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Interview: Eberl über die spektakuläre Achterbahnfahrt im Jahr 2011

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Mönchengladbach. Mit 38 Jahren ist man noch einer der Jüngeren unter den Sportdirektoren der Bundesliga. Doch in den zwei letzten Spielzeiten hat Max Eberl mehr erlebt als mancher Fußball-Manager in zehn Jahren.

Borussia Mönchengladbachs Berg- und Talfahrt, die eigentlich eine Tal- und Bergfahrt war bzw. ist, brachte den gelernten Ski-Lehrer in Erklärungszwänge. Erst der Kampf gegen die kollektive Depression, jetzt ist Eberl damit beschäftigt, die Euphorie zu dämpfen. Mit dem gebürtigen Münchner sprachen unsere Redakteure Heribert Förster und Bernd Schneiders.

Wie oft mussten Sie sich in den letzten Wochen zwicken, um sich zu vergegenwärtigen, dass alles nicht nur ein Traum ist?

Eberl: So, wie wir zuvor nicht am Boden zerstört waren, werden wir jetzt auch nicht durchdrehen. Ich versuche, das alles nicht so sehr an mich ranzulassen. Wir haben die ganze Bandbreite erlebt: Abstieg, der versuchte Umsturz, jetzt plötzlich die Träume vom internationalen Geschäft und vom Pokalsieg. Das reicht für ein Buch.

Wenn man Fotos vergleicht vom Jahresbeginn und jetzt, sieht man den Unterschied auch in Ihrer Gemütslage.

Eberl: Es werden doch nur Fotos abgedruckt, die das darstellen, was man sehen möchte. Ich habe auch in der schweren Zeit noch gelacht, und auch heute ärgere ich mich noch. Aber damals ging es eben darum, etwa zu suggerieren: Eberl, du Versager!

Ist dieser momentane Höhenflug gesund oder eine überhitzte Phase?

Eberl: Es war nicht alles so schlecht in der Hinrunde der letzten Saison, und es ist auch jetzt nicht alles so gut wie es scheint. Wenn man aber mal die ominöse Hinrunde der letzten Saison ausklammert, sieht man eine deutliche Stabilisierung. Der Trend ist seit Anfang 2009 klar positiv, die Hinrunde 2010/2011 war lediglich ein Ausschlag nach unten. Aber auch wenn nun scheinbar alles perfekt lief: Wir lassen uns auch von 33 Punkten nicht blenden. Es gibt noch genug zu tun. Wir spielen an der Leistungsgrenze, da gibt es keine Luft mehr nach oben. Aber man kann sich trotzdem weiterentwickeln. Wir haben ein solides Fundament.

Was hat sich für den Sportdirektor Max Eberl geändert?

Eberl: Was die Arbeit angeht, nicht viel. Im letzten Winter haben wir die richtigen Entscheidungen getroffen. Vor Fehlern aber sind wir auch heute nicht gefeit. Man muss aus den negativen Erfahrungen lernen. Aber natürlich ist das von den Emotionen her derzeit viel angenehmer. Wir spielen in einer völlig anderen Tabellenregion. Und wollen nun unsere beste Saison seit langem spielen.

Aber ist es denn jetzt nicht leichter, gute Spieler zu verpflichten?

Eberl: Viele glauben, dass wir jetzt Top-Stars holen können. Das konnten wir letztes Jahr nicht, und das können wir uns auch aktuell nicht leisten.

Wie schwierig ist es, angesichts dieser optimalen Hinrunde, das Erarbeitete weiterzuentwickeln?

Eberl: Wir müssen die Basis erhalten. Das ist wie bei einem Hausbau: Das Fundament steht. Natürlich sind Begehrlichkeiten geweckt, auch von anderen Vereinen. Aber wir haben im Sommer unsere Spieler gehalten. Und jetzt gilt es, die Mannschaft sich weiterentwickeln zu lassen, das nächste Etappenziel zu erreichen. Wir müssen nun das Gebäude weiter solide aufbauen.

Also keinen Wolkenkratzer?

Eberl: Die sind sehr selten. Das wäre vielleicht bei den Bayern möglich. Doch die sind auch schlau genug, lieber ein Pentagon zu bauen - breit und solide.

Haben Sie Angst, dass sich die Ansprüche der Fans und Ihrer Bosse am momentanen Tabellenplatz orientieren?

