Berlin - Der Mythos von der deutschen Turniermannschaft ist dahin

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Der Mythos von der deutschen Turniermannschaft ist dahin

Von: Christoph Pauli
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Letzte Auskunft vor den großen Fußball-Ferien: Manuel Neuer steht am Flughafen Frankfurt Rede und Antwort. Foto: dpa
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Ungläubige Fans: Ein vorzeitiges Scheitern bei einer WM gehörte nirgendwo zur Reiseplanung. Foto: dpa

Berlin. Als die Nationalmannschaft ihr letztes Debakel erlebte, es war bei der Europameisterschaft 2004 in Portugal, stand nach dem letzten Gruppenspiel Teamchef Rudi Völler vor der Fankurve. Er legte den Kopf nach links, hob beide Arme nach oben wie ein Priester am Altar und signalisierte: „Entschuldigung, aber mehr war mit dieser Rumpeltruppe nicht möglich.“ Ein Bild wie ein Denkmal der Kapitulation.

Das Bild, das von Völlers Nachfolger bei dieser WM haften bleibt, ist an einer Laterne aufgenommen, an die sich Joachim Löw schmiegt. Der Bundestrainer posiert an Sotschis Promenade, zufällig sind viele Fotografen vor Ort. Die Geste soll tiefenentspannte Gelassenheit demonstrieren. Ein paar Tage nach dem inszenierten Shooting ist Joachim „Jogi“ Löw ausgeschieden aus dem Turnier. Anders als Rudi Völler war er mit einer hoch veranlagten Mannschaft in Russland unterwegs, die nun krachend gescheitert ist.

Löws Pose wirkt seltsam entrückt, so als habe er den Bezug zur Realität verloren. Zu dieser Realität gehört dann auch, dass er seine Mannschaft verloren hat, keiner seiner Matchpläne ging auf. Die leidenschaftslose Bruchlandung 2018 ist die schlimmste in der Verbandsgeschichte. Der Mythos von der Turniermannschaft wurde in Kasan am Mittwochabend zertrümmert.

Als die Mannschaft am Donnerstagnachmittag in Frankfurt landet, sind die Medien schon da. Es gibt erwartungsgemäß keine Neuigkeiten. Man kann sicher festhalten, dass die meisten Spieler die besten Szenen dieses Turniers hatten, als das Turnier für sie bereits beendet war. Die Kickerelite – bis auf Özil – stellte sich, niemand taucht ab, wie das in den Partien zuvor auf dem Spielfeld zu beobachten war.

Profis und Verantwortliche wirkten unvorbereitet, ein so frühes Scheitern war nicht denkbar. Wie auch? In all den Jahren hatte es sich gefügt, wann immer die großen Preise ausgelobt waren. Diesmal nicht. Die Truppe wirkte saturiert, war dem Tempo dieser Hochleistungsmesse nicht gewachsen. Die Mannschaft, die keine funktionierende war, trennt sich vorzeitig am Frankfurter Flughafen.

„Das Wort Wut spielt eine Rolle. Wir haben vieles vergeigt. Wir wissen, dass wir die Protagonisten sind, die es nicht auf den Platz gebracht haben“, hinterlässt Kapitän Manuel Neuer. Noch ein paar Umarmungen, dann trennen sich die Mitglieder der Expedition, die ausgezogen war, den Titel zu verteidigen.

Löw erinnert nach der „högschden Enttäuschung“ seines Trainerlebens an seine ersten Tage beim DFB, als er vor 14 Jahren von Rudi Völler die Rumpeltruppe übernahm. Jetzt ist der Scherbenhaufen nicht kleiner. Von notwendigen Maßnahmen und tiefgreifenden Veränderungen ist am Flughafen die Rede. Wie die aussehen, bleibt offen. Katerstimmung.

Der DFB-Boss Grindel lädt in den nächsten Tagen zu einem „Sportgipfel“, er hätte es dann schon gerne konkreter. Die WM ist auch finanziell für den Verband ein Zuschussgeschäft. Der Verband bekommt nur 9,1 Millionen Euro aus der Schatulle des Weltverbandes Fifa, die Kosten belaufen sich auf 10,8 Millionen Euro. Der DFB, dem wegen einer anderen WM eine steuerliche Nachzahlung von etwa 20 Millionen Euro droht, spart immerhin die Titelprämie von 350.000 Euro je Spieler. Die Profis gehen leer aus, ein Scheitern in der Vorrunde war erst gar nicht besprochen worden. „Das kann nicht unser Anspruch sein“, sagt Teammanager Oliver Bierhoff.

Häme im Netz

Als sein Teamchef Mitte Mai den vorläufigen Kader bekanntgab, wurde auch ein spezieller Hashtag vorgestellt: „ZSMMN“. Wenn man die Vokale wieder einführt, steht da zusammen. „Der Claim sollte sowohl für die Nähe zu den Fans stehen, indem er die Social-Media-Sprache insbesondere der jungen Anhänger aufgreift, als auch für den Zusammenhalt in der Mannschaft und die Gemeinschaft mit den Fans“, teilte der DFB verschwurbelt mit. Es war wieder eine Idee aus der Marketingschmiede für „Die Mannschaft“.

