Mönchengladbach: zwischen Kinderkram und Systemproblem

Von: Bernd Schneiders
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Verstecken nützt nichts: Torh
Verstecken nützt nichts: Torhüter Marc-André ter Stegen nach der erneuten Klatsche.

Mönchengladbach. Viel fehlt nicht mehr, und der Boulevard wird Borussia Mönchengladbach den Klatschen-Klub taufen. 0:5 in Dortmund, nun in der Europa League zuhause gegen Fenerbahce ein 2:4, und bei den Unentschieden gegen den HSV und in Leverkusen müssen sich Stranzl & Co. bei den Gegnern bedanken, dass diese ihre Chancen so durchgängig verschludert haben.

Eine Frage, die das ganze Unverständnis der Beobachter und Fans über den Verlust der ehemaligen Defensivstärke ausdrückt: Es fehlen doch nur drei Spieler...

Halbes Dutzend fehlte

Ein Rechenfehler. Vorgestern fehlten nicht nur Reus, Dante und Neustädter: Patrick Herrmann, Tony Jantschke und Mike Hanke waren ebenfalls aus unterschiedlichsten Gründen nicht dabei. Auch diese drei fehlten - ihre Hochform der letzten Spielzeit vorausgesetzt, die sie aber bisher auch nur ansatzweise gezeigt haben. Also ein „gutes” Dutzend, und dafür setzte Lucien Favre gegen einen abgezockten und international erfahrenen Gegner wie den türkischen Vize-Meister auf Spieler wie Alexander Ring, Granit Xhaka und Tolga Cigerci. Alle drei ohne Bundesliga- und abgesehen von „Superstar” Xhaka erst recht ohne internationale Erfahrung.

Die zwei ersten Gegentore sind genau diesem Umstand geschuldet: Wie bei der 1:3-Heimniederlage gegen Dynamo Kiew offenbarten sie eine unglaubliche Naivität auf Seiten der Gladbacher, beim 1:1 in Person von Ring, der völlig unnötig einen Freistoß in der verbotenen Zone provozierte, beim 1:2 durch Ring und Xhaka, die lieber Räume deckten als den freistehenden Raul Meireles. Kinderkram, oder „Details” wie Gladbachs Trainer zu sagen pflegt, der eigentlich leicht abzustellen ist.

So weit, so gut. Den Begriff der „Junioren-Mannschaft” hatte Favre selbst nach dem 0:5 in Dortmund in die Debatte geworfen. Und ungewollt ein Problem benannt. Ring, Cigerci und auch Xhaka besitzen jeder für sich Qualitäten, könnten in eine gut funktionierende Mannschaft integriert und dort weiterentwickelt werden - die Gladbach derzeit aber nicht mehr ist. Alle drei auf dieser Ebene gemeinsam aufzubieten, grenzt an Harakiri.

Viel schwieriger aber abzustellen ist ein anderes Pro-blem. Da kann Lucien Favre noch so sehr auf positive Dinge hinweisen - „Wir haben zum Teil sehr gut gespielt und kombiniert” -, Borussia anno 2012/2013 hat ein grundlegendes Problem. Das, was sie spielen müsste, kann sie nicht. Auch in der Phase, als Luuk de Jong die Führung erzielte, befand sich die Abteilung Attacke überwiegend in hoffnungsloser Unterzahl.

Wenn Favre nun das zu langsame Umschalten Richtung Abwehrarbeit anspricht, verkennt oder verschweigt er ein viel größeres Problem: die fehlende Kompaktheit, wenn es das Spiel oder der Spielstand erfordert, Druck aufzubauen. Die Abwehrspieler rücken nicht entschlossen genug auf, die Wege werden zu lang, die Lücken zu groß. In die stoßen dann die Gegner wie etwa Fenerbahce dankbar bei Gladbachs unstrukturiertem Versuch, die drohende Niederlage abzuwenden. Sportdirektor Max Eberl sagt, „wir glauben im Moment nicht hundertprozentig an das, was wir spielen können.”

Was aber können sie spielen? Nicht mehr das ehemalige Konterspiel, nicht das notwendige Offensiv- und Dominanzspiel. Heraus kommt ein untaugliches Gemisch von beiden, das auch Eintracht Frankfurt in die Hände spielen könnte. Der noch ungeschlagene Aufsteiger hat am Sonntag beste Voraussetzungen, diese Serie weiter auszubauen. Erneut bleibt Favre wenig bis keine Zeit, seinen Profis Überlebensnotwendiges einzutrichtern, durch die englischen Wochen kann der anerkannte Spieler-Entwickler seine Trainingsstärken kaum entfalten.

Dabei wäre neben der grundlegenden neuen Spielart auch noch eine weiter Lektion ein Muss: Eine Mannschaft ohne Selbstvertrauen kann kein Tiki-Taka spielen. Die Fehlerquellen sind viel zu hoch. Aber rustikal-aggressiv und mit langen Bällen Druck aufzubauen und Gegner wie Fenerbahce das Spielen zu verleiden und zu Fehlern zu zwingen, kann Gladbach auch nicht. Obwohl auch mit diesem wenig anspruchsvollen Spiel bzw. Kampf so manche limitierte Mannschaft einem großen Gegner schon das Fürchten gelehrt hat.

Junioren-Auswahl begrenzen

Wahrscheinlich kann das Flachpass-Liebhaber Lucien Favre auch gar nicht unterrichten, weil es in seinem Barca-Kosmos gar nicht als Fluchtweg in besonderen Situationen vorkommt. Es steht zu fürchten, dass er weiter an der Renaissance des alten Systems bastelt. Immerhin aber könnte er personell Einsicht zeigen und die Junioren-Auswahl stark eingrenzen.

Und zu den schnell umzusetzenden Maßnahmen sollte auch gehören, Granit Xhaka endlich auf der Sechser-Position sich fest- und einspielen zu lassen. Und das kann auch neben einem ebenso routinierten wie limitierten Thorben Marx passieren, der sich in dem Fall auf die reine Absicherung konzentrieren müsste. Der 31-Jährige war eine der wenigen positiven Erscheinungen des Donnerstagabends - was alles sagt über den momentanen Zustand des Tabellenvierten der letzten Saison.

Voraussichtliche Aufstellung: ter Stegen - Nordtveit, Stranzl, Dominguez, Daems - Marx, Xhaka - Hermann, Arango - de Jong, Hanke
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