Mönchengladbach - „Reus ist nicht eins zu eins zu ersetzen”

„Reus ist nicht eins zu eins zu ersetzen”

Von: Bernd Schneiders
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Der Blick geht nach oben: Boru
Der Blick geht nach oben: Borussia Mönchengladbachs Sportdirektor Max Eberl will seinen Klub in der Top 8 der Bundesliga etablieren. Foto: imago/Norbert Schmidt

Mönchengladbach. Die doppelte Staatsbürgerschaft gibt es. Eine doppelte Vaterschaft ist nur schwer vorstellbar. Und doch existiert sie - bei Borussia Mönchengladbach. Trainer Lucien Favre steht für die sportliche Rettung und den Aufschwung des Traditionsklubs.

Doch der hängt auch mit dem Mann zusammen, der im Hintergrund die Fäden zieht und für Strukturen und Transfers verantwortlich ist: Sportdirektor Max Eberl. Durch die Spürnase des Managers für herausragende Talente erzielt der Tabellenvierte am Ende der Saison die höchste Transfereinnahme seiner Geschichte: 17,1 Millionen Euro bezahlt Borussia Dortmund für den Speed-Stürmer. Vor dem Auftritt am Samstag beim Deutschen Meister und neuen Reus-Arbeitgeber erläutert Eberl, wie er den Verlust des Ausnahme-Spielers kompensieren und die Doppelbelastung im internationalen Wettbewerb bewältigen will.

Wieviele neue Spieler gibt es eigentlich für die nächste Saison? Mittlerweile dürften es 50 oder 60 sein, die vermeldet wurden.

Eberl: Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen. Wir werden wegen der Einnahme durch den Verkauf von Marco Reus mit allen Transfers in Verbindung gebracht, bei denen eine hohe Ablösesumme vermutet oder erhofft wird.

Aber Sie haben Geld, und Sie müssen was machen.

Eberl: Aber bei den Transfers spielt die Machbarkeit eine Rolle. Unsere Philosophie ist es, Reus und Roman Neustädter zu ersetzen. Das ist aber bei Reus nicht eins zu eins machbar. So ein Spieler würde 25 Millionen kosten. Wir werden das auf mehrere Schultern verteilen, damit auch das Risiko minimieren.

Sie müssen aber doch durch die anstehende Doppelbelastung in der Bundesliga und Champions oder Europa League auch einen größeren Kader haben, oder nicht?

Eberl: Nein, wir werden auf keinen Fall mit 30 Spielern arbeiten. Geplant ist ein 25er oder 26er Kader. Wir wollen in der Spitze mehr Qualität haben. Zudem leben wir nicht im Steuerparadies Monaco. Wir halten uns an die deutschen Gesetze. Und viele Spieler, die mit uns in Verbindung gebracht werden, haben unglaubliche Gehaltsvorstellungen. Das muss bezahlbar bleiben, auch nächstes Jahr, wenn wir eventuell nicht im Europapokal vertreten sind.

Der Abgang, der wirklich schmerzt, ist der von Marco Reus. Was heißt denn genau, Sie wollen oder können ihn nicht 1:1 ersetzen?

Eberl: Wir müssen zwei, drei Alternativen finden, die variabel auf den Offensivpositionen spielen können.

Damit würden Sie auch die bisherige Abhängigkeit von einem Spieler überwinden...

Eberl: Ja, das wäre ein weiterer Schritt. Bisher ist es so, wenn Reus ausfällt, haben wir ein großes Problem. Ich wurde auch oft gefragt, warum wir nicht in der Winterpause noch mal richtig zugeschlagen haben. Aber man kann doch nicht während der Saison plötzlich auf die Champions League setzen. Gute Spieler sind teuer. Ich kann für 20 Millionen einen Spieler holen. Das ist kein Problem. Aber das ist nur ein Spieler.

Wäre es denn ein Problem, wenn Borussia sich in der neuen Saison nicht erneut für einen internationalen Wettbewerb qualifiziert und im Mittelfeld landet?

Eberl: Nein, überhaupt nicht. Wir streben eine schrittweise Entwicklung an. Wir wollen uns nachhaltig etablieren, uns an die Top 8 heranarbeiten.