„ZSMMN“ hat nicht ganz funktioniert, nach dem Ausscheiden geht es mehr um „rn“, um Ironie in den Sozialen Medien. Das Nationaltrikot zum Ramschpreis von nur noch 2,75 Euro angeboten, kursiert in den digitalen Fluten, jemand schlägt ein spontan organisiertes Freundschaftsturnier mit Holland, Italien und Legoland vor. Der Sommer war fußballerisch noch ein paar Wochen verplant, jetzt ist die Party unerwartet schnell abgepfiffen. Im Internet kann man seinen Frust gut freien Lauf lassen. Auf einer anderen Seite freut sich jemand, dass Deutschland dieses Jahr nun „eine unfassbar gute CO2-Bilanz bekommt, weil Autokorsos“ ausfallen.

Volkswirtschaftlich hat das frühe Ausscheiden Vorteile, rechnet Professor Markus Voeth von der Uni Hohenheim in der „Welt“ vor: „Eine WM ist produktivitätsvernichtend. Aber diese Einbußen fallen jetzt geringer aus“, sagte er. In den Berechnungen vor dem Turnier wurde ein täglicher „WM-Tratsch“ von durchschnittlich 16 Minuten einkalkuliert. Das Pensum werde nun reduziert, auch die große Emotion ist in Russland. Im Vorfeld der WM wurden anhand von repräsentativen Umfragen die Einbußen noch auf 2,62 Mrd. Euro des Bruttoinlandsproduktes hochgerechnet. Nach dem Scheitern geht Voeth nun davon aus, dass „etwa 650 Millionen Euro weniger Produktivitätsrückgang anfällt“.

Als Rudi Völler sich 2004 verabschiedete, wurde Fußball noch nicht im Rudel geguckt. Es gab zwar schon dieses Internet, aber wer seine Enttäuschung formulieren wollte, musste einen Leserbrief schreiben oder auf der Straße seinen Zorn formulieren. Die Möglichkeit für anonyme Protestnoten eröffneten erst die Sozialen Medien. Irgendjemand verschickt dort nach dem historischen Debakel am späten Montag eine getürkte „EILMELDUNG“: „Erdogan distanziert sich von Gruppenfoto mit deutschen Nationalspielern.“

Ilkay Gündogan und Mesut Özil haben sich vor dem Championat und vor der Präsidentschaftswahl auch zu einem Shooting überreden lassen. Eine überzeugende Erklärung haben die türkisch-stämmigen Nationalspieler dafür nicht abgeliefert.

Özil hat gar nicht versucht, etwas zu erklären in den letzten Wochen. Er schweigt beharrlich zu allen Themen. Der Mittelfeldspieler ist für viele Anhänger längst der Blitzableiter. Spieler mit so einer schweißlosen Eleganz sind in solchen Momenten immer die Zielscheibe, weil man ihnen die Anstrengung nicht ansieht, weil sie nicht grätschen und wilde Zweikämpfe führen. Das kann Özil nicht.

Er hat noch nie die Nationalhymne mitgesungen, seine spannungsarme Körpersprache hat sich in den letzten zehn Jahren nie verändert. Aber in Zeiten des Misserfolgs wird das zum Thema. Sportfachlich ließe sich sehr viel deutlicher der formschwache Thomas Müller kritisieren, doch der bayerische Gaudibursch fliegt unter dem Radar der Kritiker. Für die ist Özil der Watschenmann.

Die unerwartet schnelle Rückkehr ruft natürlich auch die Experten auf den Plan. Michael Ballack zum Beispiel meldet sich via Twitter zu Wort. Der Kurznachrichtendienst ist keine Plattform für Dialoge, vielmehr eine Art Fanfaren-Dienst.

Der ehemalige Kapitän der Nationalmannschaft stößt also aus: „Man kann immer mit einem schlechten Team ausscheiden, aber nicht mit einem Team wie diesem!! Ehrliche Bewertung muss beginnen! Führungskraft? Persönlichkeit? Einstellung?“ Ballack hat mit Jogi Löw noch eine Rechnung offen seit etwa sieben Jahren. Die Zeit in der Nationalmannschaft endete mit der offenen Konfrontation, er lehnte 2011 das angebotene Abschiedsspiel als „Farce“ ab. Nun wird heimgezahlt. Im Subtext fordert er offensichtlich den Rauswurf des Trainers, der ihn nicht mehr nominiert hatte.

Der scheidende Sponsorpartner Mercedes hatte mit dem DFB die Kampagne „Best neVer rest“ initiiert. Das „V“ in „never“ wird groß geschrieben, schließlich ging es um den „V.“ Titel/Stern. „Die besten ruhen sich niemals aus“, prangt auf dem Teambus. Der Verein „Deutsche Sprache“ nominierte den DFB umgehend für die Kategorie „Sprachpanscher des Jahres 2018“. Der Slogan klinge, „wie die ungelenke Formulierung eines russischen Englischschülers im ersten Lernjahr“, hielt der Verein erzürnt fest. Relevanter war aber die inhaltliche Kritik an dem selbst kreierten Motto. Eine intensive Arbeitsbelastung zu feiern, die krank und depressiv machen kann, war keine schlaue Idee. Auch die „Besten“ brauchen eine Pause – und ein bisschen Spaß.

Der Slogan wird in den nächsten Tagen eingemottet, die „Besten“verlassen kein Turnier nach drei desolaten Spielen. Die Weltmeister sind entzaubert vor der Weltöffentlichkeit. Wie zuletzt 2004 muss aufgeräumt werden. Am Anfang jeder neuen Ära könnte Bescheidenheit stehen.

 

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