„Wir haben schon fünf nach zwölf!“: Diskussionsrunde mit Schiedsrichtern

Von: Lukas Weinberger
Letzte Aktualisierung:
5398044.jpg
Zeigen der Gewalt die Gelbe und Rote Karte: Benjamin Bläser (von links), Tim Hausen, Heiko Wolter und Peter Oprei. Foto: Wolfgang Birkenstock

Aachen. Nein, als Schiedsrichter hat man es nicht leicht. Das war schon immer so. Dort, wo es um Sieg und Niederlage geht, wo knifflige Entscheidungen getroffen werden, wo Emotionen auch mal hochkochen können – da geht’s auch ab und an mal rauer zu. Doch das, was früher meist kleine Scharmützel waren, die zum Sport gehörten, hat sich in letzter Zeit drastisch und dramatisch ins Negative entwickelt.

Dass vor wenigen Monaten in den Niederlanden ein Linienrichter totgeprügelt wurde, ist die Spitze des Eisbergs. Gewalt im Fußball und gegen Schiedsrichter ist auch auf den Plätzen der Region längst angekommen. Erst vergangene Woche musste ein Unparteiischer in Aachen ein Spiel auf Anraten der Polizei abbrechen, weil zuvor Spieler aufeinander los gegangen waren...

„Und am Ende sitzen wir mit den Leidtragenden da.“ Tim Hausen ist Schiedsrichterobmann des Fußballkreises Aachen. Und er kennt die Problematik gut. Zu gut. Leider. Von seinen Amtskollegen Heiko Wolter (Heinsberg) und Benjamin Bläser (Düren, Stellvertreter) erntet Hausen bei einer Diskussionsrunde im Zeitungsverlag mit den Redakteuren Franz Sistemich und Heribert Förster Zustimmung. Sie wissen, wovon er spricht. „Das Ausmaß ist mittlerweile erschreckend“, ergänzt Peter Oprei, stellvertretender Schiedsrichterobmann im Fußballverband Mittelrhein (FVM).

Fälle von brachialer Gewalt wie sie sich in anderen Teilen Deutschlands zugetragen haben – etwa, dass dem Schiedsrichter Zähne ausgeschlagen wurden oder er von Maskierten in der Kabine attackiert wurde – hat es in den Kreisen Aachen, Düren und Heinsberg glücklicherweise noch nicht gegeben. Doch die Verantwortlichen haben festgestellt, dass die Hemmschwelle deutlich gesunken ist. „Ich glaube, dass die Exzesse nicht häufiger als früher vorkommen, dafür aber wesentlich heftiger ausfallen“, analysiert Tim Hausen. Geredet wird oft nur über diese eklatanten Fälle. „Das bedeutet ja im Umkehrschluss, dass die vermeintlich weniger schlimmen Vergehen wie etwa Beleidigungen schon zur Tagesordnung gehören“, moniert Heiko Wolter. Geschubse, Beleidigungen und mehr scheinen auf dem Platz zur Selbstverständlichkeit verkommen zu sein – auch in Aachen, Düren und Heinsberg.

Die Obleute sind ständig mit ihren Schiedsrichtern im Gespräch – getreu dem Grundsatz: Wo brennt es, wo können wir löschen? Denn: Immer öfter klagen die Schiedsrichter ihr Leid, berichten von Vorfällen auf diesen oder jenen Sportanlagen. Und auch an anderer Stelle werden die Probleme größer: im Internet. Dort, wo jeder ungefragt seine Meinung äußern kann, entsteht schnell ein falsches Bild. „Ich habe schon erlebt, dass Schiedsrichter auf Vereinshomepages völlig ungerechtfertigt in ein schlechtes Licht gerückt wurden, ihnen sogar Spielmanipulationen vorgeworfen wurden“, erinnert sich Heiko Wolter.

Dann geht der Griff zum Telefon, die Nummer des jeweiligen Vereinsvorsitzenden wird gewählt – und deutlich gemacht, dass so etwas im Internet nichts zu suchen habe. „Ich denke, dass alles, was Gewalt im Fußball anbelangt, ein gesellschaftliches Problem ist, das sich auf dem Fußballplatz widerspiegelt“, erklärt Benjamin Bläser. „Es sind ja nur wenige Leute, die aus der Reihe tanzen, aber sie belasten damit den ganzen Sport.“ Er selbst ist als Schiedsrichter in der Regionalliga tätig. Und geht nie mit einem unguten Gefühl aufs Feld. „Die Schiedsrichterei macht mir Spaß“, sagt er. „Wenn ich Angst hätte, würde das meiner Leistung nicht guttun.“

Aber was tun, damit das auch so bleibt – bei allen Schiedsrichtern? Ein Patentrezept gäbe es nicht. Da sind sich Oprei, Hausen, Bläser und Wolter einig. Es brauche viele Mosaiksteinchen, um die Situation entscheidend zu verbessern. Eines dieser Puzzleteile hat sich der Roetgener Peter Oprei, der im Juni als Nachfolger von Hans-Jürgen Baier zum Boss aller Schiedsrichter im Mittelrhein gewählt werden dürfte, ganz groß auf die Fahnen geschrieben: Kommunikation. „Es muss allen Beteiligten deutlich gemacht werden, was es heißt, wenn ein Schiedsrichter oder ein Gespann sich aufmachen, um sonntags ein Spiel zu leiten.“ Niemand könne 90 Minuten so pfeifen, dass er es am Ende allen recht gemacht hat. „Es muss viel mehr miteinander gesprochen werden – zwischen Schiedsrichtern und Spielern, aber auch mit den Funktionären und den Fans“, fordert Oprei.