Eberl: Wir haben unsere Erfahrungen gemacht. Die Ereignisse haben natürlich Spuren hinterlassen. Sie haben den Verein und auch die Mannschaft geprägt. Wie wir immer sagen, und das ist nicht nur ein Spruch: Wir wissen, wo wir herkommen. Und deshalb gibt es auch keinen Grund, jetzt durchzudrehen. Diese Erfahrung, das spüre ich immer wieder, haben die Menschen verinnerlicht. Die können unsere Situation sehr gut einschätzen. Wir haben weiterhin schwierige Phasen - wie etwa im Spiel gegen Schalke. Die Fans sehen das auch, aber sie genießen die Entwicklung. Wir wollen jetzt auch zum Rückrundenauftakt gegen die Bayern gewinnen. Das ist unser Credo. Immer auf das nächste Spiel schauen. Das haben wir gelernt. Auf das kleine Ziel konzen-trieren, um das große zu erreichen.

Muss man als Manager darauf achten, nicht nur Spieler zu holen, die ins Favre-System passen? Irgendwann ist ja auch der derzeitige Wunder-Trainer weg.

Eberl: Es läuft doch nicht so, dass ein Mann alleine entscheidet. Das ist Gemeinschaftsarbeit, es werden Gespräche geführt mit allen Beteiligten. Wir wollen keine Gleichmacherei in der Mannschaft. Ein Bobadilla etwa mit seiner physischen Qualität war im Spiel gegen Dortmund ein wichtiger Faktor. Wir halten nichts davon, nur gleiche Typen zu haben. Wir wollen so aufgestellt sein, dass unterschiedliche Spielweisen möglich sind.

Wie ist es zu erklären, dass es so schnell klick gemacht hat zwischen der Mannschaft und Lucien Favre?

Eberl: Bei uns klopft sich keiner auf die Schulter. Aber wir wussten, wir haben keinen Sauhaufen. Wir haben die richtigen Spieler geholt. Das war auch zu sehen, als wir so viele Spiele verloren haben. Jetzt gewinnen wir diese, wie etwa 1:0 gegen Mainz. Das hätten wir letztes Jahr noch verloren. Die Mannschaft hat eine gute Seele, einen guten Charakter. Zum anderen arbeiten wir weiter stark mit eigenen Talenten. Diesen Weg haben wir eingeschlagen und werden ihn auch fortsetzen. Nicht der große Name beim Trainer ist entscheidend, sondern dass er zum Verein, zur Mannschaft passt. Ein van Gaal bei den Bayern hat einen großen Namen, aber er passte auf Dauer nicht. Wir kannten die Erfahrungen, die Gegenwart und die Historie von Lucien Favre. Er hat Zürich auch als Letzten übernommen und ist dann Meister mit ihnen geworden. Er hat erfolgreich mit jungen Spielern gearbeitet. Deshalb versprach die Entscheidung für ihn aus unserer Sicht den größtmöglichen sportlichen Erfolg.

Ist Borussia denn ein FC Favre?

Eberl: Bis auf Lucien Favre ist nichts anders. Also kann die Qualität nicht schlecht sein. Es gibt Wunder im Fußball, aber auf der Basis von Arbeit und Entscheidungen, die getroffen werden.

Ihr habt Michael Frontzecks Spielweise akzeptiert, die mehr auf Konter ausgelegt war. Sein Nachfolger will mehr Spielanteile und -bestimmung. Muss der Verein nicht eine Philosophie vorgeben?

Eberl: Wir geben viel vor. Auch durch die Art der Spieler, die wir holen. Lucien Favre lobt ja nicht von ungefähr die Fußball-Intelligenz seiner Profis. Als Verein musst du die Leitplanken vorgeben. Dazwischen aber muss der Trainer frei sein. Es war schwierig, das durchzuziehen, dem Druck standzuhalten. Aber wir beschreiten diesen Weg seit drei Jahren. Und haben auch in der Saison 2009/2010 attraktiven Fußball und spektakuläre Spiele gezeigt. 39 Punkte, davon 29 im Borussia-Park. Da war die Entwicklung bereits zu sehen.

Nun dürften doch zumindest die Gespräche mit potenziellen Neuzugängen leichter laufen, oder?

Eberl: Klar stehen wir in der Öffentlichkeit anders da. Die Gespräche sind nicht komplizierter, aber anders geworden. Andere Vereine sind ja auch da. Uns sind aber nach wie vor starke Grenzen gesetzt. Wir können nicht mit den Großen mitpinkeln. Wir gehen unseren Weg.

Viele Spieler erzählen, dass sie bei den Einführungsgesprächen fasziniert waren von Ihren Visionen. Diese Überzeugungsarbeit fällt jetzt doch wohl leichter?

Eberl: Es ist auf jeden Fall anders. Nun kann ich den Spielern nicht nur von unserer Zukunft erzählen, sondern auch von dem, was war und was ist.
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