Wenn die Zentrale zum stillen Örtchen wird

Von: Bernd Schneiders
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Obenauf: BVB-Juwel Mario Götze im horizontalen Duell mit Gladbachs Abwehrspieler Tobias Levels. Foto: imago/Chai v.d. Laage

Dortmund. Nimmt man Michael Frontzeck ernst, kommt zu Mönchengladbachs Verletzungsmisere auch noch der gefährliche Hang zur Selbstverstümmelung dazu. Nach dem 1:4 bei Borussia Dortmund, das die Gegentreffer-Quote auf schwindelerregende 40 Tore schraubte, veranschaulichte Mönchengladbachs Trainer den nicht enden wollenden Masochismus seiner Mannschaft.

Erneut hatte sein Team geführt - und erneut verloren: „Wir schießen uns immer selbst ins Knie. Das ist, was besonders weh tut.”

Nun ist Frontzeck nicht gerade als wehleidig bekannt. Und das Klagen wäre wohl nicht so intensiv gewesen, hatte doch der Tabellenletzte beim Tabellenersten „nur” normal (hoch) verloren. Aber wie so oft baute sich die niederrheinische Borussia einiges auf, um es dann wieder mal mit dem eigenen Hintern umzustoßen. Eine überraschende und glückliche Führung durch eine prima Einzelaktion von Marco Reus reichte nur bis zur 45. Minute. Dann köpfte Neven Subotic einen Eckball von Mario Götze zum Ausgleich ein, aber vor allem zwei der noch folgenden Gegentore bereiteten Frontzeck Knieschmerzen.

Zwei Steilpässe, einer von Götze, der andere vom eingewechselten Antonio da Silva, entblößten nicht nur Mönchengladbachs Abwehr, sondern auch das gesamte Dilemma des Tabellenletzten. „Das ist nach hinten raus zu einfach”, kritisierte Frontzeck die Entstehung des 2:1 von Shinjii Kagawa (52.) und des 4:1 von Lucas Barrios (88.). Das 3:1 des eingewechselten Kevin Großkreutz (77.) leitete Barrios mit einem genialen und nur schwer zu verteidigenden Hackentrick ein.

Wieder zu einfache Gegentore

Zwei einfache Gegentreffer, da war doch was ... Richtig! Schon eine Woche zuvor hatten zwei simple Flanken Gladbach gegen Mainz das Genick gebrochen. Damals das Innenverteidiger-Gespann Daems/Anderson inklusive Linksverteidiger Sebastian Schachten im Blickpunkt, diesmal Callsen-Bracker/Anderson - Schachten blieb schuldfrei, da er auf der Bank bleiben durfte. Auf seine Position war Filip Daems gerückt. Viel Material also, um mächtig aufs Zentrum draufzukloppen.

Doch Tobias Levels sah in seinen Nebenmännern keine „Bekloppten”: „Es ist auch nicht so, dass es heute an der Innenverteidigung gelegen hat. Die Bälle werden komplett blank aus dem Mittelfeld gespielt”, urteilte der Rechtsverteidiger. „Versuch´ das mal zu verteidigen gegen Stürmer, die eine gewisse Schnelligkeit haben oder gegen so einen Kagawa! Das ist gar nicht so einfach. Das ist ein Problem im Verbund, zu viele Räume, die weggegeben werden.”

Willkommen im Mittelfeld, dem netten Örtchen, wo Spiele angeblich entschieden werden. Bei der Frontzeck-Elf wird dies hinten heraus immer mehr zum „stillen Örtchen”. Die Doppel-Sechs lässt im Laufe von 90 Minuten immer mehr nach. Michael Bradley wird ein Opfer seiner aggressiv-aufwendigen Spielweise, die dann noch übrig bleibende zweite Hälfte des Kernstücks, Thorben Marx, hat eh mehr mit sich als mit den Gegenspielern zu tun.

Gladbach ist eine Episoden-Mannschaft. Wie gefordert geschlossen vermag sie über etwa eine Halbzeit die Ordnung und Konzentration zu halten. Doch dann bröckelt der Verbund, es werden Räume angeboten, und Daems & Co. werden zu „Lückenbüßern”, weil etwa die Dortmunder diese gierig annehmen. Und nach diesen Rückständen, durch die Verletzungsmisere gefördert, fehlt nicht nur die Geschlossenheit. Es fehlt auch Qualität. Es ist keiner da, der klaren Kopf bewahrt und mit strategischem Können seine Kollegen wieder anleitet. So verpuffte nicht nur die Einwechslung von Raul Bobadilla und Karin Matmour. Anschließend ging die Rest-Struktur und das Vertrauen in die eigene Stärke komplett verloren. Auch, weil Igor de Camargo und Patrick Herrmann mehr Abwehrarbeit verrichten als ihre Nachfolger.

„Wir verlieren die Fassung”, beschreibt Frontzeck diese gefährliche Reaktion auf „Knieschüsse”. Den strategischen Feind der „Fassungslosigkeit”, einen nerven- und übersichtsstarken Sechser, besitzt Borussia nicht.
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