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Zwischen „Höhenrausch” und Realismus

Von: Bernd Schneiders
Letzte Aktualisierung:

Mönchengladbach. Signal-Farbe war angesagt: Gut 20.000 gelb gewandete Zuschauer im ausverkauften Borussia-Park. Das war kein riesiger PR-Gag von Borussia Mönchengladbachs Hauptsponsor Postbank: Es war angerichtet für eine gigantische Meisterfeier von Borussia Dortmund.

Sogar die Natur schien ihren Beitrag liefern zu wollen und verteilte schon den ganzen Tag übereifrig Blütenstaub - in Gelb natürlich. Doch schon vor dem Anpfiff war nach dem Leverkusener Sieg über Hoffenheim klar: Selbst mit einem Dreier - keine Meisterfeier.

Nach dem Schlusspfiff und einem überraschenden, wenn nicht sogar sensationellen 1:0 des Tabellenletzten über den immer noch souveränen Tabellenführer mischte sich ein Zart-Rosa ins Grün-Weiß des Gastgebers. Die Hoffnung, noch den Relegationsplatz zu erreichen, wirkte nicht mehr wie reines Wunschdenken. „Auch, wenn es alles wie Parolen geklungen hat - es war echt”, fühlt sich Martin Stranzl bestätigt.

Der österreichische Winter-Neuzugang will sich auch der immer noch wahrscheinlichen Aufgabe Wiederaufstieg stellen. Vorerst aber steht die niederrheinische Borussia erstmals seit November nicht mehr ganz unten. Dank des Tors von Mo Idrissou (35.) an St. Pauli vorbei rauf auf Platz 17 - und der führte schon zu einem Höhenrausch. „Tausendprozentig steigen wir nicht ab”, versicherte Marco Reus, der trotz zweitägigen Durchfalls während der Woche bis zu seiner Auswechslung bewies, dass er von der Klasse und Schnelligkeit her auch gut in die Mannschaft der „anderen” Borussia passen würde.

Farbige Brillen

Mit der gelben statt der rosarot-grünweißen Brille sah die Partie natürlich wie ein 90-minütiges Glücksspiel für die Gladbacher aus. Untermauert von zwei Alu-Treffern (Götze/Schmelzer) in der hyper-dominanten zweiten Hälfte, in der die Elf von Lucien Favre zum Tiefstehen gezwungen wurde.

Doch kein Geringerer als Jürgen Klopp trug zur Objektivierung der Gesamtanalyse bei und interpretierte die erste Hälfte nicht nur als Schwäche seiner Mannschaft. „Es war ein durchaus verdienter Sieg”, überraschte der BVB-Trainer überwiegend die eigene Gefolgschaft. „Sie haben nicht nur auf Konter gesetzt, sondern auch richtig gut Fußball gespielt.” Etwa durch Ballstafetten, wo im Direktpassspiel der Ball möglichst risikoarm und lange in den eigenen Reihen gehalten wurde, um den Umschalt-Weltmeistern aus dem Ruhrgebiet kein Futter für ihre Blitzattacken zu geben. Und geschicktes Zustellen der Räume.

Nur ein „positioneller” Abfall

Dafür musste Gladbach bezahlen. „Dortmund hat uns müde gelaufen”, erklärte Martin Stranzl den positionellen „Abfall” nach der Pause. Dennoch gelang laut Favre „mit Leidenschaft, Kampf und intelligenter Verteidigung” der Überraschungscoup. Und seine Handschrift war eben auch selbst dann noch zu erkennen, als die Mittellinie für Stranzl & Co. so weit entfernt schien wie die sechste Deutsche Meisterschaft.

So gut wie nie verlor sein Team die Fassung und die Ordnung. Die zwei größten BVB-Chancen waren Distanzschüsse, die nur schwer zu verteidigen sind. Und zu einer guten Mannschaft gehört - mittlerweile auch in Mönchengladbach - ein möglichst noch besserer Torhüter. Marc-André ter Stegen drehte den Schuss von Schmelzer noch an den Pfosten.

Die Qualität des immer noch 18-Jährigen beschränkt sich nicht nur auf seine Paraden. Seine beidfüßigen Abschläge sind Pässe auf die eigenen Vorderleute, sein Mitspielen - inklusive einem Harakiri-Ausflug gegen Robert Lewandowski, den Tony Jantschke im letzten Moment ausbügelte - ist das eines Extra-Liberos. „Das gibt Zeit zum Atmen”, erklärt Lucien Favre. „Wir können höher stehen und wissen, dass hinter uns einer steht, der einen Fehler noch ausbügeln kann”, ergänzt Abwehrchef Martin Stranzl. Aber auch der Verbund vor ter Stegen ist blitz-renoviert worden. In den letzten sechs Partien kassierte die Mannschaft nie mehr als ein Gegentor.

Zudem wurden vier von fünf Heimspielen unter Favre gewonnen. „Dreier, Dreier, Dreier”, stöhnte der Gladbach-Coach schon in Mainz angesichts des Sieg-Drucks durch die unterirdisch schlechte Hinrunde. Der Schweizer feilt weiter an „Details”, wie er es immer wieder ausdrückt. Doch eines ist bearbeitungsresistent: Es gibt nur noch drei Spieltage. Und Platz 16 liegt durch Wolfsburgs Sieg über Köln weiterhin drei Punkte entfernt.

Wie in einer Vorahnung riss sich 1000-Prozent-Nichtabsteiger Reus dann auch schon einen Tag vor dem Wolfsburger Erfolg die rosarote Brille runter: „Wir brauchen noch drei Siege.” Das ist einer mehr, als ihn Favre hochrechnet. Der Vielleicht-doch-noch-Retter setzt aber neben allen Detailverbesserungen auch noch auf eine besondere Qualität: „Wir können leiden.”

Raul Bobadilla, für den Rest der Saison an den griechischen Erstligisten Aris Saloniki ausgeliehen, erwies sich als Glücksbringer. Der Gladbacher Stürmer, wegen etlicher Undiszipliniertheiten in Griechenland geparkt, war Augenzeuge beim Sieg seines Arbeitgebers und verkündete nach seinem Kabinen-Besuch seine Lust, auch auf die Zweite Liga. Der Argentinier, hochveranlagt aber auch -gefährdet, klärte über seinen speziellen Wandel auf: „Ein neuer Bobadilla bin ich nicht, sondern der gleiche wie immer. Aber ruhiger.”
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