Märchenstunde in Mönchengladbach

Von: Bernd Schneiders
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Freudlose Begegnung: Arango un
Freudlose Begegnung: Arango und Borussen-Maskottchen Jünter. Foto: imago/Team 2

Mönchengladbach. Fußball hat mitunter was Märchenhaftes. Da kann es nicht verwundern, wenn Fußball-Profis auch eine gewisse Neigung zu Märchen entwickeln, besonders wenn sie nützlich erscheinen. Seit etlichen Spieltagen erzählen die Mönchengladbacher Borussen folgende Geschichte.

Mittlerweile hätten sich die bösen Gegner auf ihre lange Zeit so attraktive wie erfolgreiche Spielweise eingestellt. Zu Lasten eines Happyends. Und da Märchen die Neigung haben, sich lange zu halten und ihr Erfolg auch vom wiederholten Vortrag abhängt, spulte Martin Stranzl auch nach dem 0:0 gegen Hertha BSC den Erklärungs- und Entlastungsversuch erneut ab. „Die Mannschaften haben sich auf uns eingestellt. Und wir haben das Rezept noch nicht gefunden, um Torchancen zu kreieren. Das ist dann der nächste Schritt.”

Das war die verklärende Umschreibung einer völlig orthodoxen Hertha-Spielweise: Die Berliner machten nichts anderes als aus einer extrem defensiven Grundhaltung auf Konter zu setzen. Der erste Teil funktionierte gut, der zweite gar nicht.

Ein Verdienst der nach wie vor ausgezeichneten Defensiv-Qualität der Gladbacher, bei denen auch Abwehrchef Dante seine mentale Verwirrung durch seinen Wechsel zu den Bayern verkraftet zu haben scheint. Wenn die solide Defensivtaktik eines Tabellenvorletzten, die für eine Auswärtsmannschaft nun weder originell noch sensationell ist, also ausreicht, die Offensivkünste des Tabellenvierten auf eine klare Torchance (Igor de Camargo/37.) zu reduzieren, kann es nur an Defiziten der Heimmannschaft liegen.

Aber darf man eine Mannschaft kritisieren, die laut Retter Lucien Favre schon tot war und seit der gelungenen Reanimation im Frühjahr des vergangenen Jahres, also fast ein Jahr, ohne Durchhänger auf enorm hohem Niveau gespielt hat? Ja, man darf! Denn die Probleme liegen nicht nur im „normalen” Absacken der Konzentration. Und auch der Hinweis von Stranzl und Mike Hanke, wir sind keine Weltklasse- oder ein Top-Mannschaft, taugt nicht zu 100 Prozent zum kollektiven Sünden-Erlass.

Starre Doppel-Sechs

„Wir haben viel probiert”, behauptet etwa Lucien Favre. Doch das kann sich nicht auf eine Umstrukturierung der Doppel-Sechs beziehen. Sowohl Harvard Nordtveit als auch Roman Neustädter definieren ihre Aufgabe überwiegend defensiv. Fatal gegen einen extrem defensiven Gegner. Speziell Neustädter hätte im Laufe des Spiels den Schalter auf Offensive umlegen müssen. 70 Prozent Ballbesitz belegen nur eine Schein-Überlegenheit, wenn Tiefgang und Risikofreudigkeit umgekehrt proportional daherkommen. Die Favre-Schüler lullen sich mitunter mit ihren Ballstafetten selbst ein, anstatt sie als Vorbereitung auf den buchstäblich rechtzeitigen Vorstoß zu nutzen. Die Brechstange ist im anspruchsvollen System der Borussia auch nicht mehr vorgesehen. Ein Heilmittel bei (zu) tief gestaffeltem Gegner wie etwa Eckbälle scheint nicht zum Repertoire der Gladbacher zu gehören. Die Ausführung der einzigen (!) Ecke gegen Hertha wurde erneut so harmlos abgespult, als wenn man diesen Standard nie üben würde.

Natürlich können solche Spiele auch 0:1 ausgehen. „Die totale Offensive wäre ein Waterloo für uns geworden bei den schnellen Hertha-Spielern”, befand etwa Sportdirektor Max Eberl. Nur eine echte Torchance (durch Christian Lell/56.) zugelassen zu haben, galt den Borussen als Rechtfertigung für ihre Vorsicht. Nett aber wäre es auch mal zu sehen, dass es eine echte Drangphase gibt, auch wenn diese nicht zwanghaft zu einer Unzahl an Chancen führen muss. Den - defensiven - Gegner aber zu Fehlern zu zwingen, gehört - noch - nicht zum Repertoire der Favre-Elf. Dazu gehört natürlich auch (Lauf-)Kraft, die derzeit ein Patrick Herrmann oder Arango nicht besitzen. Wenn dann noch Heilsbringer Marco Reus extrem früh durch ein Foul von Lell aus dem offensiven Verkehr (20.) gezogen wird, Tony Jantschke, der in Bremen mit einer Gesäßmuskelzerrung ausfällt, seine Geburtstagstorte (22) mit Fehlpässen statt Kerzen zu garnieren versucht und Schiedsrichter Deniz Aytekin sein übliches Unwesen treibt, kann man ein 0:0 zu schätzen beginnen. Wie Mike Hanke: „Ich sehe noch nicht den Untergang Borussias.”

Raffael ist für Favre „überhaupt kein Thema”

Mit einer mittleren Überraschung wartete Gladbachs Trainer Lucien Favre nach dem 0:0 gegen Hertha auf. „Nein, Raffael ist überhaupt kein Thema.” Berlins brasilianischer Edeltechniker war neben rund 999 anderen Kandidaten als möglicher Zugang für die neue Saison gehandelt worden.

Voraussichtlich Aufstellung: ter Stegen - Stranzl, Brouwers, Dante, Daems - Nordtveit, Neustädter - Herrmann, Arango - Reus (de Camargo), Hanke
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