Mönchengladbach - Nur für Arango ist es kein „Krampfspiel”

Nur für Arango ist es kein „Krampfspiel”

Von: Bernd Schneiders
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Belastendes Tor: Juan Arango w
Belastendes Tor: Juan Arango wird nach seinem 1:0 von Igor de Camargo (oben) und Marco Reus schier erdrückt. Foto: imago/Moritz Müller

Mönchengladbach. „Es war ein Krampfspiel”, urteilte Marco Reus. Mönchengladbachs Offensivkünstler ist während einer Fußballpartie um Klassen besser als bei der anschließenden Analyse. Doch nach dem 1:0-Sieg seiner Mönchengladbacher Borussia über Kaiserslautern traf er - ungewollt - verbal so perfekt, wie zuvor sein Teamkollege Juan Arango den Ball zum einzigen Tor des so schwül-warmen Nachmittags im Borussia-Park.

Was der 22-Jährige, der trotz Trainingspause 85 Minuten durchhielt, meinte, erfüllte Innenverteidiger Roel Brouwers - überraschend anstatt Martin Stranzl in der Startelf - mit Leben. „Wir haben nicht gezeigt, was wir drauf haben.”

Besonders nach der guten, aber nur rund 15-minütigen Anfangsphase in der ersten Hälfte quälte seine Mannschaft die 52.083 Zuschauer und vor allem Trainer Lucien Favre mit einer Vorstellung, die einfach nur schlecht war. Da musste man nicht groß über einen schwierigen Gegner, über wenig Platz oder taktische Problematiken reden - die Favre-Elf spielte einfach nur schlecht. Spiel gegen den Ball hin, vertikales Spiel her: Wenn der Ball nicht zum Mitspieler gebracht wird, ist es in der Regel schwierig bis unmöglich, ein Spiel zu gewinnen. Um das zu verstehen, muss man kein Fußball-Professor sein.

Ethnologe Dante

Auch das drückende Wetter lieferte für diese Phase kein Alibi: Nach zehn Minuten können hohe Temperaturen und Luftfeuchtigkeit austrainierten Fußball-Profis nicht in die Beine, Köpfe und Lungen fahren. Nach der Halbzeit war das anders. Dort wurde die Partie auch medizinisch zum Krampfspiel. Mit ethnologisch erstaunlichen Erkenntnissen. Ausgerechnet Dante, Gladbachs Abwehrchef, wurde von Krämpfen geplagt.

Ein wetterfühliger Brasilianer? „Ich habe mich zu sehr adaptiert”, grinste der ehemalige Lockenkopf. Die übertriebene Anpassung an die hier heimischen Niedertemperatur-Fußballer macht auch nicht vor den weiteren Mitgliedern der Mönchengladbacher Südamerika-Fraktion halt. Der eingewechselte Raul Bobadilla (Argentinien) verschluderte eine so genannte Hundertprozentige, als er alleine vor Lauterns Torhüter Kevin Trapp sich in einem Außenrist-Kunstschuss versuchte, statt den Ball schlicht mit der Innenseite ins Tor zu befördern (73.).

Igor de Camargo, der wieder genesene brasilianische Stürmer, spielte über 93 Minuten eher überhitzt als effektiv. Nur einer blieb cool: Juan Arango. Dabei kommt ihm sein Naturell zugute. „Er ist keiner, der im Spiel zwölf Kilometer läuft”, doziert Gladbachs Chef-Ethnologe Dante. „Aber er kann immer das entscheidende Tor machen.” Wie in der 58. Minute, als er die einzige präzise Flanke von Tony Jantschke am langen Pfosten ebenso gekonnt wie trocken volley ins kurze Eck donnerte.

Arango ist das Salz in Borussias Suppe. Fußballerisch und technisch sicher einer der Besten in der Liga, taugt er für die so inflationär gepredigte Arbeit gegen Ball nur bedingt. Um mit Dante zu sprechen, der Venezolaner hat es adaptiert, aber nicht vollständig und erst recht nicht bedingungslos. „Wenn bei ihm die Motivation da ist...”, schmunzelt Dante. „Ich versuche ihm dabei zu helfen, aber nicht alle adaptieren so schnell.”

Auch Favre schätzt die hohe aber fragile Kunst Arangos. Und gönnte ihm deshalb in der Länderspielpause eine einwöchige Auszeit auf Mallorca. Auftanken, nach der kraftraubenden Copa America, die für den Venezolaner keine Sommerpause zuließ. Der Anpassung aber sind individuelle Grenzen gesetzt.

Nach zwei Fernseh-Interviews war Arangos Geduld erschöpft. Vor den Kameras hatte er auf Spanisch gerade den Unterschied zum fußballerischen Dasein unter Favres Vorgänger auf den Punkt gebracht: „Der Unterschied ist, dass Frontzecks System nicht funktioniert hat, so einfach ist das.”

Jetzt aber noch ein Gespräch mit Exemplaren der schreibenden Zunft? Arango winkte entnervt ab: Interview-Marathons sind wie 12-Kilometer-Spiele - nichts für den Fußballkünstler. Ein 90-minütiger Langlauf war auch für Thorben Marx gegen Lautern noch zu viel. Der Nicht-Südamerikaner war überraschend für Harvard Nordtveit aufgelaufen, musste nach 74 Minuten aber passen - mit Krämpfen. Sein Hirn versagte aber anders als seine Muskeln nicht: Der Trainer habe „es nicht verkehrt gemacht, mich aufzustellen”.

Aber auch nicht, Mike Hanke runterzuholen. „Ich zähle immer meine Fehlpässe, auch im Training. Normalerweise sind es drei bis vier im Spiel. Heute habe ich bei fünf aufgehört zu zählen.” Lucien Favre nicht: Er nahm den indisponierten Blondschopf aus dem Spiel (60.).

Nachfolger Bobadilla besitzt nicht Hankes mathematische und selbstkritische Qualitäten. Seine vergebene Chance war „einmalig” und hundertprozentig. Und ein Anlass für Favre, pädagogische Qualitäten zu zeigen. „Er hat sie sich auch selbst erarbeitet.”
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