedem Einwurf, zu jedem Fehlpass seine Meinung.

Er dampfplaudert ohne Unterlass. Matthäus, seit sieben Jahren ohne sportlichen Job, stellt jedenfalls aus der Ferne schon mal fest: „Özil fühlt sich im DFB-Trikot nicht wohl.“ Das ist ein überraschendes Urteil nach 92 Länderspielen, die der feinfüßige Mittelfeldspieler bereits gemacht hat. „Da ist kein Herz, keine Freude, keine Leidenschaft“, vermeldet Matthäus. Özil-Bashing hat Konjunktur in diesen Tagen, da darf Matthäus über seine Hauspostille nicht fehlen.

Erst nachdem die Nationalmannschaft ausgeschieden ist, arbeitet sich der Rekordnationalspieler an der Personalplanung des Bundestrainers ab. „Der Mannschaft fehlten Typen mit Ecken und Kanten“, hält auch er fest. Vielleicht denkt er an sich, er erwähnt namentlich Bayerns Stürmer Sandro Wagner und Leroy Sané (Manchester City), die keinen Startplatz im Kader erhielten. Beide haben durchaus überschaubare Meriten im Nationalteam erworben, aber auf Argumente – hör nach bei Basler – kommt es in diesen WM-Zeiten natürlich nicht an.

Nach Beginn der K.o.-Phase sind die meisten dieser Fachleute ausgeschieden. Sie werden ihre Geschichten erst wieder in zwei Jahren bei der EM erzählen. Zeit könnten sie haben. Denn die „Ex-Perten“ wie Basler sind nicht nur Ex-Spieler, sondern auch Ex-Trainer, die derzeit keiner mehr beschäftigen will.

 

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