Ist das dann schwer zu vermitteln nach dem sensationellen Verlauf dieser Spielzeit?

Eberl: Wir können es nicht als Selbstverständlichkeit nehmen, auf Platz 5 oder ähnliches zu kommen. Man darf die Vergangenheit nicht vergessen. Und nach wie vor läuft es auch sportlich entsprechend der Budget-Tabelle der Liga. Lediglich der Hamburger SV und Borussia Mönchengladbach sind die zwei Überraschungen diese Saison. Der HSV nach unten, wir nach oben. Wir machen es Schritt für Schritt, aus eigener Kraft. Unser ursprüngliches Ziel war 40 Punkte plus x, für die kommende Saison ist es ein einstelliger Tabellenplatz. Das wäre ein Erfolg, ein weiterer Erfolg. Wie bei Hannover, die sich womöglich noch für die Europa League qualifizieren, weil Platz sieben dafür reicht.

Sie haben bisher viele junge Spieler entdeckt und geholt. Müssen Sie für die neuen Anforderungen diesen Weg verlassen? Wieder mehr ältere Spieler holen?

Eberl: Wir werfen unsere Philosophie nicht über den Haufen. Wir setzen nicht alles auf Champions-League-Niveau. Auch ein Roman Neustädter hat anderthalb Jahre keine Rolle gespielt und dann erst den Durchbruch geschafft. Wir haben mit Arango, Stranzl, Hanke, de Camargo und Wendt erfahrene Profis geholt. Die Korsettstangen sind da. Und selbst Borussia Dortmund mit ihrer Spitzenmannschaft hat die Qualität auch nicht gehabt, sich in der Champions League durchzusetzen. Bayern hat dafür 20 Jahre gebraucht. Man hat am BVB schön gesehen, wie schwierig es ist, diese Doppelbelastung zu verkraften. Die Bundesliga ist unsere Heimat, unsere Basis.

Wenn die jüngste Erfolgsgeschichte von Borussia beschrieben wird, wird immer nur der Trainer genannt. Muss man als Sportdirektor nicht auch mal darauf hinweisen, dass es noch andere gibt, die mehr im Hintergrund arbeiten, aber auch an der Entwicklung beteiligt waren?

Eberl: Nein, es ist doch logisch, dass in der Öffentlichkeit vor allem der Trainer im Fokus steht, und das auch vollkommen zu Recht, denn er trägt die größte Verantwortung. Aber viele Leute, die sich mit uns und dem Fußball beschäftigen, wissen, dass Fußball nur mit einem Team funktioniert: auf dem Platz und auch daneben. Ohne den Busfahrer etwa würden wir nirgendwo ankommen, der beste Trainer nutzt nichts, wenn er nicht die entsprechenden Spieler hat, wenn er nicht seine Co-Trainer hat, seinen Video-Analysten. Man sucht natürlich immer nach einem Helden, aber das Team ist wichtig. Lucien Favre macht eine überragende Arbeit. Aber erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist ja auch, dass es nach seinem Amtsantritt keine neuen Mitarbeiter in seinem Stab gab. Das heißt ja nur, dass er mit den Personen und Strukturen gut arbeiten kann.

Die gleiche Mannschaft, die in der letzten Saison zur Winterpause fast als Absteiger feststand, spielt nun um einen Champions-League-Platz: So wird das Gladbacher Märchen oft erzählt.

Eberl: Der Vergleich hinkt. Wir haben in der damaligen Winterpause mit Hanke, Nordtveit und Stranzl drei Neue geholt, und dazu sind auch noch die zurückgekommen, die vorher verletzt waren. Und diese Mannschaft hat dann 26 Punkte in der Rückrunde geholt.

Ist Ihre Transfer-Aufgabe deshalb schwierig, weil Lucien Favre so hohe Ansprüche besitzt?

Eberl: Nein, unser Trainer ist ein Pfund, mit dem wir wuchern können. Viele Spieler wollen zu uns kommen, weil sie wissen, Lucien Favre macht sie besser. Schwierig ist, dass wir bei den Spielern, die wir haben wollen, plötzlich in Konkurrenz stehen mit Klubs wie Dortmund, Bayern und Schalke.
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