Mönchengladbach - Jörg Stiel und das Abenteuer Sprachrohr

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Jörg Stiel und das Abenteuer Sprachrohr

Von: Bernd Schneiders
Letzte Aktualisierung:
Stiel
Jörg Stiel kommt zurück zu Borussia Mönchengladbach. Foto: Olaf Kozany

Mönchengladbach. Jörg Stiel ist ein Abenteurer. Welcher anderer Fußballspieler lässt sich schon als Profi auf ein Engagement in Mexiko ein. Der inzwischen 41-Jährige ist auch ein Mensch, der an Sinnhaftigkeit, Kreisläufe glaubt. Beides Zutaten, die ihn nach fünf Jahren wieder zurück zur Borussia gezogen haben.

„Max Eberl und Steffen Korell haben alle Mühe gehabt, einen Job zu finden, der für mich passt”, scherzt der Schweizer. Das hört sich flapsig an, so wie der unkonventionelle Ex-Profi gerne daherkommt. Doch auch in seinen Sprüchen liegt Wahrheit.

Stiel hat in seiner Karriere und seinem Leben einiges erlebt. Bewahrt hat er sich immer die Neugier auf Besonderes, Neues, Herausforderungen. Uwe Kamps aber musste nie um seinen Job als Torwarttrainer bangen. Eher wäre der positiv verrückte Schweizer auf ein Angebot angesprungen, den verletzten Stammkeeper Logan Bailly für die ersten Saisonspiele zu ersetzen. Aber für ihn gilt nach wie vor das Glaubensbekenntnis, das er am Karriereende formulierte: „Nicht mehr zurück auf den Rasen.”

Wohl aber in die Kabine. Dort soll Stiel laut eigener Aussage, „Sprachrohr für Michael Frontzeck sein”. Für Besprechungen vor, während und nach dem Spiel im Dienste von Juan Arango und Raul Bobadilla. Neben Schwyzerdütsch spricht der Ex-Torhüter Deutsch, Englisch, Französisch und eben Spanisch. Und Letzteres soll das „Projekt Integration” (Max Eberl) fördern und zwar so, dass Aussagen des Trainers nicht verwässert oder getunt werden.

„Die Spieler müssen nicht Goethe und Schiller zitieren können”, schränkt Michael Frontzeck das Primär-Vokabular ein. Viel-Leser Stiel hätte kein Problem damit. Aber er weiß, worauf es ankommt im Mannschaftssport Fußball. Max Eberl formuliert die Aufgabe so: „Wenn der Trainer sagt, Du hast Scheiße gespielt, soll er auch sagen, Du hast Scheiße gespielt und nicht: Du, der Trainer war nicht sehr zufrieden mit Dir.”

Gladbach hat schon schlechte Erfahrungen gemacht mit Dolmetschern, die weniger der Wahrheit als ihrem oder dem Interesse des Spielers verhaftet waren. Doch Jörg Stiel ist nicht nur einstiger Publikumsliebling und Kulttorhüter, er besitzt auch die Qualitäten, die der Sportdirektor ausgeschrieben hat: „Loyalität gegenüber dem Klub und hundertprozentige Vertrauenswürdigkeit.”

Den Übersetzungsjob hätte auch Tobias Levels übernehmen können. „Aber es ist nicht gut, wenn ein Spieler das übernimmt.” Zumal der Drei-Tage-Mann, der für Freitags bis Sonntags engagiert wurde, eben kein Dolmetscher sein soll. Sein Job ist umfassender, gehört mit zum All-inclusive-Angebot, was Borussia den Neulingen bieten will. „Die Europäer sind anpassungsfähiger”, erklärt der reiselustige Stiel, „die Südamerikaner müssen sich wohl, müssen sich aufgenommen fühlen.” Und speziell beim Jüngling Bobadilla geht es nicht nur um sprachliche Unterstützung.

„Er ist erst 21, Er wird Druck erfahren, er wird schnell gemessen werden.” Mentale Unterstützung ist angesagt. „Es kann nicht sein, dass man einen Spieler holt und meint, der muss jetzt gleich funktionieren.” Auch nicht, wenn er etliche Millionen gekostet hat. „Es steckt doch ein Mensch dahinter.” Fremd in einem fremden Land, Jörg Stiel kennt die Situation aus seinem Mexiko-Aufenthalt. Und den kontaktfreudigen Schweizer reizte gerade auch, dass „Borussia da so etwas wie eine Vorreiterrolle übernimmt”.

Der humanistische Gedanke trieb Max Eberl nicht so sehr, in zahlreichen Gesprächen den ehemaligen Team-Kollegen zu diesem Job zu locken. Es geht um sportliche Profit-Maximierung: „Wie bringe ich den Spieler dazu, möglichst schnell seine Leistung zu erbringen”, erklärt der Manager äußerst nüchtern. „Beschleuniger” Stiel hat obendrein auch noch einen ganz persönlichen Ansatz, dem Werben des ehemaligen Kollegen nachzugeben. Die Gewissheit, „nicht mit Vollidioten zusammenarbeiten zu müssen”.
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