Und da müssen vor allem die Vereine mit ins Boot geholt werden. „Sie können entgegenwirken, vieles auffangen“, ist Wolter sicher. „Dadurch könnte die Atmosphäre auf dem Platz viel besser werden.“ Und Oprei ergänzt: „Ein Vorstand muss in manchen Fällen auch mal seine Spieler und Trainer maßregeln.“ Ein Schiedsrichter dürfe nicht zum Feindbild verkommen, an dem man Wut und Aggressionen auslassen kann. Dieses Problem will er weiter angehen.

Doch das nächste Problem geht mit der zunehmenden Gewalt fast Hand in Hand: Immer mehr Schiedsrichter hängen ihre Pfeife an den Nagel – klar, da spielt auch die Gewalt, die sich auf den Plätzen eingenistet hat, eine große Rolle. Woche für Woche kann man beobachten, wie Eltern den Schiedsrichter bei Jugendspielen lautstark zusammenfalten, obwohl der ihr eigenes Kind sein könnte. Bei Seniorenspielen ist’s nicht anders. Die Folge ist klar: Warum sollte sich jemand ein Hobby aussuchen, bei dem er beleidigt, bespuckt oder schlimmstenfalls gar geschlagen werden könnte?

Anfang des Jahres haben sich 1059 von insgesamt 2620 Schiedsrichtern im FVM an einer Umfrage beteiligt, zum Beispiel wie glücklich sie denn mit ihrem Hobby seien. 79 Prozent gaben an, zufrieden oder gar sehr zufrieden zu sein. „Das hat mich positiv überrascht und ist eine gute Grundlage“, urteilt Oprei. Tim Hausen sieht das Ergebnis kritischer: „Es stellt sich die Frage, in welcher Klasse die Schiedsrichter pfeifen, die an der Umfrage teilgenommen haben“, urteilt er. Denn vor allem in den unteren Ligen stehen Hausen und seine Kollegen vor einer wenig rosigen Situation.

„Bisher hat sich die Zahl der Schiedsrichter, die aufgehört haben, und die derer, die neu ausgebildet wurden, immer die Waage gehalten“, erörtert Heiko Wolter exemplarisch am Kreis Heinsberg. „Aber nun kippt es in die falsche Richtung.“ Nur mit Ach und Krach können in Heinsberg auch Kreisliga-C-Spiele mit Unparteiischen besetzt werden. In Düren sieht es genauso aus. Jeder Fußballkreis könnte einige Schiedsrichter mehr gebrauchen. Vor allem Aachen. Dort wird nur noch die Hälfte aller Spiele in der bislang noch untersten Klasse von Schiedsrichtern geleitet. „Wir haben 146 Schiedsrichter, die wir – wenn keiner krank oder anderweitig verhindert ist – im Kreis einsetzen können“, erklärt Hausen. „Und wir müssten jedes Wochenende 157 Spiele besetzen.“ Zudem werden Schiris als Assistenten für Verbandsspiele gestellt. Die Rechnung ist so simpel wie erschreckend: „Wir haben fünf nach zwölf!“

Die Uhren müssen zurückgedreht werden. Aber wie? Bei der Werbung von jungen Schiedsrichtern stellen sich mehrere Probleme: die vielen verschiedenen Hobbys der Jugendlichen heutzutage, dass die meisten parallel auch noch selbst gegen den Ball treten. „Man sieht zudem, dass sich immer weniger Leute ehrenamtlich in Vereinen engagieren“, weiß Bläser. „Und da stehen Schiris sogar noch am Ende der Kette.“

Bemüht wird sich längst. Immer wieder gehen die Kreise in die Öffentlichkeit, nun sprechen sie junge Leute gezielt in Schulen an. Und auch die Bemühungen um den Schiedsrichtererhalt sollen weiter intensiviert werden. „Wir müssen uns fragen, wie wir die Leute über Jahre binden“, sagt Oprei. „Da müssen Anreize geschaffen werden.“ Beim Werben und Binden von Schiedsrichtern spielen auch die Vereine wieder eine entscheidende Rolle. „Sie können immens beeinflussen, ob ein Schiedsrichter gerne ein Spiel pfeift“, sagen die Obleute unisono. Das würde schon im Kleinen anfangen. „Wenn der Schiedsrichterraum nicht mehr als eine Rumpelkammer ist, sind das schlechte Voraussetzungen“, erklärt Hausen.

„Mit Respekt und Höflichkeit kommen wir schon einen riesigen Schritt weiter“, sagt Hausen. Und diese Grundsätze sollten in Zukunft einfach mehr beherzigt werden. Denn, und da sind sich alle einig: „Ohne Schiedsrichter gibt’s schließlich keinen Fußball.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert